Zeitung Heute : Ganz entschieden

Eins war sicher: Bremen wollte Henning Scherf. Am liebsten als Chef einer großen Koalition. Um das zu erreichen, gingen die Bürger kein Risiko ein – und stärkten den Stärksten.

-

BÜRGERSCHAFTSWAHL IN BREMEN

Vierzig Prozent der Bremer wählen nicht. Das war am Sonntag so und bei der Bürgerschaftswahl vor vier Jahren nicht anders. Wer vor Bekanntgabe der ersten Hochrechnung um 18 Uhr einen Bremer fragte, warum die Wahlbeteiligung wieder beim historischen Tiefststand angekommen war, erhielt eine pragmatische Antwort: „Ist doch eh klar, wie es ausgeht – da gibt es keine Überraschungen“. Nicht einmal die Hälfte der wahlberechtigten Bremer hatte bis 16 Uhr am Sonntagnachmittag ihre Stimme abgegeben. Erwartbares geht man gelassen an.

Und dann kam die Überraschung doch: Die SPD kann mehr Wähler für sich gewinnen, als noch im Jahr 1999. Und das zu einer Zeit, in der die SPD bundespolitisch im Zentrum der Kritik steht. Die großen Parteien im Land erhielten deutlich bessere Werte als die Bundesparteien. Während die SPD und die CDU im Bund mit 0,1 beziehungsweise 0,3 auf der +5/5-Skala beurteilt wurden, lag die Bremer SPD bei 1,6 und die Bremer CDU bei 1,1. Woran liegt das? Wer hat Henning Scherf und Hartmut Perschau gewählt?

Die SPD erzielte bei Frauen ein weitaus besseres Ergebnis als bei Männern, während die CDU bei Männern etwas besser abschnitt als bei Frauen. Die größten Zugewinne verzeichnete die SPD bei der Gruppe der mehr als 60 Jahre alten und hier vor allem bei den Frauen – plus 13 Prozentpunkte. Umgekehrt hatte die CDU starke Verluste bei den 45-Jährigen und Älteren, weit überdurchschnittlich fielen diese bei den mehr als 60 Jahre alten Frauen aus – ein Minus von 16.

Das Ergebnis der Bremer Bürgerschaftswahl beruht in erster Linie auf einer hohen Zustimmung der Bremer zur großen Koalition unter der Führung von Henning Scherf (SPD). Auf die Frage nach dem gewünschten Regierungschef im Lande sprachen sich 68 Prozent für Henning Scherf aus, 18 Prozent wünschten sich Hartmut Perschau (CDU). Selbst unter CDU-Anhängern lag Scherf als gewünschter Bürgermeister leicht vor dem CDU-Kandidaten.

Der Bund ist nicht so wichtig

Zwar wurde der CDU bei der Lösung der wichtigen Themen Arbeitsplätze, Wirtschaft und Finanzen mehr zugetraut als der SPD, aber dieses kam ihr in einem Wahlkampf ohne thematische Profilierung nur teilweise zugute. Von der Mehrheit der Bremer und Bremerhavener wurde diese Wahl als eine Abstimmung über die Politik in ihrem Bundesland angesehen: Für 65 Prozent der Wähler war die Politik in Bremen wichtiger für ihre Wahlentscheidung, für 30 Prozent die Bundespolitik.

Zu den Gewinnern der Wahl gehören auch die Grünen, sie konnten sich nach ihren starken Verlusten bei der letzten Bürgerschaftswahl deutlich verbessern: Sie gewannen vor allem bei den unter 45-Jährigen, bei Wählern, die jünger als 30 Jahre alt sind, konnten sie einen Zuwachs von zehn Prozentpunkten verzeichnen. Die Grünen profitierten von den Wählern, die mit der großen Koalition unzufrieden waren und lieber eine rot-grüne Koalition gesehen hätten. Auch die FDP und die Schill-Partei wurden von acht Jahren großer Koalition begünstigt. Wesentlich mehr Männer als Frauen wählten die Schill-Partei. Die DVU, die nur in Bremerhaven eine Rolle spielte, erhielt dort die größte Unterstützung von Arbeitslosen.Tsp/ Foto: dpa

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben