Galerie 18m : Kommt in die Gänge!

So ein langer Flur! Aber was soll man bloß damit anfangen? Die Berlinerin Julie August hat Kunst reingestellt und ihre Wohnung zur Galerie gemacht. Seitdem hat sie oft Besuch von Fremden - auch Ostern wieder.

Verena Meyer

Die typische Berliner Wohnung hat zwei Problemzonen. Das zu dunkle Berliner Zimmer und den viel zu langen Flur. Beides lässt sich mit der verschachtelten Bauweise der Mietshäuser erklären, aber was man damit eigentlich anfangen soll, konnte einem noch keiner sagen. Bei Julie August ist dann Folgendes passiert: Aus dem Flur wurde eine Galerie, und im Berliner Zimmer wächst gerade eine gigantische Installation zur Decke. Aber alles der Reihe nach. Im Sommer 2004 zog Julie August nach Wilmersdorf. Wahnsinn, der Flur, dachte sie, als sie die neue Wohnung das erste Mal sah: 18 Meter lang. Wie so viele Berliner Mieter überschlug Julie August die Möglichkeiten. Decke einziehen und Stauraum schaffen, den Flur durch Farbeffekte optisch verkürzen? Dann kam ihr der Gedanke, dass dies eigentlich ein idealer Ausstellungsraum sei. Seither hat Julie August in ihrer Wohnung eine Galerie. Der Name verdankt sich ebenfalls dem Flur: 18m.

Julie August öffnet die Wohnungstür und bittet gleich herein in die Kunst. Da steht ein Gebilde aus Holz, ein Verschlag, der ein ganzes Zimmer einnimmt, zusammengenagelt aus Brettern, Paletten und alten Wohnungstüren, innen tapeziert mit Fotos, Bildern und Zeitungsausschnitten. Es ist die Installation "Nest" eines Künstlers, der sich nur "noname" nennt. Der junge Mann ist auch da, er nimmt gerade die letzten Handgriffe an seinem Werk vor. Er hämmert und sägt, Julie August zeigt den Weg zur Küche und stellt Kaffee auf.

Sie wohnt inzwischen nicht mehr in Wilmersdorf, was ebenfalls mit dem Flur zu tun hat. Denn die beiden Ausstellungen, die Julie August auf den 18 Metern veranstaltet hat, waren ein großer Erfolg. Es kam viel Presse zu ihr in den vierten Stock und noch mehr Besucher. Den Nachbarn gefiel das weniger. Sie beschwerten sich und sperrten immer genau dann die Haustür ab, wenn Julie August ihre Vernissagen machte. Schließlich musste Julie August ausziehen, sie ist mit Sack und Pack und Galerie in die Akazienstraße 30 nach Schöneberg übergesiedelt. Die neue Wohnung ist ideal: 160 Quadratmeter, viel zu langer Flur, Berliner Zimmer. Das ist nun ebenfalls ein dauerhafter Ausstellungsraum, besonders geeignet für Installationen, wie eben die von "noname".

Julie August setzt sich an den langen Küchentisch. Sie ist 37, braun gelockt und von einer zurückgenommenen, fast schüchternen Art. Aber Julie August strahlt auch jene wilde Entschlossenheit aus, die man haben muss, wenn man sich einer extrem unlukrativen Leidenschaft verschreibt. Eigentlich hat sie Grafik in Leipzig und Wien studiert, dann ging sie nach Berlin zum Wagenbach-Verlag, wo sie als Herstellungsleiterin für Produktion und Gestaltung der Bücher zuständig ist. Irgendwann wollte sie noch etwas nebenbei tun. Seither lädt sie Künstler ein, sich für ihre Wohnungsgalerie ein Projekt auszudenken. Jeden 18. um 18 Uhr gibt es einen Jour fixe, jeden zweiten Monat eine Vernissage. Das Motto für die neue Ausstellung lautet - zu Ostern passend - "Nest. Privatissimum".

Im Flur hängen Fotos von Stefan Canham, die das Innere von Wagenburgen zeigen. Es sind Welten, die selbst aussehen wie Installationen, Sammelsurien von Dingen, die sich überallhin auszubreiten zu scheinen. Bei Julie August hat sich im Lauf der Zeit die Galerie überallhin ausgebreitet. Bilder im Gästezimmer, ein Bild in der Küche, im Schlafzimmer eine großformatige Fotografie von Beatrice Minda, die eine surreal ausgeleuchtete Hausfront zeigt. Im Arbeitszimmer sind die vielen Stühle gestapelt, die Julie August braucht, wenn in ihrer Galerie Vorträge stattfinden. Ja, selbst die Toilette ist Teil der Ausstellung. An der weißen Tür hängt ein Bildschirm, darauf ist eine junge Frau zu sehen, wie sie auf der Toilette sitzt und Bücher liest. Das Video hat die Künstlerin Julia Kissina gemacht, weil ihr inmitten der Familie oft nur die Toilette als Rückzugsraum bleibe.

