Zeitung Heute : Ganz schön abgehoben

Zum Essen wird sich am Tisch festgebunden, geschlafen wird im Schweben. Wie wohnt man eigentlich im Weltall?

Andreas Austilat

Ein Fenster, ja, ein Fenster werden sie wohl haben, wenigstens im Speiseraum. Aber was kriegen die Bewohner dieses Hauses draußen zu sehen? Den Horizont, den schon mal nicht. Kein Morgenrot, kein Abendglühen, denn Tage wird es keine geben, nur schwärzestes Schwarz. Es gibt kein oben und kein unten, und wenn sich die kleine Gesellschaft zum Essen in der Runde versammeln kann, dann nur, weil Schlaufen sie am Stuhl festhalten, ebenso wie die Teller auf dem Tisch.

Ist das überhaupt ein Haus, das Constance Adams da kürzlich in Ulm auf der Jahrestagung des internationalen Forums für Gestaltung skizziert hat? TransHab, kurz für Transit Habitat, hat die amerikanische Weltraumagentur NASA das merkwürdige Gebilde mit dem ihr eigenen Hang für Abkürzungen getauft, ein rasendes mobile home, mit 40 000 Stundenkilometer unterwegs im interplanetaren Raum. Nun, wenn es einmal auf die Reise geschickt wurde, dann ist es für verdammt lange Zeit zumindest ein Zuhause. 1000 Tage würde Hin- und Rückreise zum Mars wohl dauern.

Ob der Flug technisch irgendwann mal möglich ist, das ist nicht Constance Adams’ Thema, das ist Aufgabe der Ingenieure. Ihr Job ist ein anderer. Adams ist eine von nicht einmal einem Dutzend Weltraumarchitekten, die die NASA beschäftigt. Weltweit dürfte die Zahl immer noch überschaubar sein. Und doch sieht die Expertenschar den Zeitpunkt für gekommen, sich zum ersten Symposium der Weltraumarchitektur zu treffen, diesen Oktober in Houston.

Weltallgarderobe

Architektur im Weltraum, das klingt ein wenig hochtrabend angesichts der zusammengestöpselten, dosenförmigen Module, die da als Mir oder ISS bisher scheinbar designfrei im Orbit kreisten und allenfalls Brückenköpfe sind für weiterreichende Ambitionen. Ja, sagt Adams Kollege Andreas Vogler, die Druckzylinder haben eine eher abweisende Form, einzig und allein darauf ausgerichtet, dem Menschen dort ein Überleben zu sichern, wo er eigentlich gar nicht hingehört. Aber Vogler, der an der TU-München das Projekt Weltraum-Architektur geleitet hat, sieht auf den gegenwärtig eher virtuellen Baustellen im All ein wichtiges künftiges Betätigungsfeld für seine Branche. Immerhin seien doch Architekten von Berufs wegen dazu ausgebildet, Konzepte für eine menschenwürdige Lebenswelt zu entwerfen. Im Weltraum, das liegt in der Natur der Sache, sind das vor allem Innenwelten. Und die extreme Umgebung zwinge dazu, sehr sorgfältig zu planen. Der Astronaut wird es vielleicht einmal zu schätzen wissen, wenn er nach einem langen Mars-Tag, immerhin 39 Minuten länger als auf der Erde, seine Station betritt und eine ansprechend gestaltete Eingangssituation vorfindet. Vogler und sein Team haben nicht nur Einrichtungsgegenstände für die internationale Raumstation ISS entworfen, sie machen sich auch schon mal Gedanken, wie so ein Entree aussehen könnte, eine Art Garderobe für die ersten Marsianer, ein erstes Plätzchen für gerade gesammelte Bodenproben.

Rund 20 000 Dollar kostet jedes Kilo, das die Erde verlässt, ein zu hoher Preis, um sich schlechtes Design zu leisten, findet Constance Adams. Und schlechtes Design ist alles, was die Mission im Weltall gefährdet. Man nehme nur einmal die inzwischen versenkte Mir. Da hätte sich nach einem Kameraausfall der Kommandant unter eine Art Schreibtisch hangeln müssen, um durch ein Fenster die sich nähernde unbemannte Versorgungskapsel überhaupt sehen zu können. Statt seiner übernahm ein Kollege die Beobachtungsposition und rief dem Kommandanten an der Fernsteuerung die Steuerbefehle zu. Nicht leicht, wenn gleichzeitig die Lüftermotoren mit durchschnittlich 75 Dezibel so laut dröhnen, wie ein vorbeifahrender Lastwagen. Das Manöver ging schief, der Versorger beschädigte die Mir schwer. Warum aber gab es kein Fenster an der richtigen Stelle? Auch das ist schlechtes Design.

