Zeitung Heute : Ganz Ohr

1983 kam das erste Mobiltelefon auf den Markt. Es hat die Kommunikation revolutioniert. Heute haben die meisten Deutschen ein Handy. Sie sind praktisch immer erreichbar – auch in der Freizeit und im Urlaub. Deshalb raten Psychologen: Öfter mal abschalten.

Markus Ehrenberg[Kurt Sagatz] Corinna Visser

Von Markus Ehrenberg,

Kurt Sagatz und Corinna Visser

Leuchtende Tasten, das Gehäuse in Rubin und Titan, Stand-by-Zeit von 200 Stunden, weltweit nutzbar einschließlich Währungsrechner, ansteckbarer Kamera, mobilem Internet-Zugang, Multimedia-Bildnachrichten, einem Dutzend Spiele … Das Handy ist nicht nur immer und überall dabei, 20 Jahre nach der Erfindung des ersten Mobiltelefons gibt es offensichtlich nichts, was die digitalen Wegbegleiter nicht können.

Ob der Mensch dabei noch mithalten kann, diese Frage scheint sich die Industrie kaum noch zu stellen. Die Wissenschaftler warnen und sie sprechen nicht nur über das Reizthema Elektrosmog. Nicht zum Sklaven des Technik zu werden und die Freizeit zur Handy-freien Zone zu machen, gilt inzwischen als eine Tugend, die unter anderem der Diplom-Psychologe der Krankenkasse DAK, Frank Meiners, fordert. „Mit dem Handy werden auch belastende berufliche Schwierigkeiten und ungelöste Alltags- und Partnerschaftsprobleme mit in den Urlaub genommen“, sagt der Wissenschaftler. Allerdings räumt er ein, dass für Führungskräfte und Entscheidungsträger das Abschalten ihrer Handys besonders schwierig ist.

Als das US-Unternehmen Motorola im Jahr 1983 die erste Lizenz zum Aufbau eines landesweiten kommerziellen Mobiltelefonnetzes in den USA erhielt, dachte noch niemand an diese Probleme. Nur die wenigsten werden sich überhaupt an den Namen des ersten Mobiltelefons erinnern. Allerdings kann man sich immer noch gut vorstellen, warum das „DynaTac 8000X“ den Spitznamen „Knochen“ erhielt. Extrem lang und mit den Verdickungen an Mikrofon und Hörmuschel forderte es diesen Spott geradezu heraus. Mit dem Handy von heute hat das DynaTac wenig gemein. 800 Gramm schwer und 33 Zentimeter lang passte der „Knochen“ in keine Jacken- oder Handtasche. Dennoch stand es für eine Revolution. In Deutschland mühte man sich zu der Zeit noch mit schweren Geräten herum, die allenfalls im Kofferraum teurer Limousinen Platz fanden.

Heute zählt längst nicht allein die Technik. Siemens bewirbt sein Edelhandy „SL 55“ mit dem Slogan „designed for desire – sehen, fühlen, lieben“. Liebeserklärungen und Kurzgedichte werden im dritten Jahrtausend nicht mehr per Brief, sondern per SMS geschickt. Sehr zum Leidwesen der Eltern und Lehrer übrigens, die über Auswüchse wie horrende Handy-Rechnungen der Kinder und Schummeleien im Schulunterricht klagen. Dennoch: Ein neues Handy ist mindestens genauso schick wie die aktuelle Frisur von David Beckham.

Mittlerweile gibt es Handys für Kinder, für Damen, für Taucher, für Bundestrainer und für die immer erreichbaren Business-Telefonierer. Der Kommunikationswissenschaftler Alfred Gebert appelliert darum: „Man muss das Handy auch ausschalten können.“ Vor allem Menschen, die eigentlich keine Handys brauchen, hätten diese Kunst noch nicht gelernt. Für die meisten Manager sei es dagegen selbstverständlich, zwischen privatem und beruflichem Handy zu wechseln. „Und in der Freizeit bleibt das Business-Handy eben auch mal abgeschaltet“, so der Münsteraner Wissenschaftler.

Doch das Kommunikationsbedürfnis verschwindet trotz der aktuellen Wirtschaftsflaute nicht. Zwar bekommen auch große Handyfirmen wie Nokia, Sony Ericsson, Motorola, Samsung, Siemens, Philips die Krise zu spüren, doch die Entwicklung ist eindeutig: Dem Branchenverband Bitkom zufolge telefonieren derzeit in Deutschland 60 Millionen Menschen per Handy, bis zum Jahr 2005 wird mit 70 Millionen Verträge gerechnet. Weltweit sollen bis bis dahin rund 1,6 Milliarden Menschen mobil telefonieren. Deutschland liegt im Ländervergleich prozentual allerdings nur an neunter Stelle, hinter Italien, Finnland oder der Schweiz, aber noch vor den USA.

1983 wirkte die US-Erfindung auf die deutschen und europäischen Telekommunikations-Unternehmen jedenfalls wie der Schock des Sputnik-Starts auf die Amerikaner. Anfang der 80er Jahre lag Europa bei der Mobilkommunikation meilenweit hinter den Vereinigten Staaten zurück. Doch das alte Europa hat aus den Fehlern gelernt: Bei der Entwicklung der D- und E-Netze gilt das europäische System als führend.

Diese Führungsposition soll auch mit dem Mobilfunkstandard der nächsten Generation gehalten werden. Doch die Zukunft der mobilen Multimediawelt beginnt später als gedacht. Mit UMTS hätte es in Deutschland bereits 2002 losgehen sollen. Inzwischen ist klar: Vor Ende diesen Jahres wird es nichts.

Sicher ist, mit UMTS soll alles schneller, bequemer und unterhaltsamer werden. „Es wird noch einmal einen Quantensprung geben“, sagt Arno Wilfert von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Und noch etwas zeichnet sich ab: Viel stärker als heute wird mobile Kommunikation auch gänzlich ohne Handy stattfinden: Jeder Wagen wird einen Sender haben, so dass Spediteure ihre LKW-Flotten überwachen können oder die Polizei gestohlene Fahrzeuge wiederfindet. In Japan überwachen Eltern bereits den Aufenthaltsort ihrer Kinder mobil.

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