Zeitung Heute : Fußballs Bruder

Randsportart im Rampenlicht: Die Handball-WM elektrisiert Millionen und erinnert an den Sommer 2006

Sven Goldmann[Köln]

Plötzlich springt Christian Schwarzer hoch von der deutschen Mannschaftsbank, und etwas Bedrohliches liegt in der Luft. Christian Schwarzer ist ein Bär von einem Mann, 1,98 Meter groß, 98 Kilogramm schwer, er trägt einen schwarz-goldenen Sportdress, der in Verbindung mit den Protektoren um Knie und Ellenbogen aussieht wie ein Kampfanzug. Mit so einem legt man sich besser nicht an. Wie er da aufspringt in diesem Viertelfinale der Handball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Spanien, sieht es so aus, als würde er gleich auf das Spielfeld stürmen und den nächstbesten Spanier über den Haufen rennen. Zum Beispiel den, der gerade das Ausgleichstor geworfen hat, 23:23, es wird eng für die Deutschen, die doch das ganze Spiel über geführt haben. Aber Christian Schwarzer dreht sich weg vom Spielfeld, hin zu den Zuschauern in der Kölnarena, er wirft die Arme hoch, zwei-, drei-, viermal, und er brüllt irgendetwas, man kann es nicht verstehen, denn der Lärmpegel in der Arena nimmt jetzt Formen an, dass eigentlich das Ordnungsamt der Stadt Köln eingreifen müsste. Die Zuschauer haben begriffen, was Schwarzer will: Los, steht auf, macht Lärm, wir brauchen euch! Also stehen sie auf und machen Lärm, und gemeinsam ringen sieben deutsche Handballspieler auf dem Feld und 19 000 Fans auf den Rängen den Weltmeister Spanien nieder. Deutschland steht im Halbfinale, der Gegner heute Nachmittag heißt Frankreich und ist immerhin Europameister, aber das ist den Deutschen egal, „wir können uns nur noch selbst schlagen“, sagt der Magdeburger Abwehrspieler Oliver Roggisch.

Seit zwei Wochen läuft die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland, und in diesen zwei Wochen ist Erstaunliches passiert. Ein halbes Jahr nach der grandios inszenierten Fußball-Weltmeisterschaft versucht sich die Nation an einem Dacapo im kleineren Rahmen, im Mikrokosmos einer besseren Randsportart. Richten soll es die über alle Erwartungen erfolgreiche deutsche Mannschaft, der nur noch zwei Siege zum WM-Titel fehlen, es wäre der erste seit 1978. Fußball-Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff haben schon mal ein Telegramm ins Mannschaftshotel im oberbergischen Städtchen Wiehl geschickt: „Wir drücken euch die Daumen, dass ihr das erreicht, was uns verwehrt blieb.“ Passend zu Sönke Wortmanns Dokudrama über die rauschenden Fußballtage im vergangenen Sommer stellen die Handballfans die Mission ihrer Mannschaft unter ein anspruchsvolles Motto: Deutschland, ein Wintermärchen.

Historisch und literarisch gesehen ist das mit dem Wintermärchen keine besonders gute Idee. Sönke Wortmanns Filmtitel war eine Spielerei mit Heinrich Heines Versepos, durch die Wendung vom Winter zum Sommer konnte er es sich erlauben, die politische Konnotation ins Gegenteil zu drehen. Heines Wintermärchen war ja nicht gerade eine Liebeserklärung an Deutschland, jedenfalls nicht an das Deutschland, das er bei seinem Kurzbesuch aus dem Pariser Exil vor gut 160 Jahren antraf. Auch Heiner Brand hat sich lange gewehrt gegen das Bild vom Wintermärchen, dabei allerdings weniger an Heine gedacht. „Der Vergleich zur Fußball-Weltmeisterschaft stimmt einfach nicht“, hat der Bundestrainer immer wieder gesagt und auf die Unterschiede verwiesen: Hier der Volkssport Fußball, verankert in den Großstädten mit Millionen von Fans im ganzen Land. Dort der immer noch als Dorfsport apostrophierte Handball mit seinen Zentren in beschaulichen Gemeinden wie Lemgo oder Gummersbach, Nettelstedt oder Großwallstadt. Brand hat das Vorbild der Fußball-Weltmeisterschaft verflucht als allzu hohe Hypothek für seine junge Mannschaft. Aber als es denn losging mit ausverkauften Arenen in Berlin, Halle/Westfalen und Dortmund bis hin zu dem dramatischen Showdown am Dienstag in Köln, da hat der Bundestrainer, sichtlich bewegt, doch etwas gemurmelt von einer „Atmosphäre, die es beim Handball noch nie gab“.

In Berlin war die Max-Schmeling-Halle schon Monate vor dem Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Brasilien ausverkauft, obwohl kein einziges Plakat in der Stadt zu entdecken war. In Dortmund war das Interesse so groß, dass 3000 Fans das Vorrundenspiel gegen Frankreich in einer Nebenhalle der Westfalenhalle auf einer Großbildleinwand verfolgten. Public Viewing im Handball. Die jungen Mädchen in der Kölnarena schmücken sich mit schwarz-rot-goldenen Hawaii-Kränzen. Das passt nicht zum regnerisch-kalten Wetter, aber zur Begeisterung um einen Sport, den große Teile der Öffentlichkeit gerade neu für sich entdeckt haben. Der Schneeball der ersten Siege ist angewachsen zu einer Lawine, die das ganze Land überrollt. Die Fernsehübertragung vom Viertelfinalspiel gegen Spanien verfolgten am Dienstag in der Spitze 11,59 Millionen Zuschauer. „Ganz Deutschland steht hinter uns“, sagt der Lemgoer Nationalspieler Markus Baur. Ganz Deutschland, und nicht nur Lemgo oder Gummersbach, Nettelstedt oder Großwallstadt.

Es gibt verschiedene Theorien darüber, warum Handball sich vor allem auf dem Land verbreitet hat, die plausibelste besagt, dass die Turner Handball um 1920 als Gegengewicht zum ungeliebten Fußball protegiert hätten. Da Fußball sich in den Städten schon durchgesetzt hatte, seien die Turner mit ihrem Konkurrenzunternehmen eben auf die Dörfer gezogen. Heiner Brand ist in so einem Dorf aufgewachsen in Gummersbach, dem Handballdorf schlechthin. Brand kam als Siebenjähriger zum VfL Gummersbach, er hat einmal erzählt, dass er auch gern Fußball gespielt hätte, aber da sei nichts zu machen gewesen.

Heiner Brand war 1978 dabei, als die Deutschen zum bislang letzten Mal Weltmeister wurden. Das war in Kopenhagen gegen die Sowjetunion. Gespielt wurde vor 7000 Zuschauern in einer besseren Turnhalle. Sechs Feldspieler passten sich vor dem gegnerischen Abwehrkreis den Ball zu, und irgendwann warf einer den Ball mit urwüchsiger Kraft aufs Tor. Vielleicht wäre das Spiel nie aus seiner Dorfnische herausgekommen, hätte der Weltverband nicht in den 90er Jahren die „schnelle Mitte“ eingeführt. Eine neue Regel gestattet es, das Spiel unmittelbar nach einem gefallenen Tor an der Mittellinie neu zu beginnen, ganz egal, wo sich die Spieler der eben noch erfolgreichen Mannschaft aufhalten. Das Tempo stieg und mit ihm die Zahl der erzielten Tore. Mit diesem Kunstgriff hatte sich der Handball umgemodelt zum Speed-Handball.

Dazu kam der symbolische Effekt: Das zuvor so statische Spiel fand Anschluss an eine veränderte, schnelllebige Zeit und war auf einmal modern. Der Handball von heute hat seine Dynamik der des Basketballs angenähert und ist damit auch attraktiv für jüngere Zuschauer. Raus aus den Dörfern, hinein in die Städte. In Hamburg hat sich das Spiel schon etabliert, der Handball-Sportverein Hamburg gehört seit ein paar Jahren in der Bundesliga zu den prägenden Kräften. Der VfL Gummersbach zieht zu großen Spielen schon mal aus dem Bergischen Land in die nahe Kölnarena. In Mannheim füllt eine Mannschaft mit dem eher dörflich anmutenden Namen SG Kronau-Östringen die moderne SAP-Arena. Der THW Kiel spielt regelmäßig vor 10 000 Zuschauern in der ausverkauften Ostseehalle. Und zur kommenden Saison wird wohl auch Berlin mit den Füchsen ein Bundesligateam haben.

Viel hat sich verändert, aber Heiner Brand ist geblieben. Er sieht immer noch so aus wie der Kreisläufer Brand, mit athletischer Figur, vollem Haar und seinem gewaltigen, walrossartigen Bart. Für diesen Bart müsste er eigentlich Lizenzgebühren kassieren, denn er steht wie kein zweites Symbol für die Marke Handball in Deutschland. Zum Spiel gegen Spanien titelte der „Kölner Express“: „Heute sind wir alle Heiner!“ und legte seiner Ausgabe Brands Bart als Schnittmuster bei, „ausschneiden, ankleben und mitfeiern“.

Brands Popularität überdeckt die Probleme, die sein Sport in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch hat, es fehlen die Typen, unverwechselbare Gesichter, Idole für die Jugend. Der letzte Handballheld war Stefan Kretzschmar, dank seiner Tattoos und der Liaison mit der Schwimmerin Franziska van Almsick verfügte er auch außerhalb der Handballarenen über einen Prominentenstatus. Er gehörte zu der goldenen Generation, die über Jahre führend in der Welt war und doch nie Weltmeister wurde. Vor drei Jahren hat er sich aus der Nationalmannschaft verabschiedet.

Neue Helden braucht das Land, die Weltmeisterschaft soll sie produzieren, zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Vielleicht ist ja Michael Kraus so einer, der Spielmacher, der es vor ein paar Jahren zum „Bravo-Boy des Jahres“ brachte. Oder Pascal Hens, der Rückraumspieler mit der Irokesenfrisur. Oder Holger Glandorf, der gegen Spanien fünf spektakuläre Tore warf. Am Ende aber hat Heiner Brand das Schicksal der Mannschaft noch einmal einem Mann aus der goldenen Generation anvertraut. Christian Schwarzer sollte die WM eigentlich als Experte für das ZDF verfolgen, doch als Kreisläufer Andrej Klimovets wegen einer Verletzung ausfiel, rückte der 37-Jährige nach dreijähriger Abstinenz nochmal ein zum Dienst fürs Vaterland.

Die jüngeren Spieler schwärmen von der Sicherheit, die Schwarzer ihnen gibt. Und wenn sie allzu euphorisch werden und nur noch die Stunden zählen bis zur Siegerehrung am Sonntagabend, dann holt Schwarzer sie zurück in die Gegenwart. Als Holger Glandorf nach dem Sieg über Spanien andeutete, er könne jetzt gleich weiterspielen, „ich bin noch voller Adrenalin“, da war es Christian Schwarzer, der mahnend seine Stimme hob: „Wir haben die Sache noch nicht beendet.“ Auch im Handball ist das nächste Spiel immer noch das schwerste. Heute geht es gegen Frankreich, zum zweiten Mal bei diesem Turnier. Aber wenn einer der Kollegen sich einbilden sollte, das werde schon seinen Weg gehen gegen den Europameister, dann wird ihm Christian Schwarzer in seinem Kampfanzug schon Bescheid geben. Und wehe, wenn die Zuschauer nicht genug Lärm machen.

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