Zeitung Heute : Ganz schön viel Arbeit

Wirtschaftsforscher prognostizieren für die Zukunft einen Mangel an Arbeitskräften. Wie viele Arbeitnehmer werden in Deutschland künftig fehlen?

Yasmin El-Sharif
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Vollmundig klingen derzeit die Versprechen einiger Spitzenpolitiker. In Deutschland sei wieder Vollbeschäftigung möglich, heißt es zum Beispiel bei Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) oder seinem Kollegen aus dem Wirtschaftsressort, Michael Glos (CSU). In absehbarer Zeit könnten wieder Arbeitslosenquoten von drei bis vier Prozent erreicht werden, wird mit diesen Aussagen suggeriert. Doch die Selbstsicherheit kommt nicht von ungefähr – allein schon die Zeit arbeitet für eine Entspannung auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

In den kommenden Jahren steuert Deutschland sogar tendenziell eher auf einen Arbeitskräftemangel zu. Das zumindest ist die Erkenntnis der Zukunftsstudie „Deutschland 2020“ der Unternehmensberatung McKinsey. Aus ihr geht hervor, dass in Deutschland in den kommenden zwölf Jahren rund 2,4 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Dieses Szenario tritt bereits ein, wenn das jährliche Wirtschaftswachstum bei 1,7 Prozent liegt. Zum Vergleich: 2007 lag das Wachstum bei 2,5 Prozent, in diesem Jahr rechnet die Regierung mit 1,7 Prozent. Sollte sich die Konjunktur noch besser als in der vorsichtigen Schätzung von McKinsey entwickeln und das Wachstum gar bei drei Prozent liegen, könnten im Jahr 2020 sogar sechs Millionen Arbeitskräfte fehlen, sagen die Berater. Nicht mehr Erwerbslosigkeit sei dann das Problem, vielmehr gebe es einen „bedrohlichen Engpass im Arbeitsmarkt“, heißt es in der Studie.

Auch andere Forscher sehen das so. „Die Schätzung von McKinsey ist valide“, sagt etwa Oliver Koppel, Volkswirt am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. „Es wird in absehbarer Zeit eindeutig zu wenig qualifizierte Kräfte geben.“ Denn schon heute würden 40 Prozent mehr Akademiker am Arbeitsmarkt benötigt als noch 1991, sagt Koppel, „und der Bedarf wächst weiter, ohne dass er gestillt werden kann“.

Schuld an dieser Entwicklung ist vor allem der demografische Wandel. So wird laut McKinsey das Angebot an Arbeitskräften bis 2020 um rund 1,2 Millionen sinken, weil viele Menschen altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Gleichzeitig entstehe eine Lücke von bis zu 1,2 Millionen Hochschulabsolventen, sagen die Studienverfasser. Das Wirtschaftswachstum könne dadurch „ernst zu nehmend gebremst“ werden, warnen sie. „Es wird dann nicht mehr nur nach Ingenieuren oder Technikern gesucht“, ergänzt IW-Mann Koppel. „Auch Geisteswissenschaftler, die heute nicht immer Spitzenjobs bekommen, werden dann mehr und mehr gebraucht und müssen flexibel eingesetzt werden.“ Doch während sich die Unternehmen in Zukunft vermutlich um die gut Ausgebildeten reißen werden, haben geringer Qualifizierte das Nachsehen. „Für die wird es auf dem Arbeitsmarkt richtig eng“, sagt Koppel. Auch die Verfasser der McKinsey-Studie befürchten das: „Im Jahr 2020 ist Arbeitslosigkeit nur noch ein Problem mangelnder Qualifikation und Bildung, nicht fehlender Arbeitsplätze.“

Um die drohende Gefahr der Verarmung abzuwenden und auch kein gebremstes Wirtschaftswachstum zu riskieren, schlagen die Verfasser der Studie mehrere Maßnahmen vor. Vorsorglich müssten in den kommenden Jahren mehr als sechs Millionen zusätzliche Beschäftigte mobilisiert werden. Das sei nur erreichbar, wenn mehr Frauen, mehr Ältere und mehr Jüngere beschäftigt würden als bisher, schreiben sie. „Wir haben in Deutschland immer noch eine viel zu geringe Frauenerwerbsquote“, sagt auch IW-Experte Koppel. „Wenn wir sie stärker einbinden, könnte das einer der großen Heilungskräfte für den Arbeitskräftemangel werden.“ Parallel dazu müsse es auch gelingen, mehr Menschen zu qualifizieren und weiterzubilden. Das hieße auch, dass mehr Menschen die Berechtigung zum Studieren bekommen müssten als heute. Aber auch die Unternehmen müssten umdenken, sagt Koppel. „Die Personalplanungen berücksichtigen den Wandel noch nicht genug.“ Nun sei es höchste Zeit dafür.

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