Zeitung Heute : Ganz spielend in die Milliardenzone

AXEL POSTINETT (HB)

PARIS .Europa schlägt zurück: Ende 1998 übernahm die französische Mediengruppe Havas S.A., Paris, das Aushängeschild der Spielesoftwareindustrie in den USA, die kalifornische Cendant Software, Torraine.Bis dahin war der PC-Spielemarkt eine amerikanisch dominierte Sparte und auch der Multimediaumsatz von Havas kaum der Rede wert: Gerade ein Prozent des Gesamtumsatzes von 18,8 Mrd.Francs stammte 1998 aus diesem Zukunftsbereich.Die 600 Mill.Dollar Umsatz von Cendant katapultieren die Tochter des Vivendi-Konzerns nun in die Top-Liga der Hersteller von PC-Entertainment.Gleichzeitig gelang der Brückenschlag in die USA: 80 Prozent des Cendant-Umsatzes werden in den Vereinigten Staaten generiert.Doch Europa und Asien sollen kräftig aufholen.

Denn nicht nur für die Franzosen - die jahrelang gegen eine kulturelle Amerikanisierung der Grande Nation gewettert haben - ist die Übernahme ein Meilenstein.Auch Cendant, heute Havas Interactive, wächst in neue Dimensionen.Das traditionsreiche Verlagshaus Havas besitzt zum einen die benötigten Inhalte für Software mit europäischem Charakter.Zum anderen besteht über den Mutterkonzern Vivendi Zugang zu Vermarktungskanälen wie dem Pay-TV-Marktführer Canal Plus, dem Onlinedienst AOL France und dem Onlineshop BOL France.Über die enge Verbindung von Havas im Onlinebereich mit dem deutschen Medienriesen Bertelsmann AG werden auch die Türen im wichtigen deutschen Markt weiter aufgestoßen.Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Thomas Middelhoff, wird am 11.Mai in den Verwaltungsrat von Vivendi einziehen.Sein Multimedia-Vorstand Bernd Schiphorst hat den Auftrag, den dahinvegetierenden Online-Spielekanal "www.gamechannel.de" auf Vordermann zu bringen.Außerdem sucht er Inhalte, um die geplanten digitalen Mehrwertangebote im Kabelnetz zu füllen.Da kommen ihm die Spiele von Cendant gerade recht.

Doch bis zur Umsatzmilliarde ist der Weg noch weit, und strategisch muß das Unternehmen neu ausgerichtet werden.Erstes prominentes Opfer der Übernahme ist der bisherige Chairman von Cendant USA, Chris McLeod.Er hat das nun französische Unternehmen verlassen, ein Nachfolger wird noch gesucht.Auch drei Vizepräsidenten mußten gehen.

Vordringliche Aufgabe ist es derzeit, Synergien in der Gruppe aufzubauen und die Schlagkraft am Markt zu erhöhen.Cendant ist ein zusammengekaufter Verbund weitgehend unabhängig voneinander agierender Unternehmen in einer jungen Branche, die von Übernahmen und Pleiten geschüttelt wird.Cendant etwa hat in fünf Jahren fünfmal den Namen gewechselt.

Im Verbund sind klangvolle Namen der Szene versammelt: Etwa Sierra, Blizzard Entertainment, Knowledge Adventure, Coktel oder Syracuse Language.Hits wie die Millionenseller Starcraft, Half Life oder Diabolo (Echtzeit-Adventure, Strategie, Rollenspiele) kommen aus der bunt zusammengewürfelten Gruppe, die bei PC-Games in den USA 18 Prozent des Marktes für sich beansprucht und 28 Prozent bei Lernsoftware.Coktel (Addy; Schulsoftware) dominiert in Deutschland den Markt mit über 70 Prozent und ist in Frankreich und Großbritannien Marktführer.

Allerdings: Der boomende Markt für Videospielkonsolen (Sony Playstation, Nintendo N64) ist bislang komplett an Cendant vorbeigegangen.Mit dem Erscheinen der Sony-Playstation 2, die mit ihrer Grafikleistung jeden heutigen Pentium-Rechner alt aussehen läßt, rechnen Branchenkenner mit einem weiteren enormen Attraktivitätsschub für Konsolen.Ein ernstes Problem für Havas, Wettbewerber wie Electronic Arts oder Eidos (Lara Croft) haben diesen Trend früher erkannt.

