Zeitung Heute : Gaffel Haus

Blutwurst für die rheinische Seele

Elisabeth Binder

Gaffel-Haus, Taubenstraße 26, Mitte, Tel. 206 137 60, geöffnet täglich von 11 bis 24 Uhr, sonntags nur bis 20 Uhr. Foto: Mike Wolff

Was eine wahrhafte Delikatesse ist, bestimmen letztlich Angebot und Nachfrage. Für den Rheinländer oder den Westfalen, so er am kargen Rand der Spree gestrandet ist, mag das ein simples Fleischwurstbrötchen sein. Oder eine großzügige Portion gebratener Blutwurst. Etwas eben, das rar ist und im subjektiven Geschmacksempfinden nach jenem Adjektiv schreit, vor dem sich Kritiker normalerweise heftig hüten: „Lecker!“

Man kann für die Exilanten nur hoffen, dass sie von derlei Appetitanfällen nicht ausgerechnet an einem Sonntagabend überfallen werden. Da schließen einschlägige Quellen wie das Gaffel Haus oder auch der „Fröhliche Rheinländer“ bereits um 20 Uhr ihre Küchen, allenfalls auf den neu eröffneten „Rheinterrassen“ der Ständigen Vertretung, die sich gegenüber vom Tränenpalast an der Spree lang ziehen, gibt es um die Zeit simple rheinisch inspirierte Hausmannskost zum Kölsch.

Was an anderen Tagen im „Gaffel Haus“ auf den Tisch kommt, ist eigentlich die deutsche Variante von Soul Food, Essen für die Seele. Das Gaffel Haus ist in warmem Holz eingerichtet, Stil „elegante Kneipe“. Um diese Jahreszeit sitzt man aber auch draußen sehr schön an blauen Tischen.

Zum Einstieg muss es ein Klassiker sein, „Halve Hahn“, eigentlich ein Käsebrötchen, wird hier auf höchst zivilisierte Weise serviert. Eine goldgelbe, dick geschnittene Scheibe mittelalten Goudas, vergraben unter einem Berg pittoresker Scheiben roter Zwiebeln, am Rand Streifen von gelber Paprika, der weiße Teller zusätzlich bestreut mit rotem Paprikapulver, dazu ein weißes Porzellannäpfchen mit mittelscharfem Senf, ein dickes Butter-Dreieck und Roggenbrötchen (3,60 Euro). Kräftige Fleischwurst, in Würfel geschnitten, ergänzt die dickwürzige rheinische Kartoffelsuppe (4,50 Euro). Frisches Kölsch wird immer wieder im typischen Kranz am Tisch vorbei getragen, bei Bedarf wird das Glas ausgetauscht. Auch für die Nicht-Kölsch-Trinker gibt es Hauseigenes. Den offenen Wein empfehlen sie hier nicht gerade mit Nachdruck, der Gaffel-Piccolo allerdings wird mit Stolz offeriert, es handelt sich dabei tatsächlich um einen ganz trinkbaren Sekt, nicht etwa um eine verkappte Bier-Variante (0,2 l für 6,50 Euro). Am Nachbartisch wird ein halbes Pfund Fleischwurst mit Brötchen serviert für eine einzige Frau, die sich mit sichtlichem Genuss darüber hermacht. Heimatküche halt, Herzenssache.

Angesichts der rheinischen Leckereien möchte man natürlich gleich auch noch ein westfälisches Restaurant einklagen, welches sich mit Schnippelbohnen-Eintopf hervortun könnte oder mit Pumpernickel-Variationen. Vorerst kann man sagen, dass es Spezialitäten gibt, die für beide Regionen typisch sind. Reibekuchen zum Beispiel, die hier „Rievkooche“ heißen, und die es wahlweise mit Apfelmus und Rübenkraut gibt oder auch mit Lachs. Die nette Kellnerin sagt, sie an unserer Stelle würde Lachs nehmen. Drei Reibekuchen, fettig wie es sich gehört, gefährlich salzarm, außen dunkelkross, innen weiß und weich, jeder Einzelne gekrönt von einer Scheibe Lachs, dazu Dillquark. Sicher, es geht nichts über Reibekuchen, die frisch gerieben aus der Pfanne hüpfen, aber man erkennt den Geschmack, wenn man erst Mal ein Salzfässchen erbeutet hat (7,77 Euro).

„Himmel un Äd met Flönz“ ist auch so ein Sehnsuchtsgericht, da laben sich richtige Rheinländer schon am Namen. Am besten ist das Apfelmus mit Stückchen, auch der Kartoffelbrei schmeckt glaubwürdig nach echten Stampfkartoffen, und die dicken Brocken achtbarer leicht süßlicher Blutwurst sind mit reichlich gebratenen Zwiebeln bedeckt (8,90Euro).

Wer danach noch Altbergische Waffeln oder Milchreis schafft, dem ist wahrscheinlich nicht zu helfen. Die einzigen Desserts, die einem nicht rheinisch gestählten Magen helfen können, ein solches Gelage zu überstehen, befinden sich auf der Getränkekarte: „Edelbrände aus der Eifel“. Sowohl der Birnenbrand wie auch die Zwetschge (jeweils 3,70 Euro) duften köstlich nach ihren Früchten.

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