Futtermittelskandal : 90000 arme Hühnchen

In Deutschlands größten Bio-Hühnerställen leben Tiere der Sorte "Lohmann braun" und "Lohmann Tradition" - jetzt müssen sie wohl sterben

Torsten Hampel[Karbow]

Es ist Mittag im Müritzkreis, und der Biostall im Dörfchen Buchholz ist verrammelt, genauso wie der nebenan in Karbow. Eisenketten hängen vor den Gittertoren, kein Mensch ist zu sehen, nur ein paar Hühner sind aus den Luken gekommen und stehen dahinten auf den schlammigen Betonplatten. Vom Zaun aus ist nicht zu erkennen, ob es sich bei ihnen um „Lohmann braun“ handelt oder doch um „Lohmann Tradition“, das sind die beiden Sorten, die sie hier halten. Sie leben noch.

In Karbow, Mecklenburg-Vorpommern, stehen insgesamt drei große Hühnerställe, zwei für Freiland-, einer für Biohaltung, alle betrieben von der Firma Wiesengold. Wiesengold ist der größte Bio-Ei-Hersteller in Deutschland. Und hier in der Gegend hat man Nitrofen im Hühnerfleisch und in den Eiern gefunden, öfter als anderswo, in insgesamt sechs Ställen mit 60000 Legehennen und 30000 Masthähnchen. Die sollen nun geschlachtet werden. Der Schweriner Landwirtschaftsminister hat das am letzten Mittwoch so verkündet, am Donnerstag dann aber gemerkt, dass er das gar nicht darf. Ist ja keine Seuche, die Sache mit dem Nitrofen, da kann sich nichts mehr ausbreiten, und die Behörden müssen sich in so einem Fall heraushalten. Aber Wiesengold darf die Hühner jetzt nicht mehr verkaufen, so viel ist klar, die Eier, die sie legen, auch nicht, also wird die Firma die Tiere wohl tatsächlich töten, weiterleben lassen rechnet sich ja nicht.

Hält sich aber anscheinend keiner an das Verkaufsverbot, da, da drüben, auf der anderen Straßenseite, da liegt das Geflügel schon aufgebahrt, in einer Garage. Fünf Hühner auf einem Holzbrett, rücklings, die Köpfe ab. Ein bisschen klein sind sie, waren wohl noch jung, aber sie sind ja schon gerupft, das täuscht vielleicht. Das Tier ganz links ist am längsten tot, es ist schon kalt und steif und streckt die Beine hoch zur Garagendecke. „Nee“, sagt der Mann, der daneben steht und sich die Daunen von der Stirn wischt, „Hühner sind das nicht. Sind Tauben.“

Ach so, halten sie sich wohl doch dran. Nur, die Leute von Wiesengold, sie sagen nichts dazu. Keine Stellungnahme, bescheiden sie in der Firmenzentrale in Niedersachsen jeden, der fragt, wir müssen das selber noch untersuchen. Ende der Woche vielleicht, da wissen wir mehr.

Klaus Schwochow, der Mann aus der Garage, bei dem es am Abend Taubenbraten geben wird, er kann auch nichts über die Ställe am Dorfrand sagen und darüber, was jetzt mit den Tieren und den Angestellten dort geschieht. Er weiß auch nicht, ob Wiesengold nun pleite ist oder versichert gegen Schäden wie diesen; wenn also anderswo in einem Hühnerfutterlager irgendwer absichtlich oder aus Nachlässigkeit Gift ins Getreide mischt. „Aber meine Nachbarin, die Frau Mau, zwei Häuser weiter, die arbeitet in der Hühnerfarm.“ Also, Frau Mau, was passiert mit den Hühnern, wie geht es jetzt weiter bei Wiesengold? „Wir haben Anweisung zu schweigen“, sagt sie.

Es gibt einen hier in der Gegend, der könnte sich nun bestätigt fühlen vom Futterskandal. Das ist Gerd Böttcher, er sitzt auf der Terrasse hinter seinem Haus, graue Haare, Polohemd, der Bürgermeister von Buchholz, dem Nachbardorf. Dem hat das alles schon immer nicht gepasst. Er hat sich dann vor einem dreiviertel Jahr vor Gericht dagegen gewehrt, dass sie ihm einen dieser Riesenställe an den Ortseingang bauen, sein Dorf lebt ja allein vom Tourismus, 1000 Urlauber in Spitzenzeiten, so schön ist es hier. Und so ein widernatürlicher Hühnerhof mit großen Futtersilos davor und Zäunen drumherum und einer lauten Lüftung womöglich, das sei einfach nicht in Ordnung, der passe nicht in die Landschaft. Egal, ob die Tiere nun Biokörner fressen oder nicht. „Wir haben bloß 170 Einwohner“, sagt Böttcher, „aber vier Gaststätten, und denen geht es sehr gut.“ Er scheucht die Mücken weg, es gibt ja viel Wasser hier in der Gegend.

Naja, damals, vor einem dreiviertel Jahr, hat sich am Ende doch der Landkreis durchgesetzt, der wollte Wiesengold unbedingt hier haben, und heute hat Böttcher den Stall vor der Nase. Aber wenn es nun einmal so ist und er eh nichts mehr ändern kann, könnte er sich doch wenigstens darüber freuen, dass dort Leute in Arbeit sind. „Ach was“, sagt Böttcher, „zwei halbe Stellen gibt es, einer von auswärts arbeitet da und einer aus Buchholz.“ Schadenfroh sei er jetzt aber nicht, sagt er. Und dass er auch gar keinen Kontakt zu denen habe, die Wiesengold-Leute würden ja schon bei ihrer Einstellung dazu verpflichtet, nichts über die Firma zu erzählen.

Das ist so üblich in der Eierindustrie. Der Wiesengold-Chef Heinrich Tiemann sagt, er habe schlechte Erfahrungen mit der Öffentlichkeit gemacht. Und womöglich geht das so weiter, denn ganz klar ist es im Moment nicht, ob Wiesengold nun ein Opfer des Nitrofen-Skandals ist. Tiemann ist Gesellschafter bei GS Agri, der Futterfirma, die ja bis zu ihrer Schließung durch die Behörden am Freitag tapfer Nitrofen-Getreide ausgeliefert haben soll. Der Staatsanwalt ermittelt.

Renate Künast, die Landwirtschaftsministerin aus Berlin, durfte sich den Stall in Karbow vor einem Jahr von innen anschauen. Nicht, dass sie begeistert gewesen wäre, als sie im weißen Kittel, Tiemann an der Seite, durch die Halle lief, aber immerhin würden hier „Mindeststandards im Tierschutz eingehalten“, hat sie damals gesagt. Auf jedem Quadratmeter standen damals neun Hühner.

Jetzt ist es Abend, zehn Uhr, die Luken am Biostall in Karbow sind geschlossen, drinnen brennt Licht, runtergedimmt, orangefarbenes Licht, wie es Straßenlaternen machen. Über die Wiese dahinter stakt ein Weißstorch, und ein Graureiher hebt gerade ab.

Vor einem Stall ein paar Kilometer weiter, in Priborn, 500 Einwohner, keine Gaststätte, schlafen zwei Schäferhunde. Die Schäferhunde sind gefährlich im Müritzkreis, sie führen hier die Beißstatistik an.

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