Zeitung Heute : Funkstille

Der Rundfunk der DDR bekam 1956 eine neue, prachtvolle Heimat in Oberschöneweide. Später lobten Barenboim und Nena die Studios. Am Sonnabend kommt das Gebäude unter den Hammer.

Jens Mühling

Das Versagen war grundsätzlich, existenzgefährdend und unverzeihlich. Gerade erst war Gerhart Eisler zum Chef des DDR-Rundfunks berufen worden, da stellte er am 21. November 1949 klar, wo er den eklatantesten Missstand des Betriebs geortet hatte: „Versagt hat der Rundfunk bei der Frage der Kartoffelversorgung.“ Viel zu wenig Knollen hätten die Bauern abgeliefert, weil sich nicht „alle Sender eingeschaltet“ und die „nötige Propaganda betrieben“ hätten.

Eislers Fehleranalyse mag heute skurril wirken, brachte damals aber lediglich den Glauben der SED-Führung an die Macht des Mediums Radio auf den Punkt. Als mit dem Aufbau eines landesweit zentralisierten Rundfunks nach sowjetischem Vorbild begonnen wurde, stand nicht Radiounterhaltung im Vordergrund, sondern Kurzwellenpädagogik: Der Rundfunk sollte der heiße Draht zwischen Staat und Bevölkerung sein, die ideologischen Leitlinien der Partei in die kleine weite Welt der Arbeiter und Bauern übertragen – und nicht zuletzt die Kartoffelproduktion ankurbeln.

Wenn ein Medium derart breit gefächerte Aufgaben wahrnehmen soll, dann gebührt ihm auch ein angemessener Ort. Mit welchem Ehrgeiz das Projekt DDR-Rundfunk einst betrieben wurde, davon zeugt bis heute der imposante Tonstudiokomplex in der Berliner Nalepastraße. Es war der ganz große Entwurf des Bauhaus-Architekten Franz Ehrlich, der 1956 inmitten der qualmenden Schornsteine von Oberschöneweide sein Ensemble aus Klinkerbauten vollendete. Verglaste Rundgänge zerteilen Gartenanlagen, eine Backsteinbrücke verbindet die beiden Hauptgebäude, jenseits des eingefassten Spreeufers ruht die Kulisse des Plänterwalds. Wer durch die majestätische Eingangshalle ins Innere des verklinkerten Irrgartens vordringt, gelangt in den Tonstudiokomplex, das Herzstück des Ensembles. Jeder Raum ist zur Schallisolierung mit eigenen Wänden, Decken und Fundamenten ausgestattet und innen mit hallschluckenden Holzornamenten ausgeschlagen. Es sind Aufnahmesäle, die mit ihren Fünfziger-Jahre-Interieurs nicht nur optisch überwältigen, sondern wegen ihrer akustischen Qualitäten bis heute international geschätzt sind. Daniel Barenboim etwa, der hier nach der Wende mehrere Werke mit den Berliner Philharmonikern einspielte, lobte den großen Saal 1 als „eines der besten Aufnahmestudios weltweit“. Herbert Grönemeyer und Nena haben in den Studios gearbeitet, daneben internationale Stars wie A-ha, die Black Eyed Peas und zuletzt die französische Band Phoenix.

Von einem „absoluten Kleinod“ schwärmt Mark Karhausen. Der Auktionator wird den Rundfunkkomplex kommenden Sonnabend versteigern. Als Objekt Nr. 86 ist er im Katalog eingetragen: 43 261 Quadratmeter Grundstück in Spreelage, historische Bebauung, zu 40 Prozent vermietet. Mindestgebot: 300 000 Euro.

