Zeitung Heute : Gang und Gegner, Macker und Memmen

Lothar Sand

In der Familie der Gewalt sind Angriff und Vergeltung oft siamesische Zwillinge. Die Abfolge ist festgelegt, nur die Schläge werden härter; die Gründe wechseln, der Boden bleibt: Der Berliner Stadtplan verzeichnet Straßen und ein Bahnnetz, die Grenzen der Gangs aber sind nur in den Köpfen derer, die es betrifft, festgeschrieben. Auswendig lernen ist hier nicht nötig, das Ende des heimischen Machtbereichs wird am eigenen Leib erfahren. Und mit dem Boss, wenn es denn einen gibt, hat man nie direkt zu tun, immer mit dem, der gerade eine Stufe über einem selbst steht. Von genau dem bekommt Cengiz, der Mongole, die Maschinenpistole in die aufgeregten Hände gedrückt, als er mit den anderen aus der Gang im Auto an der Yugo-Disco vorbeirollt.

Die Salve perforiert den Waschbeton und verletzt junge Menschen. Einer davon wird sich den Schützen merken, dessen markantes Gesicht ehrlich verblüfft aussieht, als er gewissermaßen den Startschuss gibt zu einer wilden Geschichte im Off der Straße. Locke war dabei, aber Cengiz hat das Problem. Er ist es, der den Gegenschlag der Balkan-Gang zu fürchten hat. Das wiegt noch schwerer als der gemeinsam mit Locke versiebte Einbruch.

Paradox ist es schon, von immer mehr Leuten gesucht zu werden, obwohl man sich selbst noch nicht gefunden hat. "Bin Mongole", sagt Cengiz immer wieder, wenn er als Türke bezeichnet wird, das zumindest steht fest. Das patriarchalische Familiengefüge aber gerät ins Wanken, die geduckte Mutter stellt das Essen schweigsam vor den Sohn, die kleinen Schwestern dürfen den Bruder nur noch heimlich bewundern, seit der die Hand gegen den eigenen Vater erhoben hat. Die Tradition ist aufgehoben, die Familie kein Rückzugsraum mehr, alle Wege führen nach draußen.

Das ist bei Locke, der in einem normalen Leben Matthias hieße, nicht anders. Die pseudo-suizidale Mutter ist ein lebender Hilfeschrei, ihr Sohn kann ihr den windigen, flüchtigen Mann nicht ersetzen, er will es gar nicht, zu groß ist die Verachtung für beide. Locke entwendet seinem Vater eine Pistole, die Cengiz schützen soll und ihn doch nur tiefer reinreißt. Nach starken Auftritten ist man schwach auf den Beinen.

Ein aus früheren Texten Drvenkars herüber gerettetes Bild ist der Junge, der seinen Kumpel stützt, hält und ihn, sei es auch fluchend, aus der Gefahrenzone schleift. "Einer trage des anderen Last", heißt das neutestamentarische Postulat; hier hinein übersetzt lautet es etwa: "Jeder macht sein Ding, aber wer platt ist, wird aufgelesen."

Hinter knarrigen Macho-Ritualen, Machtfantasien und Gangster-Allüren schimmert dieses Freundschaftsmotiv, vom Autor liebevoll ausgemalt, bei Cengiz & Locke hervor. Und distanziert sie wiederum von denen, die längst jede Naivität abgelegt haben und auf so einen Kodex pfeifen. Es geht auch noch ernster: Das vierzehnjährige Mädchen, das sagen konnte, wer die Garbe aus dem Wagen abgefeuert hat, ist erschossen worden - von wem?

Die Chancen zum Luftholen für Cengiz & Locke werden knapper, ihre Story bringt sie mit jeder überraschenden Wendung weiter in die Enge, vorbei ist sie am Ende nicht. Shots und Snacks, street life von der Hand in den Mund: Zoran Drvenkar hat eine dichte, notwendig harte und zugleich tief anrührende Geschichte geschrieben, die beste Krimiqualitäten aufweist. Ihre Helden sind Memmen, sind Kiez-Desperados, die sich am liebsten selbst nur spielen würden. Gäbe es Bücher in ihrem Leben, sie hätten früher vielleicht einmal "Emil und die Detektive" gelesen und würden doch nicht merken, wie manches von ihnen, verzerrt und konsequent ins Heute weitergedacht, an diese urbane Urgeschichte aus einer Welt lange vor der ihren erinnert.

Die direkte Ansprache des Erzählers an jede seiner Figuren duldet keinen Entzug der Leser. Er nimmt sie überall hin mit und versagt ihnen keine Aufmerksamkeit und keine Authentizität. So sind originalsprachliche Worte oder Dialoge eben nicht in Klammern übersetzt oder per Fußnote erklärt. Wem der Zusammenhang nicht Erläuterung genug ist, kann sich immer noch an die in der biografischen Notiz angegebene Mailadresse des Autors wenden.

Zoran Drvenkar ist das Kontrastmittel der jungen Literatur, vor allem jener aus klassischen Jugendbuchverlagen. Sein Text relativiert all die gut gemeinten, verzweifelt recherchierten und pädagogisch abgeschmeckten Bücher, die es nicht unter zwei Seiten Glossar oder zumindest einigen Anmerkungen zur Unterbrechung des Leseflusses im Dienste des Spezialwissens tun. Diese sind mitnichten seit jeher bekannt, auch junge Autoren können hier ganz schön alt aussehen. Aber nur Drvenkar soll und muss so schreiben wie Drvenkar. Seine Themen und Formen sind eben seine; andere mögen ihre realisieren. Einiges abschauen dürften sie sich jedoch in puncto Kompromisslosigkeit. Dass die immer stärker zu spüren ist, schärft das Profil des Autors. Und für seinen Verlag ist das eine Auszeichnung.

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