Zeitung Heute : Ganz pragmatisch

Die Norweger wollen auch künftig auf Waljagd gehen – weil sich die Tiere ihrer Meinung nach von Heringen nur in der Größe unterscheiden

Markus Wiegand[Oslo]

Als Steinar Bastesen früher auf seinem Schiff an der Harpune stand, hat er auf den Kopf der Wale gezielt, um die Tiere mit dem ersten Schuss zu töten. Wenn der Abgeordnete des norwegischen Parlaments heute mit Ausländern über den Walfang diskutiert, weiß er nicht genau, wo er mit seinen Argumenten ansetzen soll. „Eine ganze Protestindustrie füttert die Menschen mit vernebelten Informationen“, schimpft der 58-Jährige über die Artenschützer. Für ihn und die norwegische Delegation der Internationalen Walfangkonferenz (IWC) in Berlin ist klar, dass die Jagd auf die bis zu zehn Meter langen Minkwale den Bestand nicht gefährdet.

Deshalb teilt sich das Land seit 1993 trotz des kommerziellen Fangverbots selbst eine Quote zu. In diesem Jahr wollen die Norweger 711 Minkwale erlegen. Allein im Nordostatlantik gäbe es schließlich rund 112 000 Tiere dieser Spezies, argumentiert das Fischereiministerium. „Wir fangen Heringe, warum sollen wir keine Wale fangen?“, fragt Bastesen.

Die Mehrheit der Norweger steht hinter diesen Argumenten. In den 50er und 60er Jahren haben viele selbst Walfleisch gegessen, weil es eine billige Alternative war. Und im vergangenen Jahr war es nach Angaben der größten norwegischen Verkaufsgesellschaft, Norges Rafisklag, kein Problem, die 911 Tonnen Fleisch von 634 erlegten Minkwale auf dem heimischen Markt abzusetzen. Nur ein geringer Teil wurde nach Island verkauft. Gerne würden die rund 150 norwegischen Walfischer auch die äußere Speckschicht der Wale nach Japan exportieren, wo sie im Gegensatz zum norwegischen Markt als Spezialität gilt. Seit Jahren erlaubt Japan die Einfuhr jedoch nicht, weil der Walspeck mit dem Umweltgift PCB belastet ist. Rund 200 Tonnen werfen die norwegischen Fischer daher jedes Jahr ungenutzt ins Meer, räumen Branchenvertreter ein.

Insgesamt ist der Walfang für Norwegen jedoch wirtschaftlich unbedeutend. Nur geschätzte 12,5 Millionen Euro erwirtschaftete die Branche 2002. „Trotzdem berührt diese Frage die Seele der norwegischen Fischereination“, sagt Kalle Hesstvedt, der acht Jahre für Greenpeace in Norwegen gearbeitet hat und erklärt: „Die Menschen hier haben nicht so eine romantische Beziehung zu den Walen wie viele Deutsche, sondern betrachten sie als normale Tiere.“ Aufgrund dieser Einstellung sind auch die heimischen Artenschützer nicht grundsätzlich gegen den Walfang. Der World Wildlife Fund (WWF) Norwegens etwa meint, dass der Minkwal tatsächlich nicht vom Aussterben bedroht ist. Allerdings dürfe Norwegen sich nicht der internationalen Kontrolle verweigern kritisiert man stattdessen und offenbart so eine Meinungsverschiedenheit zu vielen Artenschützern im Ausland, die den Walfang generell kritisieren. In einer offiziellen Darstellung des norwegischen Fischereiministeriums heißt es, der Walfang finde in der Regel „ohne Hektik“ statt. Fragt sich, ob das für die Konferenz in Berlin auch gilt.

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