Zeitung Heute : Futter für einen Skandal

Dioxin im Fressen, Gift im Essen. Der jüngste Fall in Thüringen zeigt: Trotz Kontrollen kommt es immer wieder zu gefährlichen Pannen. Die Fehler der Vergangenheit haben zwar zu neuen Vorschriften geführt, aber offensichtlich halten sich nicht alle daran.

Dagmar Dehmer

Für Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) liegt der Fall klar. „Die sind da einfach nicht auf Zack“, sagte sie der „Sächsischen Zeitung“ zum Dioxin-Skandal in Thüringen über die dortigen Behörden. Den Vorwurf will Stefan Baldus (CDU), Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, nicht auf sich sitzen lassen. „Damit will sie doch nur davon ablenken, dass der Bund noch immer keine Verwaltungsvorschrift für die Meldungen vorgelegt hat, wie die Europäische Union das verlangt“, sagte er dem Tagesspiegel. Nur eines hat seine Sprecherin Katrin Trommer- Huckauf zugegeben. Dass ihr Haus für die Information des zuständigen Sozialministeriums in Erfurt fünf Tage gebraucht hat, „das war zu lang“.

Das Spiel, die Verantwortung für die Pannen hin- und herzuschieben, ist der Klassiker in jedem Drehbuch für einen Lebensmittelskandal. Diesmal ist es Dioxin in Futtermitteln. Ein Trocknungsbetrieb in Apolda hatte trotz eines Defekts der Anlage die Herstellung von Futter-Zwieback und Zuckerrübenschnitzeln nicht eingestellt. Weil in der Anlage noch dazu nasse Holzstückchen verbrannt wurden, wurden mehr als 2100 Tonnen Futtermittel mit dem krebserregenden Gift verseucht – und verkauft.

„Dass der Fall aufgedeckt wurde, ist reiner Zufall“, sagt Trommer-Huckauf. Und wirft ein Licht auf die real existierenden Futtermittelkontrollen in Deutschland. Am 4. Dezember nahm ein Kontrolleur eine Probe in dem Werk. Rund 100 solcher Proben werden in Thüringen im Jahr gezogen. Der Kontrolleur reiste eine Woche lang von Werk zu Werk, um Proben zu nehmen. Einmal pro Woche liefert der Kontrolleur seine Proben in der Zentrale ab. Dort werden sie vorbereitet, um an die Untersuchungslabors verschickt zu werden.

Schon im Urlaub

Weil die so genannten Breitwandanalysen aufwändig und teuer sind, werden sie erst ans Labor weitergereicht, wenn genügend – in diesem Fall fünf – Proben beisammen sind, um Rabatte in Anspruch nehmen und Porto sparen zu können. Im Labor kamen die Proben am 19. Dezember an. Dort hatte aber bereits der Weihnachtsurlaub begonnen, der nach Dreikönig, also am 7. Januar, endete. Erst dann wurden die Proben untersucht. Am 15. Januar erfuhr das Landwirtschaftsministerium in Thüringen erstmals von der Dioxinverseuchung. Weitere Proben zeigten keine erhöhten Werte mehr, was allerdings daran lag, dass das Dioxinmessgerät des Untersuchungslabors defekt war. Es dauerte bis zum 7. Februar, bis das Erfurter Ministerium davon überzeugt war, dass es wohl doch nicht nur um 20 Tonnen Futtermittel ging, die an einen Schweinemäster in Thüringen geliefert worden waren. Denn die Dioxinwerte der dort geschlachteten Schweine waren so hoch, „dass da mehr gewesen sein musste“, wie TrommerHuckauf sagt.

Baldus verteidigt, dass das Verbraucherschutzministerium erst am 7. Februar über den DioxinSkandal informiert worden ist. Schließlich habe eine „Verbrauchergefährdung ausgeschlossen“ werden können. Die betroffenen Schweine wurden vernichtet, und sollten doch belastete Produkte auf den Markt gekommen sein, sei die Dioxinkonzentration sehr gering, sagte er dem Tagesspiegel. Im Übrigen liege die Schuld dafür eindeutig bei dem Trocknungsunternehmen. Deshalb habe das Land auch Klage gegen die Firma eingereicht. Auf den Einwand, dass Futtermittelfirmen kaum etwas zu befürchten haben, weil ihre Vergehen in der Regel als Ordnungswidrigkeiten bewertet werden, sagte Baldus: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ermittlungen im Sande verlaufen.“

Carsten Direske von der Verbraucherorganisation Foodwatch kann das schon. Schließlich sind vor einer Woche auch die Ermittlungen gegen die Futtermittelfirma, die den Nitrofen-Skandal vor einem Jahr mit verursacht hat, eingestellt worden. „Das Sanktionspotenzial ist offenbar nicht ausreichend“, sagt er deshalb. Außerdem kritisiert er den Zuständigkeits-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern. Denn für die Lebensmittelsicherheit sind meistens sogar die Kreise zuständig, die womöglich befangen seien, wenn es darum gehe, einen Betrieb zu schließen, um Verbraucher nicht zu gefährden. Stefan Baldus sagt dazu nur: „Die Betriebe sind dafür verantwortlich.“ Auch der Deutsche Bauernverband hält die Eigenkontrolle der Unternehmen für ausreichend. Sprecher Helge Amberg: „Das wird doch hochgespielt.“ Außerdem habe der Betrieb dem System „Qualität und Sicherheit“, das Bauernverband und Industrie entwickelt haben, um Skandale auszuschließen, nicht angehört. Über ein Qualitätsmanagementsystem verfügt der Trocknungsbetrieb dagegen. Am 23. Dezember wurde er – auf Anforderung des Landwirtschaftsministeriums – nach der Iso-Norm 9001 zertifiziert. Baldus dazu: „Wir haben ein paar Fragen an das Zertifizierungsbüro.“ Foto: dpa

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