Zeitung Heute : Ganz eigener Zungenschlag

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Grütters kämpft für die deutsche Sprache. Warum tut sie das?

Christiane Peitz

Als Germanistikstudentin las sie einst Bundestagsdrucksachen Korrektur und ist seitdem immer wieder entsetzt über den schlampigen Umgang der Deutschen mit ihrer Sprache. Aber so verzopft, dass sie ihren Newsletter in „Nachrichtenbrief“ umtaufen würde, ist Monika Grütters nicht. Wie in den Wissenschaften, bei der Jugend, im erweiterten Europa und der globalisierten Welt ist Englisch als lingua franca auch für die Bundestagsabgeordnete und CDU-Kulturexpertin längst selbstverständlich und unverzichtbar.

Dass sie sich als Mitglied der EnqueteKommission „Kultur für Deutschland“ nun für die deutsche Sprache engagiert, liegt an ihrer Liebe zu deren Schönheit. „Das Deutsche“, sagt Grütters, „ist mehr als nur ein Verständigungsinstrument.“ Mit dem Verein Deutsche Sprache kämpft sie dafür, dass Deutsch als Sprache im Grundgesetz verankert wird. „Die Landessprache ist deutsch“, so könnte der Gesetzestext lauten. Ebenso schlicht wünscht sie sich im Grundgesetz das „Staatsziel Kultur“: „Die Kultur steht unter dem Schutz des Staates.“ Nicht dass solche dürre Worte die Welt bewegen. Schon gar nicht sollen sie eine Klientel zufrieden stellen, nach dem Motto: Wenn die Jugend das Staatsziel Sport bekommt, wird den Älteren die Kultur zugestanden.

Nein, sagt Grütters, Kultur im Huckepackverfahren als Zusatz zum Sport, das will sie nicht. Ihr liegt an der Schärfung des gesellschaftlichen Bewusstseins für das Kulturgut Sprache im Land der Dichter und Denker, an der Geisteshaltung und dem Selbstverständnis einer Nation, die zuerst eine Kulturnation war und erst dann ein politischer Bund. Und die sich nach den Erfahrungen des Totalitarismus die Freiheit der Kultur und der Wissenschaften auf die Fahnen geschrieben hat. Das schließt neben der Denkmalpflege die Förderung der Avantgarde ausdrücklich mit ein. Auch die lebendige Gegenwart einer Sprache, deren Bedeutung sich nicht im ökonomischen Nutzwert erschöpft. Eben das markiert den Unterschied zwischen „Inhalt“ und „Content“.

„Wir Deutschen neigen mehr als andere dazu, es bei aller Weltoffenheit mit dem schicken Englisch zu übertreiben.“ Das Gegensteuern wünscht sich Grütters als konzertierte Aktion: Zeichen lassen sich schlecht im Dissens setzen. In der EnqueteKommission, der neben Vertretern der Parteien unter anderem der Sänger Heinz Rudolf Kunze, die Festivalchefin Nike Wagner und Bayerns Ex-Kultusminister Hans Zehetmair angehören, klappt es noch nicht ganz mit der Einigkeit. Die Linkspartei mag sich dem Vorschlag der gesetzlichen Verankerung nicht anschließen. Einigen konnte man sich bislang auf Empfehlungen, die Ende November veröffentlicht werden: Bei Bildungs- und Integrationsmaßnahmen möge die Sprachpflege vertieft, der Rundfunk seiner Vorbildfunktion gerecht werden und Behörden bei Veröffentlichungen und Formularen auf verständliches Deutsch achten. Zweisprachige Schilder auf Bahnhöfen und Flughäfen verstehen sich da fast von selbst. Die EU wiederum wird aufgefordert, mit Deutsch als Arbeitssprache neben Französisch und Englisch endlich Ernst zu machen. Schließlich handelt es sich um die in Europa meistgesprochene Mutter- und die häufigste Zweitsprache.

Juristisch bindend sind die Empfehlungen nicht; Grütters setzt auf den Appellcharakter. „Sprache ist ein lebendiger Organismus, das stellt keiner von uns infrage“: Es geht nicht darum, die E-Mail und den Exzellenz-Cluster abzuschaffen, sondern um mehr Leidenschaft für das eigene Idiom. Mit fremden Zungen sprechen kann nur, wer das vertraute Idiom halbwegs beherrscht.

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