GANGSTERFILM„Chiko“ : Auf der andern Seite

Julian Hanich

Große Klappe reicht nicht, Alter! Sprücheklopfer, Aufschneider und Leichtgewichte gibt’s genug in der Hamburger Halbschattenwelt. Wer den Platz an der Sonne will, braucht Köpfchen, Härte und einen ausgeprägten Willen zur Macht. Das gilt zumal für einen wie Chiko (Denis Moschitto), der als Deutschtürke nichts geschenkt bekommt in unserem schönen Land. Da das Hochhangeln auf der sozialen Leiter kaum Erfolg verspricht, versucht Chiko, sich anderweitig nach oben zu boxen. Eines Tages schlägt er mit seinem Freund Tibet (Volkan Özcan) beim Kleindealer seiner Hochhaussiedlung auf, malträtiert die Wohnung mitsamt dem Dealergesicht und darf deshalb bei Brownie (Moritz Bleibtreu) vorsprechen, dem lokalen Drogen-Macker. Es ist der Einstieg zum Aufstieg. Und der Anfang vom Ende.

Regisseur Özgür Yildirim, geboren, aufgewachsen und ausgebildet in Hamburg, ist 28 Jahre alt. In seinem Spielfilmdebüt „Chiko“ steckt so viel Härte und Vitalität, dass man danach erst mal tief durchatmen muss. Das deutsche Kino schlägt hier einen Ton an, der wehtut. Dabei beginnt es ganz harmlos. Mit clownesken Nebenfiguren lockt Yildirim den Zuschauer auf die falsche Fährte. Doch je länger der Film dauert, desto roher wird er. Nägel, Baseballschläger und andere Gegenstände werden in Anschlag gebracht: Es hämmert und kracht – und damit sind nicht nur die Beats der Tonspur gemeint.

Was hier gezeigt wird, ist kein detailgetreues Bild deutscher Wirklichkeit. Yildirim flicht zwar schöne Beobachtungen aus dem deutsch-türkischen Alltag ein. Aber ebenso stark hat „Chiko“ das US-Genrekino aufgesaugt mitsamt der Gewalt als ästhetischem Mittel. Özgür Yildirim nimmt Anleihen bei Coppolas „Paten“ und Scorseses „Mean Streets“. Ein anderes Vorbild ist „Kurz und schmerzlos“ von Fatih Akin, der selbst ein großer Scorsese-Bewunderer ist und „Chiko“ mitproduziert hat. Wie so oft beim Genrekino dürften die Wirklichkeitsverweise eher in den unbewussten Ängsten und Sehnsüchten des Films zu suchen sein. Und der Gangsterfilm, schon immer ein Gesellschaftsgenre par excellence, legt die Symptome besonders deutlich frei. Einerseits verkörpert der Gangster den Paria am Rande der Gesellschaft. Andererseits untermauert gerade sein radikaler Erfolgsdrang die Ideale, um die er von der Gesellschaft gebracht wird. Man sollte also aufhorchen, wenn ein deutsch-türkischer Regisseur rüde Lederjacken-Kerle wie Chiko in den Mittelpunkt rückt und deren Kampf um Anerkennung ohne Rücksicht auf Verluste zeigt. Hart. Julian Hanich

„Chiko“, D 2007, 92 Min., R: Özgür Yildirim,

D: Denis Moschitto, Moritz Bleibtreu, Volkan Özcan

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