Zeitung Heute : Ganz schlechter Tag für Löwen

Überall Aschermittwochsreden – aber die richtige Rauflust will dieses Jahr nicht aufkommen. Grund: die große Koalition

Robert Birnbaum[Tissy Bruns] Stephan Haselberg

Und es hätt’ alles so schön werden können, wenn der Aschermittwoch nicht gerade auf den 1. März gefallen wäre.

Das mit dem Datum haben sie in München vor ein paar Wochen bemerkt. Ausgerechnet! Dieser politische Aschermittwoch 2006 ist für den Stoiber Edmund ja aus mehrerlei Gründen sowieso eine recht heikle Angelegenheit. Dass er aber auch noch genau auf den Tag 100 der Regierung Angela Merkel zu liegen kommen muss … Im Franz-Josef-Strauß-Haus sind sie nach dem ersten Schreck ins Archiv gestiegen, um sich Rat beim Hausheiligen zu holen. Das Ergebnis war halbwegs beruhigend. Als in Bonn die erste große Koalition regierte, hat der große FJS trotzdem weiter seine Fastenpredigten gehalten. „Die waren auch langweilig“, hat einer nach mehreren Stunden Filmrollengucken resümiert. Das „auch“ hat er betont, vorsichtshalber. Stoiber könnte es ja eigentlich ganz gut brauchen, mal wieder vor den eigenen Leuten den Löwen zu geben. Aber grade der 100. Tag der Regierung, der der bayerische Ministerpräsident lieber doch nicht angehören wollte – ganz schlechter Tag für Löwen.

Die SPD hat auch so ihre Schwierigkeiten mit dem Datum. Schon am Morgen hat der bayerische Bundestagsabgeordnete und SPD-Präside Ludwig Stiegler ankündigen müssen, dass es aus Rücksicht auf die große Koalition heuer ein wenig leiser zugehen werde im Wolferstetter Keller in Vilshofen, wo die SPD am Aschermittwoch für gewöhnlich kräftig auf die Pauke haut. Nein, sagt Stiegler, diesmal „keine Pauken und Trompeten“, diesmal müsse man mit „Bratsche und Harfe arbeiten“. Das trifft sich insofern gut, weil Pauke und Trompete ohnehin nicht die Instrumente sind, die der neue SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck am besten beherrscht.

Bei der CSU in Passau macht sich ein tausendfaches Gemurmel breit. Unten haben sie lange Bänke aufgestellt, damit der Glas- und Alu-Bau ein bisschen nach Bierzelt aussieht. Oben an den Wänden hängen Transparente. Das ist wie immer. Nicht ganz wie immer ist das, was auf den Transparenten steht. „Politik für Bayern – CSU“ ist da zum Beispiel zu lesen oder auch „Edmund wir stehen zu dir“. So was muss also neuerdings bei der CSU gesagt werden.

Nicht zwingend nötig wäre es wahrscheinlich, dass Stoiber jetzt schon seit 20 Minuten über die Erfolge der bayerischen Landesregierung referiert. Das Clübchen der „Peiner Passau-Fahrer“, das seit 31 Jahren aus Niedersachsen anreist und dafür einen Ehrenplatz direkt vor der Blaskapelle bekommen hat, das Clübchen also ordert eine vierte Maß Helles pro Kopf. Ob jetzt bald mal was zum Jubeln kommt? Der graubärtige Clubhäuptling mit dem schwarz-rot-goldenen Schal ist sogar schon aufgestanden, das Fähnchen der CDU Peine schwenkbereit. Dann setzt er sich aber wieder. Stoiber geißelt soeben den chinesischen Technologieklau und begrüßt anschließend die europäische Dienstleistungsrichtlinie. Später wird er sagen, dass die Regierung unter Angela Merkel einen guten Start hatte. Ganz schlechter Tag für Fahnenschwenker.

Es ist Platzecks erster politischer Aschermittwoch als SPD-Chef. Für die da unten im Saal des Wolferstetter Kellers hat der „leibhaftige Preuße“ ein paar warme Worte über das „wirklich wunderschöne“ Bayern und die ebenso schöne SPD mitgebracht. Die ist erstens eine „dufte Truppe“ und zweitens das „Herz der Bundesregierung“. Von den Umfragen braucht sich so eine Partei nicht „irre“ machen zu lassen, denn auf Dauer werden die Menschen schon spüren, wer im Maschinenraum der Koalition rackert, übrigens eine „Koalition der Vernunft“, zu der sich die SPD ausdrücklich bekennt. Schöne Harfenklänge, sind das – schön langweilig. So gesehen ist es ein Segen, dass es Edmund Stoiber und die CSU gibt.

