Zeitung Heute : Ganz schön großzügig

Die Unicef-Affäre schadet auch anderen Hilfsorganisationen. Wie werden Spendensammler in Deutschland kontrolliert?

Tobias Fleischmann[Johannes Radke] Jana Tschischke

Die Vorgänge bei Unicef haben deutliche Mängel im deutschen Spendensystem offenbart. Die Bundesregierung will jetzt prüfen, ob die freiwilligen und gesetzlichen Regelungen zur Transparenz von Spendenorganisationen ausreichen. „Vertrauen stellt sich auch durch Transparenz her. Deshalb werden wir schauen, ob wir die bestehenden Transparenzpflichten verbessern müssen“, sagte Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) dem Tagesspiegel. Zunächst gehe es aber darum, dass die Vorwürfe gegenüber Unicef „umfassend aufgeklärt werden“.

Die Diskussion über zu hohe Beratergehälter und undurchsichtige Vereinsstrukturen bei Unicef hat viele Spender verunsichert. „Die Auswirkungen des Vertrauensverlustes treffen auch andere spendensammelnde Organisationen“, sagt Willi Haas, Vorsitzender des Deutschen Spendenrates. Zurzeit gibt es nach Angaben des Spendenrates rund 600 000 Vereine und 15 000 Stiftungen, die berechtigt sind, Spenden einzuwerben. Nach Schätzungen werden in Deutschland im Jahr bis zu fünf Milliarden Euro gespendet. Der Spendenrat hält die Aufsicht durch den Staat für unzureichend. Es werde vielmehr auf „freiwillige Transparenz“ gesetzt. „Diese auf Freiwilligkeit beruhende Kontrolle ist aber nicht vergleichbar mit einer staatlichen Kontrolle. Es steckt keine Macht dahinter, die Strafen verhängen kann“, sagt Spendenrat-Geschäftsführerin Daniela Felser. Sie spricht sich für die Einführung einer entsprechenden Kontrollbehörde aus.

„Der Spendenmarkt ist hart umkämpft“, sagt Hans Fleisch vom Bundesverband deutscher Stiftungen. Das Sammeln von Spenden sei mittlerweile ein hochprofessionelles Geschäft, dem sich keine große Organisation entziehen könne. Experten kritisieren schon lange, dass es in Deutschland keine verbindlichen Standards und keine effektiven Kontrollmöglichkeiten gibt, um Transparenz zu fördern. Gesetzlich ist keine Organisation verpflichtet, alle Zahlen und Gehälter öffentlich zu machen. Nur wenige Organisationen geben freiwillig Einsicht in ihre Finanzberichte.

Die einzige staatlich geförderte Stelle, die versucht, für mehr Transparenz auf dem Spendenmarkt zu sorgen, ist das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). Seit 1992 verleiht es jedes Jahr ein Gütesiegel an Hilfsorganisationen, die sich dafür bewerben können – freiwillig. Dabei prüft das Institut unter anderem die sparsame und satzungsgemäße Verwendung der Gelder. Die Ausgaben der Werbe- und Verwaltungskosten dürfen zum Beispiel nicht mehr als 35 Prozent der Gesamtausgaben betragen, und es dürfen keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden gezahlt werden. An 233 Hilfsorganisationen hat das Institut 2007 das Siegel verliehen.

„Unseriöse Spendensammler bewerben sich erst gar nicht bei uns“, sagt DZIGeschäftsführer Burkhard Wilke. Rund ein Drittel der Bewerber werde beim ersten Antrag abgelehnt. „Zwar wollen viele Organisationen mit unserem Siegel werben, sind sich aber ihrer deutlichen Mängel oft nicht bewusst.“ Neben der Freiwilligkeit der Prüfung hat das DZI noch ein anderes Problem: Für die wirtschaftlichen Prüfungen der Hilfsorganisationen stehen lediglich fünf Mitarbeiter zu Verfügung. „Wir arbeiten momentan sicherlich unter äußerster Ausnutzung unserer Kapazität“, erklärt Wilke. Doch auch mit dem Spendensiegel ist eine Hilfsorganisation vor Skandalen nicht sicher: Seit 1995 hat Unicef das Siegel jedes Jahr bekommen. „Wir halten den Jahresbericht von Unicef zwar für verbesserungsbedürftig, Unicef insgesamt aber bisher für siegelwürdig“, sagt Wilke. Nach den Vorwürfen werde jedoch erneut geprüft, ob Unicef das Siegel behalten darf. Unicef bestätigte inzwischen, dass zumindest in drei Fällen bei der Spendenvermittlung Provisionen flossen.

Wirtschaftsexperten erhoffen sich mehr Transparenz durch stärkeren Wettbewerb. Seit 2005 vergibt das deutsche Büro der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers einen unabhängigen Transparenzpreis. Gemeinsam mit der Universität Göttingen hat das Unternehmen einen speziellen Kriterienkatalog entwickelt. Jedes Jahr werden die drei Spendenorganisationen ausgezeichnet, die eine größtmögliche Transparenz ihrer Arbeit vorweisen können.

2007 gewann die Kindernothilfe, in den beiden Jahren zuvor belegte Ärzte ohne Grenzen den ersten Platz. „Der Preis wurde geschaffen, weil es keine konkreten Richtlinien, keine Verpflichtungen gibt“, sagt der Mitinitiator und Spendenexperte Lothar Schruff. Durch die Kriterien würden Anreize geschaffen, die eigene Berichterstattung zu verbessern. Bereits in den ersten drei Jahren hätte sich deren Qualität erheblich verbessert.

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