Zeitung Heute : Gaddafi auf der Flucht?

Massen gegen Machthaber. Auch in der ostlibyschen Hafenstadt Bengasi protestieren die Menschen gegen den selbst ernannten Revolutionsführer Muammar Gaddafi.
Massen gegen Machthaber. Auch in der ostlibyschen Hafenstadt Bengasi protestieren die Menschen gegen den selbst ernannten...Foto: Reuters

Das Regime von Muammar Gaddafi steht offenbar vor dem Ende. Weniger als eine Woche nach dem ersten „Tag des Zorns“ am Donnerstag haben die schweren Unruhen jetzt auch die Hauptstadt Tripolis erfasst. Alle anderen Städte des Landes befinden sich bereits in den Händen der Aufständischen, neben der Hafenstadt Bengasi auch Sirte, wo Machthaber Gaddafi normalerweise in seinem Zelt residiert. Augenzeugen berichteten von einem „Massaker“ auf dem sogenannten grünen Platz in der Hauptstadt und in zwei weiteren Stadtteilen von Tripolis. Dort sollen Demonstrationszüge nicht nur von Scharfschützen beschossen sogar von der Luftwaffe bombardiert worden sein, berichteten Augenzeugen dem arabischen Fernsehsender Al Dschasira.

Bis zum späten Abend war es unklar, ob sich der Diktator Muammar al Gaddafi noch in Libyen aufhielt, oder geflüchtet war. Am Rande der EU-Außenministertreffens hatte der britische Außenminister William Hague berichtet, ihm lägen Informationen vor, dass Gaddafi auf dem Weg nach Venezuela sei. Gaddafi und der Präsident Venezuelas, Hugo Chavez, bezeichnen sich gegenseitig als Freunde. Doch Venezuela dementierte. Am frühen Abend muss Gaddafi wohl noch in Tripolis gewesen sein, weil UN-Generalsekretär Ban ki Moon ihn dort angerufen hatte, um ein Ende der Gewalt zu verlangen. Später gab es erneut Gerüchte, Gaddafi habe das Land verlassen.

Die Bundesregierung setzt nach den Worten von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) auf einen politischen Wechsel in Libyen. Das System von Revolutionsführer Gaddafi könne sich nur noch mit Mord und Totschlag über Wasser halten, sagte Westerwelle am Montag im ZDF. „Wenn eine Herrscherfamilie mit Bürgerkrieg gegen das eigene Volk droht, dann ist sie am Ende“, sagte Westerwelle in Anspielung auf einen Fernsehauftritt von Gaddafis Sohn. Saif al Islam hatte vor einem Bürgerkrieg gewarnt und drohte mit einem Kampf bis zum letzten Mann.

Die Europäische Union verurteilte die Gewalt der Sicherheitskräfte gegen das Volk. Auf Sanktionen gegen Gaddafi konnten sich die 27 EU-Staaten aber nicht einigen. Die libysche Regierung hatte damit gedroht, die Zusammenarbeit bei der Abwehr von Einwanderern nach Europa zu beenden, wenn die EU weiter die Demonstranten unterstützen sollte. Vor allem Italien fürchtet einen neuen Strom von Flüchtlingen aus Nordafrika. Italiens Premier Silvio Berlusconi forderte Gaddafi am Montag auf, die Gewalt gegen die Demonstranten zu beenden.

Nach Angaben von lokalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen sind seit Mitte vergangener Woche mindestens 400 Menschen gestorben, wahrscheinlich jedoch wesentlich mehr. Allein in Tripolis gab es nach Augenzeugenberichten bis zum Abend mehr als 100 Opfer. Justizminister Mustafa Abdul-Jalil trat am Montag als erstes Regierungsmitglied aus Protest gegen den „exzessiven Einsatz von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten“ zurück. Auch der libysche Vertreter bei der Arabischen Liga in Kairo, mehrere Diplomaten bei den Vereinten Nationen sowie die libyschen Botschafter in Polen, Indien, Indonesien und China legten ihre Ämter nieder. In machen Ortschaften feierten die Menschen bereits das Ende des Gaddafi-Regimes. Sämtliche europäische Staaten, aber auch die Vereinigten Staaten und Russland begannen, ihre Staatsangehörigen zu evakuieren. Nach Angaben des Auswärtigen Amts halten sich noch etwa 500 Deutsche in Libyen auf. Ein Streik brachte Berichten zufolge die Ölförderung des Landes zum Erliegen. Der Ölpreis stieg in der Folge auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

Auch über Bengasi standen am Montag weiter dunkle Rauchwolken. Als Gaddafi seiner Luftwaffe am Morgen befahl, die Stadt zu bombardieren, verweigerten die Piloten den Befehl und begingen Fahnenflucht. Die beiden flogen ihre Mirage-Jets nach Malta, erzwangen eine Landung und erbaten politisches Asyl. Der Chef der Intensivstation des Al-Jalae-Krankenhauses berichtete, allein am Sonntagnachmittag seien 50 Leichen mit Schusswunden eingeliefert worden. Mehr als 200 Menschen seien verletzt worden, die Hälfte von ihnen schwebe in Lebensgefahr. Soldaten einer im Stadtzentrum stationierten Eliteeinheit hatten zuvor mit Maschinengewehren und Panzerfäusten das Feuer auf einen Trauerzug eröffnet.

Auch in Marokko gab es Unruhen, fünf Menschen kamen ums Leben. Bei Ausschreitungen im Anschluss an Protestkundgebungen seien 128 Menschen verletzt worden, hieß es. Im Jemen und in Bahrain hielten die Proteste an. In der Hauptstadt Bahrains versammelten sich am Montag neben tausenden Gegnern auch tausende Anhänger des Königshauses. Das Auftaktrennen für die neue Formel-1-Saison am 13. März in Bahrain wurde abgesagt. mit rtr/dpa

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