In Passau trampeln sie jetzt gelegentlich mit den Füßen. Zum Beispiel hebt ein gewaltiger Jubel an, gefolgt von rhythmischen „Edmund-Edmund“-Rufen, nachdem der Redner mit zornesrauer Stimme versichert hat: „Ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ist mit uns nicht zu machen!“ Der Gegner von gestern ist halt besser als gar keiner. Noch gewaltiger der Applaus des Stammtischs für Sätze wie: „Hier in Deutschland gilt das Grundgesetz und nicht die Scharia! Und wer das nicht akzeptiert, braucht gar nicht erst zu uns zu kommen.“

Es werde, hat vorher ein Spitzen-Christsozialer angekündigt, eine „konservative Rede“. Das auch. Vor allem jedoch eine bayerische. Kaum ein Wort vom Einfluss auf Berlin, keine Rede mehr vom Motor der Union. Michael Glos und Horst Seehofer sind schon früher oft nicht nach Passau gekommen; diesmal fehlen die zwei CSU-Bundesminister aber besonders auffällig. Wenn man sie sich nämlich mal kurz vorstellt da vorne auf der Honoratiorenbank – sie würden das Bild stören. Vor allem der Seehofer, dessen Popularitätswerte mit jedem verendeten Schwan zu steigen scheinen. In Edmund Stoibers CSU können sie solche, die über die Freistaatsgrenzen allzu weit hinausragen, gerade nicht gut brauchen. Diese CSU ist konzentriert aufs Kerngeschäft. Auch der Löwe selbst preist die Vorzüge des Lebens im Reservat in verdächtig hohen Tönen. „Do samma dahoam!“,ruft Stoiber in den Saal, und dass „Heimat ist, wo das Herz schlägt“. Ganz schlechter Tag für Bundesadlerträume.

Wenn man sich schon nicht über den großen Teil der Union lustig machen darf, ohne Ärger zu riskieren in der Koalition, dann wenigstens über den kleinen. Und so packt Platzeck in Vilshofen doch noch die Pauke aus. „Es kommt nicht von ungefähr, dass die CSU aus der Berliner Wahrnehmung komplett verschwunden ist“, ruft Platzeck. Michael Glos zum Beispiel: Man soll ja über Kollegen nichts Schlechtes sagen, sagt der SPD-Chef, aber da gab es jetzt diesen schönen Zeitungsartikel, in dem stand, Glos’ auffälligste Tat in den ersten 100 Tagen Schwarz-Rot sei der Handkuss für Angela Merkel gewesen.

Und die Geküsste selbst? Über die verliert Platzeck kein böses Wort. Und selbst die Opposition traut sich nicht so recht. Es ist, als wäre Merkel nicht Kanzlerin, sondern Bundespräsidentin. Die Spötter arbeiten sich lieber an Edmund Stoiber ab. „Er sollte nicht im Trachtenanzug auf das Podium steigen, sondern im Büßerhemd“, findet Guido Westerwelle in einem Passauer Gasthaus. Und in der Stadthalle von Biberach zählt Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer den bayerischen Ministerpräsidenten zur Gattung der „Zombies“ – „den lebenden Toten mitten zwischen uns“. Die Linke gräbt in Wallerfangen im Saarland einen ganz staubigen Feind aus. Oskar Lafontaine schimpft, unter Gerhard Schröder sei die SPD zu einer Partei geworden, die für Krieg und Sozialabbau eintritt.

Stoiber dem Gespött preisgegeben, eine friedfertige SPD und eine zahme Opposition: Was will Angela Merkel noch mehr?

Die feiert in Demmin, Mecklenburg-Vorpommern, ihren politischen Aschermittwoch. Schon zum zehnten Mal ist sie da, doch heute ist alles anders. Es kommt die erste Bundeskanzlerin. Das Lokalblatt „Nordkurier“ hat an diesem Tag gemeldet, dass die Arbeitslosenquote des Städtchens wieder die 30 Prozent-Marke gesprengt hat. Nicht unbedingt ein Vorzugspflaster für eine Regierungschefin, der „Bild“ gerade mitgeteilt hat, dass die fünf Millionen von jetzt an „ihre“ Arbeitslosen sind. Aber in Demmin ist heute nur „der Tag einhundert“. Im Herbst will die CDU die rot-rote Landesregierung ablösen, sie sucht begeistert den Windschatten der Bundeskanzlerin.

Dann, endlich, wird sie angekündigt. Wacker begleitet der Saal den Einzug der lokalen Heroin mit rhythmischem Klatschen, einige stehen auf den Bänken, als die Kapelle die Bundeskanzlerin dreimal hochleben lässt. Und Merkel erzählt die Geschichte ihres Aufstiegs, kein Rot-Grün mehr, und „das ist gut für Deutschland“. Aber vergnügt und nebenbei reibt sie sich auch mit alten Konkurrenten von der CSU. Unseren Aschermittwoch unterscheidet fast nur noch die Uhrzeit, sagt Merkel um sechs Uhr abends, aber sonst sei es so, „dass wir nun schon fast Passau Konkurrenz machen“. Da ruft einer von hinten: „Juhu!“

Mitarbeit: Cordula Eubel, Hans Monath

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar