Zeitung Heute : Gangs of New York

In Manhattan gelten neuerdings strenge Gesetze: Radfahrer dürfen zum Beispiel die Füße nicht mehr von den Pedalen nehmen. Wir haben uns einen Tag lang unter die Gesetzlosen begeben.

Matthias B. Krause

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Er hatte schon zu lange gearbeitet an diesem Tag, er hatte einen Schopf nach dem anderen geschnitten und gefönt. Jetzt brauchte er eine kurze Pause. Also trat Jesse Taveras aus seinem Friseurladen in der Bronx auf den Bürgersteig, nahm sich einen der Plastik-Milchkästen, die er immer griffbereit hat, und setzte sich drauf. Er hatte schließlich den ganzen Tag gestanden. Das sahen ein paar Streifenpolizisten, und prompt war Jesse 105 Dollar los. Der Grund: Nicht genehmigte Benutzung eines Milchkastens.

Die Spaßbremse

Sie sind alle hier. Die besten Maler, die besten Musiker, die besten Schriftsteller, Schauspieler, Sänger, Wissenschaftler, Sportler. Und wer nicht hier wohnt, der kommt zuerst regelmäßig vorbei und bleibt dann, so wie ich. New York, das ist die Stadt, mit der ich viele meiner Träume verbinde. In der ich morgens Kofi Annan dabei helfen könnte, den Weltfrieden zu retten, nachmittags mit John Kerry über die Homo-Ehe debattieren und abends den Basketballstar Kobe Bryant dabei fotografieren könnte, wie er im Madison Square Garden die New York Knicks auseinander nimmt. „If I can make it there, I’ll make it anywhere“, Sie wissen schon, jeder weiß es, viele glauben es, und die wenigsten können es noch hören, das macht den Mythos aus. Es ist die Stadt, in der Stadtneurotiker und Künstler ihr Zuhause haben. Denn Kreativität braucht Chaos, das hat die Sängerin Debbie Harry vor kurzem gesagt und sich nach der Zeit zurückgesehnt, in der New York ein lebendiger Haufen Leute war, die mit jedem Lebensstil durchkamen, solange er keinen Nachbarn störte. Kreativität braucht Nischen, Ecken und Kanten, aber genau die versucht unser Bürgermeister gerade zu beseitigen. Die „New York Times“ verlieh Michael Bloomberg deshalb vor kurzem den zweifelhaften Ehrentitel „Killjoy“ – weil er es so meisterhaft versteht, auch noch den letzten Spaß zu verbieten.

Noch kann man morgens um vier an jedem beliebigen Deli an der Ecke ein fetttriefendes Sandwich bestellen, aber sonst ist mittlerweile praktisch alles verboten. Unter Bloomberg ist der Bußgeldkatalog aufgebläht wie ein Gummibär im Wasserglas. Die Officers sind angehalten, das gesamte kreative Potenzial auszuschöpfen, schließlich klafft in den Stadtfinanzen ein tiefes, rotes Loch. Die „Daily News“ hat New York schon in „Nit Pick City“ umgetauft – die Stadt der Kleinkrämer.

Während ich so da sitze und die Geschichten über die zunehmende Flut der Verbote in den Zeitungen lese, da überkommt mich diese riesengroße Lust, gegen all diese Verbote zu verstoßen. Am besten alle auf einmal. Wahrscheinlich ist das etwas zutiefst Menschliches. Vielleicht nicht unbedingt für einen, der in Deutschland aufgewachsen ist. Aber an den meisten Tagen sage ich mittlerweile Zuhause und meine Waverly Avenue, Brooklyn, New York. Blöd ist nur, dass mir spätestens beim nächsten Behördengang klar wird, dass ich, auch wenn die Tage noch so schön sind, kein New Yorker bin. Und der „Patriot Act“ kommt mir in den Sinn. Das Spitzelgesetz, das nach dem 11. September verabschiedet wurde. Es ist immer noch in Kraft, und die Ausländerbehörde wartet gierig auf kleinste Vergehen, um uns Fremde, uns „Legal Aliens“ aus Bush-Country rauszuschmeißen. Also muss Amanda mit.

