Zeitung Heute : Fußball ist sein nacktes Leben Er hat Leukämie. Seine Chance stand bei eins zu drei Millionen.

Und dann kam Hertha BSC

André Görke

Die Wut der Fankurve wollte nicht enden. Auf der Nordtribüne schrien und pfiffen sie, immer lauter, immer aggressiver. Es war ungemütlich im Stadion von Hannover 96. „Benny“, stand in großen Buchstaben auf einem 40 Meter langen Transparent, „das ganze Land steht hinter dir!“ Gegenüber, in der Südkurve, hatten die Fans von Hertha BSC „Für Benny!“ auf ein Laken gemalt. Auch sie pfiffen und schrien, alle sahen doch die Botschaft, nur die Fußballer nicht. Sie ignorierten das Transparent, das vor ihren Füßen lag. Erst als jeder der 40000 Menschen wütend war an diesem Sonnabend vor einer Woche, da endlich verstanden auch sie. Also nahmen die 22 Spieler das Plakat vom Rasen und liefen damit ein Stadionrunde. „Gemeinsam kämpfen!“, stand darauf. In Hannover gab es endlich Applaus.

Benny konnte das nicht sehen. Er lag in Hannover, wenige Kilometer entfernt, auf Station 42 im Krankenhaus der Medizinischen Hochschule. Klimatisierte Zimmer, vier Betten, keimfreie Luft. Benny darf keine Äpfel essen und auch kein frisches Gemüse, Benny darf eigentlich gar nichts. Benjamin Bienert ist 20 Jahre alt, seine Diagnose lautet: akute Leukämie. Nach seiner Einlieferung hatte der Arzt gesagt: „Wenn wir nicht schnell einen Spender finden, wird der Junge sterben.“

Das war am 1. September und der Beginn einer merkwürdigen Geschichte. Bienerts Heimat ist Hennickendorf, 30 Kilometer hinter der östlichen Stadtgrenze Berlins gelegen. Seine Leidenschaft: Hertha BSC. Bienert reist zu Auswärtsspielen, steht in der Kurve des Berliner Olympiastadions, er gehört zu den „Harlekins“, den Einpeitschern. Er ist einer von vielen tausend, die jede Woche durch das Land zum Fußball fahren. Er ist einer von 12000 Menschen, die jährlich in Deutschland an Leukämie erkranken. Ein alltägliches Schicksal. Doch die nächsten Wochen vergingen anders.

Der Reihe nach. Nach der Diagnose klingelte im Büro des Hertha-Fanbeauftragten das Telefon. Der Chef der Harlekins war dran, „könnt ihr helfen?“, fragte er. Am Abend saßen sie bei den Hertha-Managern. Helfen ja, aber wie? Akute Leukämie führt zu Gewebeschäden, die Zahl der roten Blutkörperchen, die Sauerstoff transportieren, nimmt ab – die der unreifen, nicht funktionstüchtigen weißen Blutzellen steigt dagegen. Helfen würde eine Knochenmarktransplantation. „Die ist eigentlich kein Problem“, sagt Bienerts Arzt Arnold Ganser. Blut abzapfen, Analyse, fertig. Weltweit sind acht Millionen Spendewillige registriert, in Deutschland zwei Millionen. Bienerts Werte sind selten, „die Chance, den genetischen Zwilling zu finden, steht eins zu drei Millionen“, sagt Ganser.

Mitte September hängt im Olympiastadion das erste Plakat. Ganz unten, vor der Ostkurve. „Kämpfen Benny!“, dahinter stehen die Harlekins. In Hannover kämpft Benjamin. Er nimmt ab, die Haare fallen ihm aus. In Berlin lassen sich die ersten Fans Blut abnehmen, auch die Spieler. Ergebnis: negativ. Kein Spender.

Oktober. Bienert nimmt Morphium, hat Nasenbluten, vergisst Wörter. In der Fußballszene hat sich die Geschichte herumgesprochen. Der 1. FC Union Berlin macht mit, auch Karlsruhe und Hannover. Geldspenden gehen ein, es ist nämlich so: All die Blutproben nützen nichts, wenn kein Geld für die Analyse da ist. 50Euro pro Röhrchen. In Köln werden Artikel ins Stadionheft gedruckt, die zum Blut- und Geldspenden aufrufen, in Burghausen steht plötzlich ein Zelt des Roten Kreuzes. 300 Röhrchen. Blut fließt bundesweit, der Zentralrechner schweigt.

November. Bienert darf nicht reden, er ist schwach, schläft viel. In Herthas Kabine erkundigen sich die Spieler, Andreas Neuendorf steigt in die Bahn und fährt zu ihm. Tormann Christian Fiedler ruft an, fragt, wie es geht. „Gut“, lügt Benny.

In den Stadien geht es weiter, in der Champions League, im Bundesligaalltag. Die Fans von Dortmund „bechern für Benny!“ und spenden das Pfand, die Mönchengladbacher sammeln Kleingeld bei „Penny für Benny!“, auch aus Straßburg und Österreich kommt Geld. Die Zahl der Blutproben liegt jetzt bei 4000. Im Krankenhaus haben die Ärzte längst mit Bienert über den Tod geredet.

Dezember, letzter Spieltag, Hertha also in Hannover. Die Stimmung ist schlecht. Winterpause, leere Stadien, die Euphorie würden sie nicht ins nächste Jahr retten. Und dann klingelt das Telefon: „Sie haben ihn!“ Den Spender. Die Nachricht soll geheim bleiben, bis alles sicher ist. Gestern hat der Vater, André Bienert, Danke gesagt für 106000 Euro und 6000 Blutproben. Im Februar soll die Transplantation stattfinden. Woher der Spender kommt? Der Zentralrechner hat eine Zahlenreihe ausgespuckt und zwei Buchstaben: CA. Ein Kanadier, 33 Jahre alt. Kein Fußballanhänger, und trotzdem: Neun Fans sollen sich noch einmal melden. Der Rechner habe da eine hohe Übereinstimmung zu anderen Leukämiekranken entdeckt.

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