Wie das Funkhaus unter den Hammer geriet, ist eine verwickelte Geschichte, die bis 1991 zurückreicht, als das Gelände nach der Abwicklung des DDR-Rundfunks in den gemeinsamen Besitz der neuen Länder überging. Zwar siedelten sich kleinere Hörspiel- und Musikproduktionsfirmen in den Tonstudios an, auch das Filmorchester Babelsberg verlegte seinen Sitz in die Nalepastraße. Doch ein Investor, der die immensen Sanierungskosten übernommen hätte, hat sich nie gefunden. Die Hanns-Eisler-Musikhochschule, die Landesumweltverwaltung, eine Polizeiakademie, alle lehnten letztlich ab – zu weit im Osten, hieß es. Weil die Gebäude zusehends verfielen, kostete der Unterhalt zuletzt 100 000 Euro im Monat. Im November vergangenen Jahres gaben die Finanzverwaltungen der neuen Länder schließlich die Suche nach einem Investor auf: Sie verkauften das Gelände für 350 000 Euro an eine Baumaschinenfirma aus Sachsen-Anhalt. Und die will jetzt den Tonstudiokomplex getrennt vom Rest des Geländes weiterverscherbeln. Der kommende Sonnabend könnte damit zum Schlusspunkt der 60-jährigen Geschichte des Funkhauses werden.

Der Verfall ist unübersehbar. Gesprungene Fensterscheiben, durch die der Wind pfeift, Wasserschäden an den Dächern, von wuchernden Wurzeln gesprengte Bodenplatten. Vor allem aber: Stille. Natürlich war es schon immer still auf dem Gelände, weil aus den perfekt isolierten Studios kein Ton nach außen drang. Aber die Stille heute klingt endgültiger. Weil klar ist: Jenseits der Mauern lauscht kein Mensch mehr den Klängen der Nalepastraße.

Vielleicht ist die Geschichte dieses Hauses eine Geschichte des Verstummens. Am Anfang jedenfalls war Lärm: Als die Ostberliner Redaktionen 1953 provisorisch den Betrieb aufnahmen, war das Gelände eine Baustelle. Und auch im Leben der jungen Republik brach in diesem Jahr Getöse aus, das sich an den Protesten der Bauarbeiter auf der Stalinallee entzündete. Walter Ulbricht gab der Rundfunkleitung telefonisch die Weisung, nicht auf die Ereignisse einzugehen. Selbst als am 17. Juni sowjetische Panzer im Stadtzentrum auffuhren, ließ die Rundfunkleitung als einziges Zugeständnis das Musikprogramm abwandeln: Vorwiegend ernste Klassik drang aus den Radiogeräten.

Vor den Toren zogen derweil Demonstranten aus den umliegenden Großbetrieben in Richtung Innenstadt. Radiomitarbeiter wurden zur Verteidigung des Geländes am Haupttor postiert. Ein ehemaliger Redakteur erinnert sich: „Ich hatte einen Feuerwehrschlauch als Abwehrmaßnahme vor mir liegen, aber was wäre geschehen, wenn einige Hundert oder Tausende über die Mauern geklettert wären?“ Die Rundfunkleitung reagierte erleichtert, als gegen Abend sowjetische Panzer vor dem Gelände auffuhren.

In den nächsten Tagen wurden die Demonstrationen im Rundfunk zum „faschistischen Putsch“ erklärt. Das beherrschende Thema war „die Wiederaufnahme der Arbeit“, damit wäre die Angelegenheit für die Rundfunkleitung erledigt gewesen – hätte es nicht plötzlich Proteste gehagelt. Bertolt Brecht charakterisierte das Rundfunkprogramm des 17. Juni als „ein totales Versagen, ein vollkommenes Verstummen zu den ungeheuerlichen Vorgängen auf den Straßen“. Ähnlich erbost äußerten sich die Schriftsteller Stefan Heym und Erich Loest. Die geschwächte SED-Führung war dankbar für die Möglichkeit, die Schuld an den Vorgängen zu delegieren, und warf dem Rundfunk öffentlich „Schönfärberei“ vor. In den Folgetagen dominierte dieses Schlagwort das Tagesprogramm, und linientreue Kommentatoren wie Karl-Eduard von Schnitzler sprachen am Mikrofon von „funkeigenen Fehlern“. Es blieb jedoch bei den Ritualen von Kritik und Selbstkritik. Die „Sprachlosigkeit“ des Systems, konstatiert die Medienwissenschaftlerin Ingrid Pietrzynski, sei nach der Ausschaltung anfänglicher Reformbestrebungen bald wiederhergestellt worden. „Sie dauerte letztlich bis 1989.“

Wer Zwischentöne im DDR-Funk suchte, wurde trotzdem fündig – allerdings eher in den Unterhaltungssendungen, die nicht so sehr im Fokus der Funktionäre standen. Etwa beim Hörspiel: „Das war so etwas wie der kleine Laden in der Seitenstraße“, sagt Peter Gugisch. „Die Schaufenster waren nicht so groß wie beim Film oder beim Fernsehen, aber wenn man in den Regalen stöberte, fand man dort einiges, was man so nicht erwartet hätte.“ Gugisch kam 1969 zum DDR-Hörspiel, von 1976 bis zur Abwicklung leitete er die „Hauptabteilung Funkdramatik“, wie die Hörspielproduktion damals hieß. „Nalepa-Sound“ war ihr inoffizieller Titel. Von West-Kollegen wurde das Wort halb abschätzig, halb anerkennend gebraucht. Handwerklich waren die Ost-Hörspiele exzellent, inhaltlich haftete ihnen in westlichen Augen ein gewisser Stallgeruch an, der sich nicht so sehr in politischer Linientreue manifestierte – sondern eher in der streng realistischen Erzähltradition. Peter Gugisch sieht darin gleichzeitig die Begrenzung und den Vorzug des Nalepa-Sounds: „Natürlich war man im Westen weiter, was formale Experimente anging. Dafür hörte das DDR-Hörspiel sehr genau hin, und es hörte auch die falschen Töne.“

Das Geräuscharchiv der Hörspielstudios könnte seine eigene Version der DDR-Geschichte erzählen: zwischen vorsichtiger Utopie (das Geräusch eines schnellen Trabis) und behutsamer Subversion (das Geräusch eines Trabis, der nicht anspringen will). Daneben natürlich der Alltags-Sound in allen Variationen, Geräusche des sozialistischen Aufbaus, klangvolles Lob der Arbeit. „Da gab es allein 20 verschiedene Töne für das Fällen eines Baums“, erzählt Gugisch: „Großer Baum, kleiner Baum, Baum, der auf Schnee fällt, und so weiter.“ Mitunter waren allerdings die fehlenden Töne die aussagekräftigsten, wenn etwa Inge und Heiner Müller 1958 in „Die Korrektur“ die Planwirtschaft klanglos im Chaos enden ließen. Da wird einem Holzfällertrupp zwecks Normerfüllung eine weibliche Brigade zur Seite gestellt, dann gibt es auch noch Wein. Am Ende konstatiert ein Arbeiter lakonisch: „Der Wein wurde getrunken wie Selters. Die Mädchen wurden durch den Wald gejagt. Die Bäume blieben stehen.“ Der Klang von Bäumen, die nicht umfallen, kann durchdringend sein.

Ähnlich vieldeutige Töne lieferte Günther Rücker, der 1976 in „Porträt einer dicken Frau“ einen Bildhauer die Skulptur einer greisen LPG-Bäuerin anfertigen ließ, ein kaum verhohlenes Sinnbild des gealterten Sozialismus. Niemand werde die Statue ansehen wollen, klagt der Sohn der Bäuerin, weil sie nicht schön sei. „Was ist Schönheit?“, lautet die Antwort. „Jugend und Ebenmaß. Aber der Mensch will auch sehen, wie Jugend vergeht. Und wie es dazu gekommen ist.“ In „Tautropfenliebe“ schließlich, das war schon kurz vor dem Mauerfall, da zählt ein Mädchen vor dem Einschlafen Schafe: „Vier, fünf, sechs, siebenundvierzig-elf Köllnisch Wasser. Gibt’s auch hier, riecht aber ganz anders. Sieben, acht, neunvierdrei RIAS 2. Gibt’s hier auch, aber nur manchmal.“

