Zeitung Heute : Ganz schön taktlos

Der Tagesspiegel

Von Klaus Angermann

Zu jeder CeBIT sind sie unterwegs: Die Trendscouts, auf der Suche nach den ultimativen Paradigmenwechseln. In diesem Jahr wurden sie fündig. Und zwar bei den Herstellern der Hauptprozessoren, jener Chips also, die in der IT-Welt im Wortsinne den Takt angeben. Genau diese Taktrate, so die Trendforscher, hat ihre symbolische Bedeutung verloren. In immer mehr Bereichen spielt das „schneller, höher, weiter“ der Vorjahre nicht mehr die bevorzugte Rolle. So hatten sich die Branchengrößen AMD und Intel im Vorfeld der diesjährigen CeBIT in Hannover (13. bis 20. März) mit Aussagen über neue Taktrekorde vornehm zurückgehalten. Andere Themen scheinen wichtiger: „Ein Trend im Prozessor-Bereich wird auf jeden Fall der geringere Stromverbrauch in Verbindung mit leiseren Prozessoren sein“, verrät Jan Gütter von AMD. Also eher mehr Komfort als die kompromisslose High-End-Leistung, die ohnehin beim Surfen oder gängigen Office-Anwendungen wie Word oder Excel kaum abgerufen wird.

Besonders bei den mobilen Notebooks tut sich gerade einiges, wie die neueste Prozessor-Generation von AMD veranschaulicht. Der Desktop-Markt ist gesättigt, und längst sind angepasste AMD-Prozessoren nicht nur in Notebooks von Compaq oder Sony zu finden, sondern in mobilen Computern ebenfalls über die großen Multimediaketten zu beziehen. „Der Notebook-Markt wird in den nächsten Jahren am rasantesten wachsen“, ist sich Gütter sicher. Dennoch hüllt man sich in Schweigen über angestrebte Verkaufszahlen, obwohl gerade der nach AMDs Eigenaussage leistungsfähigste Prozessor für Notebooks vorgestellt wurde. Der Mobile Athlon 4 Prozessor 1500+ soll insbesondere aufgrund der von Windows XP unterstützten PowerNow!-Technologie eine erhebliche Stromeinsparung erzielen, was wiederum zu längeren Betriebszeiten führt.

Das gewinnbringende Notebook-Segment hat Dauer-Konkurrent Intel ebenfalls im Visier: „Der Notebook-Verkauf hat sich in den letzten Monaten als sehr robust erwiesen und ist eindeutig ein Wachstumsmarkt“, wie Hans-Jürgen Werner von Intel bestätigt. Um die Marktanteile erfolgreich zu verteidigen, soll die neue Enhanced Intel SpeedStep genannte Technologie den Pentium III M-Prozessoren genügsame Manieren beim Stromverbrauch anerziehen und passt sich in Mikrosekundenschnelle bedarfsabhängig der gerade geforderten Leistung an: Ist volle Leistung gerade nicht erforderlich, schaltet der Prozessor solange einen Gang zurück, bis wieder mehr Power vonnöten ist. Natürlich hat Intel bei seinen mobilen Chips wieder ein wenig mehr Leistung herausgekitzelt, am Intel-Stand werden mobile Pentium 4-Prozessoren mit bis zu 1,7 Gigahertz Takt zu bestaunen sein.

Intel macht indes auch vor „kleinen“ Prozessoren nicht Halt und gab schon im Februar eine nähere Zusammenarbeit mit Microsoft bekannt, aus der die neue Generation drahtloser Anwendungen in PDAs und Mobiltelefonen hervorgehen soll. Die so genannte Personal Client Architecture, kurz Intel PCA, soll Pocket PC-basierenden PDAs Beine machen. Der Markt für Organizer-Chips ist zweifellos lukrativ. AMD ist gerade dabei, dort einzusteigen. Mit dem Zukauf der Prozessorschmiede Alchemy hat AMD den ersten Schritt getan, um hier mitzumischen.

Und was macht eigentlich Transmeta? Angetreten, um Intel und Co. das Fürchten zu lehren, führt der Crusoe-Chip immer noch kaum mehr als ein Exotendasein, obwohl der Prozessor als Ressourcen-Schoner ausgelegt ist. Gerade haben Sony und Fujitsu neue Notebooks angekündigt, die von dem stromsparenden Chip angetrieben und in Hannover gezeigt werden. Wer eine Gigahertz-Schlacht erwartet, wird wohl enttäuscht werden, denn die Modelle wie das ultraleichte Mini-Notebook Vaio C1MGP von Sony (733 MHz) arbeiten immer noch im dreistelligen Megahertz-Bereich. Ein eigener Stand wurde 2002 übrigens eingespart, auf der CeBIT wird man Transmeta daher vereinzelt bei den Notebook-Herstellern finden.

Natürlich fehlen in Hannover nicht die zukünftigen 64-Bit-Prozessoren. AMD hüllt sich in Schweigen, ob die Prozessoren mit dem Code-Namen „Clawhammer“, deren Einführung für Ende 2002 geplant ist, auch in Hannover zu sehen sind und beantworten die Frage mit einem klaren „Jein". Dennoch wird es sich die Prozessor-Schmiede wohl kaum nehmen lassen, die zukünftige Technik vorab Neugierigen zu zeigen. Intel hingegen untermauert seine Server-Ambitionen mit den neuen Xeon-Prozessoren, die Internet- oder Datenbank-Servern die nötige Performance einhauchen sollen.

Prozessoren auf der CeBIT: AMD in Halle 19, Stand B 24; Intel in Halle 16, Stand D05

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