Zeitung Heute : Ganz große Ferien

Die Hotels sind ausgebucht: Im Nordirak begegnen sich US-Soldaten und Touristen aus Bagdad beim Urlaubmachen

Andrea Nüsse[Dohuk]

Es ist nicht schlimm diesmal, er bekommt nicht mal einen Schreck, es passiert nur im Autoscooter. Der Amerikaner sitzt in einem der Wägelchen und versucht, sich einen Weg am Rande der rechteckigen Fahrfläche zu bahnen. Ein junger Iraker kommt von links und fährt ihm in die Seite. Der Amerikaner lacht über das ganze Gesicht und gibt sofort wieder Gas. „It’s great fun“, sagt er beim Aussteigen, ein großer Spaß, und lässt sich zusammen mit dem jungen Iraker, einem Medizinstudenten aus Bagdad, fotografieren.

Es gibt ein Riesenrad hier. Es gibt Lautsprecher, aus denen gerade der neueste Hit des irakischen Sängers Kazem al Saher schallt. Es ist ein Rummelplatz. „Dream Park“ heißt er, er steht in den kurdischen Bergen des Nordiraks am Rand der Stadt Dohuk. Hier amüsieren sich US-Soldaten, Touristen aus Bagdad und die einheimischen Kurden. Von dem etwa 100 Kilometer weiter südlich tobenden Guerilla-Krieg ist in den seit 1991 de facto autonomen Kurdengebieten nichts zu spüren. Es gibt eine kurdische Regionalregierung, Polizei und die Peschmerga-Kämpfer, die für Sicherheit sorgen.

Der Medizinstudent aus Bagdad, der sich mit dem US-Soldaten auf dem Rummelplatz fotografieren ließ, heißt Nawar Amin. Er ist 22 Jahre alt, er trägt eine Nickelbrille und Jeans. Jetzt sitzt er auf einem braunen, abgenutzten Stoffsofa in der Lobby des Zwei-Sterne-Hotels Lomana in Dohuk, wo er für zwei Nächte untergekommen ist. Er ist zum ersten Mal im Nordirak. „Es ist so entspannend hier“, sagte er. „Wir gehen abends ins Restaurant und brauchen keine Angst zu haben, dass wir auf dem Rückweg überfallen werden.“ In Bagdad gehen die Leute nach 18Uhr nicht mehr auf die Straße.

„Hier oben gibt es die einzigen Berge und Wasserfälle, die wir im Irak haben“, sagt Amin. „Das Klima ist sogar im Sommer angenehm. Das ist eine richtige Entdeckung für uns, seit 1991 war es verboten, in die Kurdengebiete zu fahren.“ Amin ist zusammen mit seiner Familie mit einer Bagdader Reisegruppe für fünf Tage im Norden unterwegs: zwei Nächte in Erbil, der Gebietshauptstadt, zwei Nächte im Ausflugsort Dohuk. Anreise im Bus, Vollpension, für 60 Dollar pro Person.

„Das ist teuer, aber alle sechs Monate kann meine Familie sich das leisten“, sagt Amin. Und seine Familie ist nicht die einzige: In Dohuk sind Mitte September alle Hotelzimmer belegt – im Fünf-Sterne-Haus Jiyan ebenso wie im Hotel Sulaf oder in einem ehemaligen Studentenwohnheim, wo aus den Wasserhähnen kein Wasser kommt.

Einen überrascht das nicht. Er heißt Ahmed Hosseini, er organisiert die Busreisen in die kurdischen Provinzen. „Die Leute wollen raus aus Bagdad“, sagt er. Hosseinis Firma hat zwei Wochen nach Kriegsende mit den Fahrten begonnen. Etwa 120 Besucher bringt sie wöchentlich nach Erbil und Dohuk.

Doch von einer der Hauptattraktionen der Reisen in den Norden ahnte Hosseini wahrscheinlich nichts: „Hier kann ich mich endlich einmal mit US-Soldaten unterhalten“, sagt Amin, der Medizinstudent. „In Bagdad habe ich Angst, mich ihnen zu nähern, weil sie so schnell schießen, wenn man irgendetwas falsch macht. Außerdem muss man in ihrer Nähe immer Anschläge fürchten.“

In der Tat wirken auch die US-Soldaten in Dohuk sehr entspannt. Sie sind hier nicht als Ordnungshüter oder Besatzer unterwegs, sondern ebenfalls als eine Art Touristen. Die Soldaten der 101. Airborne Division, die in Mosul stationiert ist, werden regelmäßig zur Erholung nach Dohuk geschickt, ins Jiyan, das Fünf-Sterne-Hotel. So sagen es jedenfalls die Angestellten dort. Und in der Stadt heißt es: Das Hotel ist dauerhaft von der US-Armee angemietet. Der Hoteldirektor will dazu nichts sagen, aus Sicherheitsgründen, sagt er. Er träumt stattdessen laut davon, Touristen aus den Golfländern anzuziehen und sieht im Reisegeschäft eine der künftigen Haupteinnahmequellen der Kurdengebiete. An der Wand seines Büros hängt ein gerahmtes Zertifikat der Airborne Division, in dem der Oberkommandierende der Einheit dem Hotelpersonal für den „hervorragenden Service“ dankt.

In den Gängen und in der Lobby wandeln denn auch fast ausschließlich US-Soldaten in Uniform. Auch sie sind wenig auskunftsfreudig und ziehen sich zum Essen in einen vom Hotel-Restaurant abgetrennten Raum zurück. Von dort haben sie einen Blick in den Garten, mit seinem gepflegten Rasen und den bunten Blumenbeeten, die jeden Morgen gewässert werden. Sie können auch drei weiße Zelte sehen, in denen ihre Bewacher wohnen: Das Hotel wird von kurdischen Soldaten geschützt. Die Amerikaner fühlen sich bei den Kurden, die ihre Verbündeten beim Sturz von Saddam waren, anscheinend sicher.

Dies gilt nicht nur im Jiyan-Hotel, sondern in ganz Dohuk. Ohne Helme und Schutzwesten, stattdessen mit Plastiktüten voll Obst in den Händen, schlendert eine Gruppe amerikanischer Soldaten durch die Innenstadt mit ihren kleinen, in einigen Straßen einheitlich in grellem Rosa gestrichenen Boutiquen. Auch im nagelneuen Einkaufszentrum am Stadtrand sind die Amerikaner Stammgäste. Auf zwei Etagen, gleich neben dem Rummelplatz „Dream Park“, gibt es Magnum-Eis und Quality-Street-Pralinen, ebenso wie Pierre-Cardin-Unterwäsche für Herren und eine Auswahl von 15 verschiedenen Deos. Hier treffen die Amerikaner wieder auf die Touristen aus Bagdad – fast alle Wagen auf dem Parkplatz sind in der Hauptstadt zugelassen. In der Elektronik-Abteilung, vor den Sony-Fernsehern mit dem Riesenbildschirm, ist eine Diskussion im Gange. Es geht nicht um die Besatzung oder die Zukunft des Irak. Stattdessen will ein Mann aus Bagdad von den Soldaten wissen, ob dieser Fernseher in den USA billiger sei. Hier kostet er 3500 Dollar. Die Soldaten antworten mit „Ja“. Und sie wirken dankbar für die unpolitische Frage.

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