Auch musikalisch gaben die Ostfrequenzen Zwischentöne her – vor allem das legendäre „Jugendradio DT 64“. Zunächst nur als einmalige Sondersendung zur FDJ-Deutschland-Tagung von 1964 ausgestrahlt, wurde es danach ins reguläre Programm integriert – um, so die offizielle Version, die „Hausherren von morgen“ stärker einzubinden. Der erste Redaktionsleiter Siegmar Krause erinnert sich an die Verhandlungen mit Gerhart Eisler, dem kartoffelsinnigen Rundfunkchef: Die jungen Leute, habe er zu Eisler gesagt, wollten nun mal die Beatles hören, und wenn, „dann sollen sie sie bei uns hören“. Krauses Argumentation setzte sich durch, trotz großer Widerstände Erich Honeckers, der 1965 eine „fehlerhafte Beurteilung“ der Beatmusik durch die Radiomacher kritisierte: „Sie wurde als musikalischer Ausdruck des Zeitalters der technischen Revolution entdeckt, und dabei wurde übersehen, dass der Gegner diese Art Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung der Beat-Rhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen.“

Trotz Honeckers Beat-Phobie sendete DT 64 künftig mit vergleichsweise lockeren Moderatoren vergleichsweise interessante Musik. Damit bedienten sie nicht nur Hörerwünsche, sie trugen auch der Situation in den ostdeutschen Plattenläden Rechnung, wenn sie etwa in der Sendung „Duett – Musik für den Recorder“ West-Alben in voller Länge spielten. Generationen von DDR-Jugendlichen saßen vor dem Radio und schnitten Platten mit, die es in ihrem Land nicht zu kaufen gab.

Mit einem Volksaufstand hatte die Geschichte der Nalepa-Studios begonnen, mit einem Volksaufstand sollte sie enden. Klaus-Peter Beyer leitet heute als Intendant das Filmorchester Babelsberg und ist inzwischen der Einzige in der Nalepastraße, der schon zu DDR-Zeiten hier tätig war. 1985 hatte er im DDR-Rundfunkorchester angefangen, vier Jahre später hatte er als Orchesterleiter „das zweifelhafte Vergnügen“, am 7. Oktober 1989 im Palast der Republik das musikalische Rahmenprogramm zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung zu gestalten. Während im Saal die SED-Führung tafelte, warteten die Musiker auf ihren Auftritt. „Diejenigen von uns, die am Fenster standen“, erinnert sich Beyer, „lieferten Situationsberichte über die Demonstranten, die vom Alexanderplatz in unsere Richtung marschierten.“ Als sie sich dem Palast bis auf wenige hundert Meter genähert hatten, sprang plötzlich die Tür zum Bankettsaal auf. „Direkt vor uns rannte Gorbatschow den Gang entlang, mit wehendem Mantel überm Arm. Kurze Zeit später folgte Ceausescu, Honecker kam als Letzter. Die Ratten verließen das sinkende Schiff.“

Der Auftritt des Rundfunkorchesters fiel aus – und einen Monat später war die Wende da. Mit ihr entstand die Hoffnung auf einen reformierten Ostfunk, die sich bald als Illusion erweisen sollte. Im Einigungsvertrag wurden die Auflösung des DDR-Rundfunks und seine Überführung in neu zu gründende Länderanstalten der ARD beschlossen. Dem Westdeutschen Rudolf Mühlfenzl fiel die Aufgabe zu, den ostdeutschen Rundfunkapparat mit seinen knapp 10 000 Mitarbeitern abzuwickeln. Obwohl einzelne Programme und viele Mitarbeiter in den westdeutschen Institutionen untergebracht wurden, hat Klaus-Peter Beyer gemischte Erinnerungen an diese Zeit. „Wir arbeiteten Konzepte zur Nutzung der Orchester aus und wurden damit nicht mal ins Vorzimmer gelassen.“ Das Ende der Nalepastraße war beschlossene Sache. Am 31. Dezember 1991 verschwanden die DDR-Sender endgültig aus dem Äther. Und über der Nalepastraße lag eine Stille, die durchdringender war als jede Frequenzstörung.

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