Constance Adams hat an Häusern mitgebaut, Hospitälern und Theatern. In Berlin hat sie bei Kleihues gearbeitet, am Quartier 109 in der Friedrichstraße. Geschichte, nein, Geschichte macht man damit nicht wirklich. Nicht in Berlin, nicht in Boston, wo sie als Tochter eines Professors für mittelalterliche Geschichte geboren wurde. Mag sein, dass das eine oder andere Gebäude in 100 Jahren noch steht, aber woran werden sich unsere Nachfahren wohl erinnern, wenn sie an die letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts denken? Richtig, an die ersten Schritte in den Weltraum. „Das ist doch Pionierarbeit, die ich hier leiste", sagt die 38-Jährige. Vielleicht hat sie daran gedacht, als sie nach sechs Jahren Arbeit als Architektin in Japan und Deutschland in die USA zurückkehrte und das Johnson-Space-Center der NASA eigentlich nur aus Spaß besuchte. Vielleicht war es auch ein Fall von frühkindlicher Prägung, immer noch beeindruckt erzählt sie, wie sie als Fünfjährige die Mondlandung im Fernsehen erlebte. Und vielleicht traf es sich auch gut, dass es sich bei der amerikanischen Weltraumagentur um eine Regierungsbehörde handelt, die zu gewährleisten hat, dass mindestens ein Drittel ihrer Mitarbeiter Frauen sind.

Architekten sind ja Generalisten, sagt Constance Adams, ihre Aufgabe ist es, Erkenntnisse zu bündeln, Erkenntnisse von Technikern, Medizinern, Psychologen. Und wenn sie dann gefragt wird, ob sich ihr Job darauf beschränke, mit bunten Wänden Raumschiffe heimeliger zu machen – und der in der Schwerelosigkeit dahintreibenden Besatzung ein wenig Orientierung zu geben, dann wird sie wütend: „Hey, ich sorge dafür, dass eine Mission nicht auseinander fliegt, dafür, dass der Besatzung die Arbeitsfähigkeit erhalten bleibt." In einer Branche, die durch die Arbeit der Ingenieure diktiert wird, stehen Architekten unter Rechtfertigungsdruck. Standards würden überhaupt erst erarbeitet, bisher sei das ja so gewesen, dass zum Beispiel die Design-Pläne für das Apolloprogramm nicht einmal archiviert wurden. Die musste sie sich vor fünf Jahren erst mühsam zusammensuchen.

TransHab, eine Gemeinschaftsarbeit von Statikern und Architekten der NASA, ist Constance Adams erstes und bis heute liebstes Weltraumprojekt. Der Auftrag: Wohn-, Arbeits- und Lagerraum schaffen für eine sechsköpfige Besatzung. Eigentlich unmöglich, angesichts der Voraussetzungen. Knapp vier Meter 50 misst der Laderaum eines Spaceshuttles im Durchmesser, mehr passt nicht rein. 4 Meter 50, das entspricht genau der Breite, die auf amerikanischen Straßen und Schienen transportiert werden kann.

Leider ließe sich an der Besatzung auch nicht sparen. Sechs ist schon das Minimum, und jeder der sechs müsste im Grunde drei Berufe beherrschen. Weil es eben nicht reicht einen Arzt, einen Geologen, einen Piloten, einen Techniker und einen Biologen dabei zu haben, jede Position muss schon aus Sicherheitsgründen mehrfach besetzt werden. Und das Team sollte ausgewogen zusammengesetzt sein. Rein weibliche Besatzungen gelten als konfliktträchtig, rein männliche wiederum als depressionsgefährdet.

Interplanetarisches Gummiboot

Was macht man also mit viereinhalb Metern? Wie schafft man für sechs Menschen auf so kleinem Raum einen Rest Privatsphäre, in dem sie es für Jahre miteinander aushalten, ohne Chance, vorzeitig auszusteigen? Die Lösung klingt im Grunde einfach, TransHab ist ein Raumschiff zum Aufblasen, eine Art interplanetarisches Gummiboot. Zwölf Schichten bilden die Hülle, aus Kevlar, härter als Stahl, temperaturresistent und vor allem elastisch. Erst einmal in der Leere des Raums angekommen, poppt TransHab zur dreifachen Größe auf und bietet der Besatzung ein Minimum an Komfort, zum Beispiel für jeden eine eigene Kajüte.

Braucht man das in der Schwerelosigkeit, braucht man Tisch, Stuhl, Bett, wo doch die Kosmonauten der Mir zur Schlafenszeit auch nur einen Haken hatten, mit dem sie ihren freischwebenden Schlafsack einfach irgendwo festgemacht haben, wo gerade Platz war? Und haben sie nicht fantastisch geschlafen, wie beispielsweise der Astronaut Reinhold Ewald einmal bekundete, ohne jeden Druck, ohne die Last der Bettdecke? Sie haben nicht, weiß Constance Adams, sie glauben es bloß. Medizinische Messungen hätten ergeben, dass die Besatzungen allesamt viel zu wenig Schlaf hatten. Und wer müde ist, macht Fehler. Weil der Mensch auch auf dem Weg zum Mars fürs Erste Mensch bleibt, kriegt er Tisch, Stuhl, Bett mit auf die Reise, „wir sind mit diesen Dingen aufgewachsen, und bloß weil die Schwerkraft nicht mehr da ist, verändert uns das ja nicht als Menschen". Damit der Astronaut am Ende seiner Schicht zur Ruhe kommt, wird er notfalls mit Gummibändern auf seinem Bett fixiert. Damit ihn die Kohlendioxidblase seiner ausgeatmeten Luft nicht irgendwann erstickt, braucht es einen wohldosierten Luftstrom, denn in der Schwerelosigkeit bewegt sich die Luft nun einmal nicht von allein. Der Strom soll ihm nicht direkt ins Gesicht blasen, was rein technisch betrachtet ja auch eine Lösung wäre, nein, er wird ihn umfächeln, schließlich hat der Astronaut schon genug Probleme. Farbige Ornamente werden ihm wenigstens die Illusion geben, dass es ein oben und ein unten gibt, dass sein Zuhause Wände, einen Boden und eine Decke hat. Kleiner Trost: Sind die Astronauten erst einmal heil auf dem Mars gelandet, wird es ein bisschen leichter. Der Rote Planet hat seine eigene Anziehungskraft. Nur ein Drittel so stark wie die der Erde, aber immerhin, das reicht die Raumfahrer wieder auf die Füße zu stellen. Einen Haken haben die Planspiele der Weltraumarchitekten: Der Start zur Marsmission steht in den Sternen, im Moment wird an der bemannten Raumfahrt gespart. Ist das schon wieder das Ende der Weltraumarchitektur? Natürlich nicht, eine Marsmission ist eine Aufgabe für Jahrzehnte, da rechnet man nicht in Legislaturperioden, sagt Constance Adams.

Was ist Gemütlichkeit?

Und bis zum Start könne sie sich vorstellen, dass Qualitätsstandards, die für Raumschiffe entwickelt würden, auch auf der Erde irgendwie von Nutzen sein könnten. Die sozialkinetischen Studien etwa, in denen sie der Frage nachgegangen ist, warum Menschen einen Raum nutzen und einen anderen nicht, trügen ja vielleicht bei zur Verbesserung von Beleuchtungs-, Belüftungs- oder Heizsystemen. Längst hat sie sich angewöhnt, fremde Zimmer nie einfach nur nett zu finden, sondern immer zu gucken, welche Komponenten das sind, die den Raum behaglich machen.

Noch weiter ist man mit solchen Plänen in Voglers Gruppe an der Münchner TU. Man besinnt sich seiner Qualitäten auf dem Gebiet der Mikroarchitektur. Studenten haben dort das I-Home entwickelt, einen Kubus mit zweieinhalb mal zweieinhalb Meter Grundfläche. Die Bauklötzchen sind entworfen worden, um billig und platzsparend der studentischen Wohnungsnot in München zu begegnen. Und der Würfel nimmt innen schon mal das Wohngefühl vorweg, das Astronauten auf dem Mars auch haben könnten, wenn sie nach Hause kommen: verschiedene Ebenen täuschen mehr Platz vor, was gerade nicht benötigt wird, kann man einfach wegklappen.

Vielleicht gäbe es ja noch eine Option. Warum sollen denn nur die Russen zum Einstiegspreis von 20 Millionen Dollar Touristen pro Flug ins Weltall schießen? Und vielleicht würden sich ja dereinst immer mehr Privatleute in der Raumfahrt engagieren. Wie die wohlhabende Klientel standesgemäß unterbringen zu wäre, darüber hat sich in Deutschland zum Beispiel Michael Reichert vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur ESA Gedanken gemacht. Sein Entwurf zeigt eine um sich selbst kreisende Station aus ringförmig zusammengesteckten Modulen, die den Gästen am äußeren Rand sogar ein Leben mit Schwerkraft bieten würde. Die Radnabe dagegen vermittelte den Besuchern das Gefühl des schwerelosen Schwebens. Sogar einen Namen hat sich Reichert schon für das bislang nur auf dem Reißbrett rotierende, gewaltige Weltraumhotel ausgedacht. Der überrascht ein wenig angesichts der kosmischen Dimensionen des Unternehmens. Aber Reichert betrachtet es als Hommage an die Universität, an der er einst Luft- und Raumfahrt studierte: Er hat es „Berlin" genannt.

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