Amanda verdreht die Augen. „Was soll ich tun?“ fragt sie. Ich lese ihr die Geschichte von Yoav Kashdia aus der Zeitung vor. Der israelische Tourist saß erschöpft vom Sightseeing im F-Train von Manhattan nach Brooklyn, und für einen kurzen Moment schloss er seine Augen. Als er aus seinem Schlaf erwachte, drückte ihm ein Officer einen Strafzettel über 50 Dollar in die Hand, weil er zur Seite gerutscht war und so zwei Plätze belegte. Streng verboten! Das ist besonders absurd, wenn man weiß, dass höchstens drei Jüngelchen mit Hühnerbrüsten nebeneinander auf die Dreier-Bänke des F-Trains passen. Normalschultrige Menschen müssen sich so ineinander verschränken, dass sich nur ihre Hüften, nicht aber die Oberkörper berühren. Zu viel Intimität für die meisten New Yorker, deshalb bleibt der Mittelplatz oft frei. Von Menschen mit Übergewicht rede ich lieber gar nicht erst.

Amandas Herz ist gewonnen. Sie ist in Kalifornien aufgewachsen und erzählt mir jeden Tag, wie viel freier die Menschen dort leben. Obwohl sie von Nonnen großgezogen wurde, und ihre Eltern beide als Polizisten in Los Angeles arbeiteten. Sie springt auf, um die passende Ausflugslektüre aus dem Bücherregal zu ziehen. „Orwell? Nein, der bringt uns in die falsche Stimmung“, ruft sie, „zu düster.“ Schließlich findet sie die dicke Che-Guevara-Biografie von John Lee Anderson und strahlt: „Fertig.“

Erster Tatort: Brooklyn-Bridge. Es ist ziemlich leer und ziemlich kalt am Sonntagmorgen, aber der Himmel strahlt tiefblau, und die Form der Brücke ist ideal für das erste Vergehen. Wenn man von der Mitte aus mit dem Fahrrad startet, kann man je nach Belieben entweder nach Brooklyn oder nach Manhattan rollen, ohne die Pedale auch nur einmal treten zu müssen. Das allein ist noch nicht illegal, jedenfalls solange man auf dem für Radfahrer reservierten Streifen bleibt. Den gesetzesbrecherischen Akt soll Amanda in voller Fahrt vollziehen: Sie zögert noch ein bisschen, denn es ist doch eine riskante Sache. Das kann schiefgehen, Bonnie, denke ich und fühle mich schon fast wie ihr Clyde. Wir, das verruchteste Verbrecherpärchen Amerikas in Taschenformat. Sie schaut mir noch einmal kurz in die Augen, und dann tut sie es. Mit in der Luft baumelnden Füßen saust sie vor der Skyline Manhattans die Brücke runter. Was für ein Bild. Was für eine Tat, dabei schreibt das „New York State Vehicle and Traffic Law“ eindeutig vor: „Die Füße müssen auf den Pedalen bleiben.“ Angedrohte Strafe: 100 Dollar. Wir bringen das Fahrrad nach Hause. Unser nächstes Ding steigt in der U-Bahn.

Tatort F-Train. Weil am Wochenende die Züge mal wieder nach dem Mond fahren, müssen wir zuerst lange warten und kriegen dann nur noch einen Stehplatz. An Rumflegeln auf zwei Sitzen ist gar nicht zu denken. Aber während wir da so stehen, kündigt sich schon der nächste Gesetzesbruch an. Amanda piekt ein Stein im Schuh. Als wir an der Station Smith und 9th Street angekommen sind, setzt sie sich sofort auf die oberste Treppenstufe und zieht ihren Schuh aus. So selbstverständlich, wie das nur ein Mädchen machen kann, das mit allen Wassern gewaschen ist. Man sieht ihr nicht das geringste Unrechtsbewusstsein an. Vielleicht ist das der Grund, weshalb das Verbrechen gelingt, und wir uns unbemerkt davon stehlen können.

Okay, das war einfach, es war auch wenig los auf den Stufen, keine Rushhour und viel zu kalt, um mit der Familie ein Picknick zu machen. Dass unser Bürgermeister aber glaubt, wir New Yorker bräuchten ein Gesetz, das die Vernunft ersetzt, das ist schon ein starkes Stück. Noch stärker ist allerdings, dass er allen Ernstes glaubt, seine Gesetze seien vernünftig. Crystal Rosario zum Beispiel. Sie wurde erwischt, wie sie vergangenen Oktober auf einer U-Bahn-Treppe saß. Sie musste 50 Dollar zahlen, da die Polizistin sich weder von der Tatsache erweichen ließ, dass es ein sehr heißer Tag war, noch nahm sie darauf Rücksicht, dass die Hochschwangere offensichtlich schlicht erschöpft war.

Ich erzähle meiner Bonnie von Crystal Rosario. Zuerst hört sie ruhig zu, aber als ich das mit der Schwangerschaft erwähne, wird sie so richtig böse. Sie greift mich feste am Ellenbogen, zerrt mich die Straße entlang, bis sie gefunden hat, was sie suchte. Ein Ventil, um ihre Wut abzulassen. Neben dem Stand des russischen Straßenhändlers vor dem Kino am Union Square, steht ein Milchkasten. Sie nimmt das Teil – und setzt sich drauf. Wenn wir mittlerweile nicht so unglaublich gewiefte Verbrecher wären, würde uns das jetzt 105 Dollar kosten. So wie Jesse Taveras, der Friseur, der das Plastikutensil dazu nutzte, um sich vor seinem Friseursalon in der Bronx eine Pause an der frischen Luft zu gönnen.

Der Bürgermeister bestreitet zwar, dass es eine Quote gibt, die jeder Streifenpolizist monatlich erfüllen muss. Denn das wäre gesetzeswidrig. Aber es gäbe so genannte „Leistungsüberprüfungsinstrumente“, räumt Bloomberg ein.

Amanda genehmigt sich darauf einen Hotdog vom Russen.

Es ist spät geworden, und wir streichen ein paar Punkte auf unserer Liste der Bloombergschen Schwerverbrechen. Wir werden nicht mehr Brian Buis Restaurant in Soho besuchen, obwohl der für seine rauchenden Gäste 200 Dollar Strafe zahlen musste, weil sie unter dem grünen Vordach des Etablissements ihrer gesundheitsschädigenden Tätigkeit nachgingen, anstatt wie vorgeschrieben aus dessen Schatten zu treten. Dass das Vordach eingerollt war, ließ die Ordnungshüter völlig unbeeindruckt.

Da hatte der 86 Jahre alte Pedro Mazario etwas mehr Glück. Er bekam zwar zunächst eine Strafe aufgebrummt, weil er unerlaubterweise Tauben im Park fütterte, aber danach fühlte sich der Officer so schlecht, dass er persönlich in Mazarios Wohnung auftauchte und das Ticket vernichtete. Kaum weniger bizarr klingt das Vergehen von „Vanity Fair“-Chefredakteur Graydon Carter, der schon dreimal jeweils 200 Dollar dafür zahlen müsste, dass er einen dekorativen Aschenbecher in seinem Büro auf dem Konferenztisch stehen hat.

Meister ohne Basis

Wir entschließen uns dagegen, unser anstrengendes Verbrecherdasein mit einem Drink in einer Bar in unserer Nachbarschaft ausklingen zu lassen. Und mit einer Zigarette natürlich. Diese Tat rangiert im New Yorker Sündenkatalog nur knapp unterhalb der Vergiftung des Hudson oder dem Sprengen des benachbarten Atomkraftwerkes. Auf unsere Bitte hin zieht der Bar-Besitzer sogleich mit wissendem Grinsen einen Aschenbecher unter dem Tresen hervor – samt Zigarette und Streichhölzern. Noch bevor der Stängel glimmt, hebt er ungefragt zu einer Tirade gegen den neuen Ordnungswahn an: „Seit das Anti-Rauchergesetz gilt, kann ich gerade noch meine Rechnungen bezahlen, der Umsatz ist um 30 Prozent zurückgegangen. Noch nie hatte New York einen Bürgermeister mit so wenig Kontakt zur Basis wie Bloomberg.“

Auf dem Nachhauseweg diskutieren wir, ob wir den Recycle-Müll nur alle zwei Wochen mittwochs oder donnerstags rausstellen dürfen, damit wir von der Müll-Polizei keinen Strafzettel kriegen. Wenn hier alles verboten ist, können wir auch gleich nach China ziehen, grummle ich. „Dann lieber nach Berlin“, sagt Amanda. Nach Deutschland, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

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