Julie August selbst hat keinen Rückzugsraum in ihrer Wohnung. "Ich habe aber auch nicht so ein riesiges Privatsphärenbedürfnis." Julie August hat keinen Fernseher und kein Sofa mehr. Ein Wohnzimmer hat es nie gegeben, das infrage kommende Berliner Zimmer ist ja Ausstellungsraum und "soll pur sein, da stellt man dann auch nicht den Rucksack in die Ecke". Dass sie in der eigenen Wohnung wie in einer Galerie ständig die Wände streichen muss, gehört auch dazu.

Die Küche ist noch Wohnraum. An der Wand steht ein halbhohes Bord mit Geschirr von Hedwig Bollhagen, an die Kühlschranktür sind Postkarten gepinnt und die Stundenpläne ihrer Tochter. Der Künstler "noname" kommt in die Küche und nimmt sich etwas zu trinken, und wenn eine Ausstellung eröffnet wird, sammelt sich meistens auch irgendwann alles in der Küche. Aber genau das fasziniert Julie August, dieses Verschwimmen von Privatleben und Öffentlichkeit, Wirklichkeit und Abbildung der Wirklichkeit. Julie August führt ein Leben mit der Kunst, und die Kunst gehört zum Leben. Und als Besucher steht man in jeder Ecke vor der Frage: Wohnst du noch oder ist es schon eine Installation?

Dass an jedem 18. ungefähr 150 wildfremde Menschen durch ihre Wohnung latschen, stört Julie August nicht. Sie räumt dann die Ecken frei, steckt die herumstehenden Dinge in die Kammer und legt einen bunten Überwurf auf ihr Bett. Außer einem schönen alten Schrank und einer Lampe gibt es im Schlafzimmer ohnehin nicht viel zu sehen. Wobei die Besucher vor allem das Bücherregal kritisch in Augenschein nehmen würden, ist Julie August aufgefallen. Als Verlagsmitarbeiterin habe sie damit aber kein Problem - sie ist es schließlich gewohnt, Bücher für die Augen anderer zu produzieren. Und es würden viele Leute zu ihr kommen, die mit Kunst eigentlich nichts am Hut haben. "Die sehen, ich wohne, ich koche, da ist ein Kinderzimmer. Das nimmt der Kunst den Aspekt des Elitären, man muss keine Angst haben, nicht kompetent zu sein." Nur ein einziger Bereich ist tabu, das Zimmer der 14-jährigen Tochter. Wie man sich den Alltag vorstellen müsse? Julie August zuckt mit der Schulter, als handle es sich bei der Kunst um einen Mitbewohner, zu dem man nicht viel sagen kann, weil man ihn so gewohnt ist. Naja, manches sei schon anstrengend. Installationen mit Klang, und einmal gab es ein Video, in dem eine Frau ein Volkslied sang. "Aber ich konnte es nicht abdrehen, das hätte ich einfach nicht übers Herz gebracht", sagt die Kunstwohnerin. Bei anderen Dingen sei sie dagegen richtig traurig, wenn sie wieder verschwinden: Die Alltagsgegenstände etwa, die eine Münchner Künstlerin nach den strengen Regeln der japanischen Blumensteckkunst Ikebana zusammengestellt hatte, Taucherbrillen, Schuhlöffel, Spülbürsten.

Julie August sagt, dass sie sich anders in ihrer Wohnung bewege, seit die Galerie da sei, offener für die Möglichkeiten von Räumen. "Der Gedanke gefällt mir, wie kriegt man was wohin." Und es tue ihr manchmal weh, wenn Freunde einfach nur billig gerahmte Kunstposter in ihren Wohnungen hängen haben. Wo es doch auch für wenig Geld echte Kunst gebe.

Und hat sie nun eine Galerie in der Wohnung oder wohnt sie in einer Galerie? "Ich habe eine Galerie in der Wohnung. In einer Galerie wohnen - das wäre eher ein Kunstprojekt", sagt sie und sieht sich dabei um, als würde sie auch so etwas irgendwo unterbringen.

Am Ostersonntag ist 18m von 12 bis 15 Uhr geöffnet, Akazienstraße 30 (mehr Informationen unter www.18m-Galerie.de)

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