Zeitung Heute : Futter für einen Skandal

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Von Antje Sirleschtov

Einen schlechteren Zeitpunkt für ihre Demonstration hätten sich die Aktivisten des Naturschutzbundes BUND kaum aussuchen können. Während sie Transparente schwingend und Aufrufe skandierend am Montagmorgen vor dem Bundeskanzleramt den Hausherrn Gerhard Schröder zu weiterer Unterstützung ökologisch orientierter Landwirtschaft ermahnten, tobt in Deutschland der nach Expertenmeinung größte Öko-Skandal, den Deutschland je gesehen hat.

Spätestens seit vergangenem Freitag ist klar, dass auf Öko-Bauernhöfen vor allem Geflügel mit Öko-Futtermittel gefüttert wurde, das das giftige und Krebs erregende Pflanzenschutzmittel Nitrofen enthält. Wie viele Hühnchen den verseuchten Weizen gefressen haben, wie viele so ernährte Brathähnchen bereits gegrillt wurden und wie viele belastete Hühnereier schon zu Ostern auf deutschen Frühstückstischen gelandet sind, weiß bislang noch niemand. Hektisch sammeln Behörden und Öko-Verbände Info-Material zum Hergang des Skandals. Und auch das Verbraucherschutzministerium in Berlin will sich erst einmal einen Überblick verschaffen. Mehr als 100 Öko-Betriebe könnten betroffen sein. Klar allerdings ist bereits jetzt: Dass mit Nitrofen belasteter Weizen auf deutschen Öko-Bauernhöfen gehandelt wird, das wissen Insider seit Januar. Nur die Frage, wer seiner Aufsichts- und Kontrollpflicht seitdem nicht nachgekommen ist, die ist noch nicht beantwortet.

Zum Hergang des Nitrofen-Skandals: Schon Ende Januar, sagte der Sprecher des Öko-Verbandes Naturland, hätten Testlaboranten beim Geflügelfleisch des süddeutschen Babynahrungs-Herstellers Hipp festgestellt, dass die Tiere mit Nitrofen verseucht waren. Eigentlich ein Zufall, denn Nitrofen ist seit zwölf Jahren verboten, und Produkte werden, außer bei Hipp, schon seit geraumer Zeit nicht mehr auf ihren Nitrofen-Gehalt untersucht. Der Nahrungsmittelhersteller hat seinen Lieferanten, den niedersächsischen Hühnchenzüchter Grüne-Wiesen-Biohöfe, auf den Nitrofen-Fund bereits im Februar hingewiesen.

Auch diverse staatlich beauftragte Lebensmittelkontrollstellen wussten von dem Fund. Im Verborgenen forschten die Wissenschaftler und der Bio-Verband Naturland spätestens seit März nach der Herkunft des Giftes. Am 2. April, sagt der brandenburgische Kontrolleur Rainer Friedel von Agroökoconsult, habe es sogar eine Telefonkonferenz mehrerer Kontrollstellen gegeben. Ihm, Friedel, sei mitgeteilt worden, dass der brandenburger Öko-Betrieb AVG aus Stegelitz/Uckermark als Herkunftsort des Nitrofen-Weizens ausgemacht worden sei.

„Da war nichts“

Bereits einen Tag später habe er den Betrieb „unvorangemeldet“ inspiziert, sagt Friedel. Ohne positiven Befund. „Da war nichts“, erinnert sich der Kontrolleur, gibt aber zu, dass er „geringere Möglichkeiten der Kontrolle als die Polizei“ habe. Dennoch entschloss sich Friedel, den Vorfall am 10. April dem Potsdamer Landwirtschaftsministerium mitzuteilen. Ob sich das Ministerium seitdem mit Rückfragen an ihn gewandt habe? „Nein, keine Reaktion aus Potsdam“, so Friedel. Auch der Naturland-Verband verweigert jede Aussage darüber, warum so viele Menschen von den Nitrofen-Funden gewusst – und darüber geschwiegen haben. „Das Schweigen hat der gesamten Branche geschadet“, sagt Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Niemand könne ernsthaft davon ausgehen, dass von solchen „kriminellen Subjekten“ die Öko-Landwirtschaft verschont bleiben werde. „Doch die Kontrollketten müssen funktionieren, und die Sache darf nicht unter der Decke gehalten werden".

Baringdorf, Grünen-Abgeordneter im Europa-Parlament und selbst Ökobauer, macht für den Vorfall „die Blauäugigkeit“ der Politik und der Öko-Verbände verantwortlich. Als die Bundesregierung nach dem BSE-Skandal bekannt gab, dass sie den Anteil der Öko-Landwirtschaft in Deutschland von zwei auf 20 Prozent erhöhen will, sei ein „Boom“ losgetreten worden. Die traditionellen Öko-Verbände, „alles Gesinnungstäter“, so Baringdorf, wären „völlig überfordert“ gewesen. In erster Linie, weil die ÖkoBranche bis vor kurzem noch ein quasi-sozialistisches Schattendasein gepflegt hätte. „Nun sind wir entzaubert“, sagt Baringdorf, „denn nun ist die Öko-Branche im Kapitalismus angekommen".

Der Skandal führte denn auch am Montag zu einem heftigen Streit um die von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) eingeleitete Agrarwende. Auch aus der SPD wurde Künast hart angegriffen und zum Umdenken aufgefordert. Niedersachsens Agrarminister Uwe Bartels (SPD) sagte, nun zeige sich, dass „Künasts einseitige Agrarpolitik zu Gunsten der Öko-Betriebe“ nicht gerechtfertigt sei. Der FDP-Agrarexperte Ulrich Heinrich warf Kanzler Schröder vor, er selbst habe die Agrarwende gefordert „und eine einseitige Ausrichtung auf den Öko-Landbau provoziert“. SPD und Grüne hätten falsche Hoffnungen bei Verbrauchern geweckt.

Wann die Verbraucher über die Auswirkungen des Skandals in aller Offenheit informiert werden, ist noch immer nicht klar. Das Verbraucherschutzministerium will erst am vergangenen Freitag aus „einer Quelle“ unterrichtet worden sein. Seitdem recherchiere man „auf Hochtouren“, sagte eine Sprecherin. Und auch die eingeschalteten Staatsanwaltschaften in Niedersachsen und Brandenburg wiesen auf laufende Ermittlungen hin.

Mit den Öko-Verbänden will das Berliner Verbraucherministerium allerdings schon am Dienstag ein Hühnchen rupfen. Denn der Ministerin Künast haben sie es zu verdanken, dass sie aus der alternativen Szene herausgeholt und zum gesuchten Lebensmittel-Produzenten geworden sind. Ein Vertrauen, sagt ÖkoBauer Baringdorf, „das jetzt erst einmal gestört ist".

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