Außerdem muß das Internet-Gaming vorangetrieben werden.Mit "battle.net" hat Blizzard in den USA zwar ein heißes Eisen im Feuer, doch die Konkurrenz - zum Beispiel Interactive Magic ("Warbirds") oder Ultima Online - holt mächtig auf.Jetzt soll battle.net nach Europa kommen.

"Wir werden sehr schnell den Einstieg in das Konsolengeschäft vollziehen", erklärten denn auch die Europa-Geschäftsführer von Havas Interactive, Christophe Ramboz und Jean-Daniel Pages, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.In diesem Jahr wollen sie mit Havas Interactive in Europa ein Umsatzplus von 24 Prozent realisieren, Deutschland soll gut zehn Prozen zulegen.

Ramboz hatte einst die französische Softwarefirma Coktel gegründet, die heute pro Monat 18 000 bis 20 000 Exemplare der Addy-Schulprogramme verkauft."Deutschland", verdeutlicht Ramboz das Wachstumspotential für Lernprogramme, sei heute erst da, wo Frankreich vor drei Jahren war.Doch er weiß auch, daß Spiele das eigentliche Potential sind: 72 Prozent des Umsatzes werden mit Games bestritten.

In den nächsten Jahren wird der ausufernde Spielekatalog zusammenstrichen und dafür mehr Geld für jedes einzelne Spiel ausgeben werden, beschreibt Ramboz die Strategie.Außerdem soll die Zusammenarbeit der Entwickler verbessert werden.Eine gute "Engine", also das Software-Gerüst, um das herum ein Spiel aufgebaut wird, kostet schnell eine Mill.Dollar in der Entwicklung.Diese Tools sollen übergreifend für Spiel- und Lernprogramme genutzt werden.

Forciert werden soll auch das Marketing: Fast 60 Prozent des Verkauf eines PC-Spiels werden in den ersten sechs Monaten erzielt, weiß Ramboz.Werden hier Fehler im Timing gemacht, rächt sich das schnell.

Bitter sieht es nach Meinung der Europa-Chefs auch in Deutschland mit Spielentwicklern aus.Der deutsche Markt ist der größte Europas und erklärtes Expansionsziel.Nachdem Gespräche über Zukäufe gescheitert sind, sollen eigene Teams aufgebaut werden.Das ist notwendig, da nicht alle US-Erfolge auch in Europa absetzbar sind.Im Sport etwa verkaufen sich Cricket, Nascar oder Basketball in den USA blendend, in Europa aber überhaupt nicht - hier laufen Fußball und Formel 1.

Um das Wachstum zu finanzieren und um - wie in den USA - gute Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, soll Havas Interactive voraussichtlich sogar an die Börse gehen, hat Havas-Vorstandschef Eric Licoys in Aussicht gestellt.Für die Mitarbeiter gibt es dann Optionspläne.Der Gewinn von Havas Interactive soll im laufenden Jahr rund 70 Mill.Dollar betragen.Neue Produkte sollen diesen kräftig steigern helfen.Die 2-Mill.-Dollar-Produktion "Pharao", eine Aufbausimulation aus dem alten Ägypten, soll die Spiele-Charts stürmen, das 3-D-Actiongame "Homeworld" an alte Blizzard-Erfolge anknüpfen, also Millionenauflagen erzielen.Leicht wird das nicht: Hoffnungsträger "Diabolo II" etwa wird wohl zeitgleich mit der Neuauflage des Kultspiel "Command & Conquer 3" von Westwood (Electronic Arts) um einen Platz in den überfüllten Händlerregalen kämpfen müssen.

Für das Jahr 2000 steht dann die bislang größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte an.Dann soll die französische Schulsoftware "Addy" komplett neu aufgelegt und in Deutschland, Frankreich, Spanien und Schweden neu eingeführt werden.Ach ja: und in den USA, dem größten Markt der Welt.Das wäre dann das Ende der Einbahnstraße.

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