Zeitung Heute : Ganz im Ernst

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Von Robert von Rimscha

Die unvermeidlichen Fallschirmsprünge Jürgen W. Möllemanns, „Guidomobil"-Touren des Parteichefs Westerwelle, prekäre Werbevideos mit Dolly Buster, Bundestags-Kandidaten wie der Fernseh-Seichtling Peter Bond: Die Liberalen werden das Image nicht los, es zumindest manchmal mit der Politik nicht ganz so ernst zu meinen. Oder, zumindest, dem trockenen Politik-Geschäft spaßigere Seiten abgewinnen zu wollen als die Konkurrenz.

Jetzt, zu Beginn des Endspurts für die Bundestagswahl, wird eine neue Devise ausgegeben: vom Spaß zum Ernst. Ist dies ein Übergang, oder ist es eher eine Zweigleisigkeit? Der Einsatz unkonventioneller Mittel dient, dies betont Guido Westerwelle immer wieder, dem Erreichen neuer Wähler. In Sachsen-Anhalt ging diese Kalkulation auf: Nie erreichte die FDP mehr Erst- und Jungwähler als bei der Landtagswahl am 21. April. Die Forschungsgruppe Wahlen hat mit ihrem Zahlenmaterial untermauert: Keine andere Partei hat in ihrer Anhängerschaft einen größeren Anteil unter 40-Jähriger. Zwei Jahre nach dem Besuch bei Big Brother hat Westerwelle die Container-Zuschauer scharenweise zu FDP-Wählern gemacht.

Aus FDP-Sicht durch eine Mischung aus Zeitgeist-Anpassung und Programmatik. Dass letztere verwechselbar sei, kann man den Liberalen kaum vorwerfen. Parteiintern wird das aktuelle Wahlprogramm als das schärfste der jüngeren Geschichte gesehen. Edmund Stoiber mag „kantig“ über seine Wahlplakate schreiben, das FDP-Programm ist es. Die „präziseste Vorlage“ aller Parteien habe die FDP geliefert, „glasklar marktwirtschaftlich“ stelle sie sich auf, sagen Mitglieder der Führungsspitze. Am deutlichsten wird dies beim dreistufigen Einkommenssteuersatz, der mit der Abschaffung fast aller Abzugsmöglichkeiten einher gehen soll. Die Schärfe ist Programm, das Programm heißt Schärfe.

Kühne Ideen sind zugleich unrealistischer als die gemäßigten Projekte der großen Volksparteien. Ganz und gar nicht unrealistisch ist indes eine Machtbeteiligung der Liberalen nach dem 22. September. Unterhalb der Schwelle von Koalitionsaussagen und Vorfestlegungen muss die FDP schon sehr genau prüfen, was gegebenenfalls mit wem umsetzbar wäre. Gegenwärtig lautet der diesbezügliche Tenor in der Parteiführung: Mit der Person Schröder ginge das eine oder andere schon, mit der SPD allerdings kaum. Umgekehrt verhält es sich beim anderen möglichen Partner: Mit der Union ließe sich manche Grundsatzreform wohl angehen, nur gibt sich Kandidat Stoiber nicht gerade als Speerspitze eines solchen Aufbruchs.

Die günstigen Umfragewerte legen die Frage nach der Macht nahe, sie eröffnen jedoch zugleich eine weiche Flanke. Mehr und mehr wird in der Partei davor gewarnt, sich schon ans Zerlegen des Fells zu machen. Für Postengeschacher sei es viel zu früh, und die Parteitagsreden möge man doch bitte nicht als Kandidaturen für Ministerposten missverstehen, werden die Journalisten in Mannheim deshalb immer wieder ermahnt.

Macht, Personen, Programmatik: Das ist der bittere Ernst der Politik. Bei der Werbung auf leichtere und zuweilen auch unkonventionelle Tonlagen zu setzen, ist kein Gegensatz, sondern ein Spagat. Die FDP will ihn durchhalten. Auf dem bürgerlich-konservativen Flügel sieht man es zuweilen mit Unbehagen. Es ist der Erfolg, der letztlich die Spaß-Ernst-Mischung legitimiert. Und Erfolg hat Guido Westerwelle bisher gehabt. So wird die gelegentliche Empörung der politischen Konkurrenz über die Unernsthaftigkeit so manchen FDP-Auftritts billigend in Kauf genommen.

Solange sich die Kritik an der neoliberalen Schärfe und jene an der spaßigen Substanzlosigkeit die Waage halten, kann die FDP mit ihrem Image gut leben. Die Parteioberen fragen dann kess, welcher Vorwurf denn nun stimmen solle: zu scharf oder zu seicht?

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