Zeitung Heute : Ganz diplomatisch

Warum London und Madrid den Aufruf veröffentlichten

Matthias Thibaut[London] Ralph Schulze[Madri]

Von einer Ohrfeige für die deutsche Irak-Politik wollte man in der Downing Street nichts wissen. „In solchen Begriffen sprechen wir nicht“, sagte ein Sprecher. Im übrigen sei der in 15 europäischen Tageszeitungen veröffentliche Beitrag der acht Regierungschefs eine spanische Initiative. Kein Zweifel aber, dass britische und spanische Diplomaten hier eng zusammengearbeitet haben. Blair sprach am Mittwoch mit Berlusconi in London und machte gestern auf dem Weg nach Camp David in Madrid Zwischenstation. Der britische Premier hat eine diplomatische Großoffensive gestartet, deren Ziel eine zweite UN-Resolution oder doch wenigstens die Festigung der „Koalition der Willigen“ an der Seite der USA ist.

Dass Deutschland und Frankreich nicht mit einbezogen wurden, kommt nicht von ungefähr. Der Beitrag ist eine klare Antwort auf den deutsch-französischen Vorstoß von Versailles. In Großbritannien schwieg man höflich, als Präsident Jacques Chirac und in seinem Windschatten der deutsche Kanzler die Situation nutzen wollten, die Briten als Partner der USA in Europa zu isolieren.

Diplomatischer Balsam dürfte für Blair der Überraschungseffekt der gestrigen Zeitungsartikel gewesen sein. Es waren ja auch deutsch-französische Überraschungsvorstöße, die Blair das Leben in den letzten Monaten so schwer machten. Nur eine Woche nach dem Dinner mit Blair in Hannover exponierte sich Schröder erneut in der Irak-Frage und gab damit nach britischem Verständnis nur Saddam Hussein ein krasses Signal europäischer Uneinigkeit. Die deutsch-französischen Vorstöße in Sachen der EU-Doppelpräsidentschaft oder im vergangenen Herbst in der EU-Agrarpolitik waren für die Briten wie eine böse Erinnerung an das alte Kohl-Mitterrand-Modell europäischer Politik. Sogar europafreundliche Zeitungen wie der „Guardian“ kritisierten in ihren Kommentaren zur Elysee-Feier scharf den Versuch, den Rest Europas unter Druck zu setzen. Die „Times“ warnte davor, die deutsch-französische Freundschaft zu „egoistischen, kontraproduktiven Geheimabsprachen“ zu missbrauchen.

Britische Minister widersprechen immer der Darstellung, ihr Land sei in Europa isoliert. Sie verweisen dann auf die seit Jahren enge Zusammenarbeit mit dem Spanier Jose Maria Aznar . Der dritte in diesem Bund ist der Italiener Silvio Berlusconi. Auch die Beziehungen mit Polen – Amerikas „zweitbestem Freund“ in Europa – werden gepflegt. Diese Länder sind für Blair die Partner, sollte er gezwungen sein, ein Gegengewicht gegen eine Europa dominierende deutsch-französische Partnerschaft zu bilden. Ein Sprecher Aznars bemühte sich später, Spaniens Führungsrolle herunterzuspielen und das Schreiben als „gemeinsame Initiative“ aller Unterzeichner darzustellen. Eine Version, die auch Aznar und Blair nach ihrem zweistündigen Treffen in Madrid bekräftigten. Aznar persönlich, neben Blair ohne Frage treuester Alliierter von George W. Bush in Europa, habe den US-Präsidenten schon vor Tagen wegen der geplanten Solidaritätserklärung angerufen, heißt es. Inoffiziell wird zudem geflüstert, dass Madrid und Washington die diplomatische Offensive sogar abgesprochen hatten.

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