Zeitung Heute : Ganz und gar nicht groß und klobig

Musik, Fotos, Filme – wer digitale Medien im Wohnzimmer genießen will, braucht kleine, schicke Computer

Kurt Sagatz

Einen beigefarbenen Einheitscomputer zu kaufen, ist gar nicht mehr so einfach. Selbst die Geräte von der Stange – bei Vobis, Media Markt oder Saturn – präsentieren sich in Neonfarben und Silber-Look. Wohnzimmertauglich sind sie damit freilich noch immer nur bedingt, denn die aufgelockerte Farbgebung ändert eben nichts an der Wuchtigkeit der Kisten. Hightech zwischen Fernseher und Couch ist eben etwas ganz anderes: Im besten Fall sieht man den neuen Wohnzimmer-Computern gar nicht mehr an, dass unter der Abdeckung tatsächlich ein Prozessor werkelt. Das große Display beispielsweise auf der Frontseite des MSI Mega 180 und der Drehknopf an der Frontblende lassen vielmehr auf eine Mini-Stereo-Anlage schließen. Und wenn diese Geräte dann noch mit Funkmaus und -tastatur sowie Fernbedienung gesteuert werden, stört endgültig nichts mehr die elegante Optik der schicken Wohnzimmer-PCs.

Wofür nun auch im Wohnzimmer ein Computer benötigt wird, diese Frage lässt sich einfach beantworten: Die Mini-Geräte sollen dazu genutzt werden, die zunehmend digitalisierten Medienbestände dort abzuspielen, wo man sich am wohlsten fühlt und wo sie am besten zur Geltung kommen. Genau das leisten die neuen Mini-PCs: Sie lassen die MP3-Files über die Stereo-Anlage erklingen und zeigen die Urlaubsfotos und die platzsparend als DivX gespeicherten Blockbuster-Videos bildschirmfüllend auf dem TV-Gerät. Nach Wunsch holen sie die nötigen Daten auch von einem anderen Rechner in der Wohnung ab, denn der Anschluss an ein Netzwerk ist bei ihnen Standard.

Noch steht die neue Geräteklasse ganz am Anfang. Das zeigen schon die Namen, die man den schicken Multimedia-Maschinen gegeben hat. Mitunter laufen sie unter der Produktklassifizierung XPC, aber zumeist wird von ihnen als „Barebones“ gesprochen, weil diese Computer bislang überwiegend als „nackte“ Gestelle verkauft wurden, die neben dem Gehäuse gerade einmal die Hauptplatine und das Zubehör für die Abwärme-Komponenten enthielten. Alles andere – Prozessor, Hauptspeicher, Festplatte und optisches Laufwerk – wird erst nachträglich je nach Einsatzgebiet eingebaut. Vorinstallierte Komplettsysteme, wie sie bei den sonst üblichen Geräten für den Schreibtisch das Angebot dominieren, kommen erst langsam in diesem Jahr auf den Markt.

Zu den Wegbereitern der neuen Modellklasse gehört das Unternehmen Shuttle. Eine wichtige Triebfeder für die Entwicklung waren übrigens Computerspieler. Wer an jedem Wochenende von einer LAN-Party zur nächsten zieht, weiß es besonders zu schätzen, wenn der Computer klein und leicht ist. Inzwischen gibt es bei Shuttle neben den Gamer-Geräten noch die Einsatzfelder „Home“, „Business“ und eben „Media Center“. Zwischen 600 und 1500 Euro müssen je nach Leistung kalkuliert werden.

Als Shuttle vor drei Jahren die ersten Geräte vorgestellt hat, wurden sie selbst von der Konkurrenz belächelt. Inzwischen sind sie zur vollwertigen Alternative zu den Großkisten geworden und werden von diversen Firmen angeboten. Das zeigen auch die Shuttle-Verkaufszahlen: Wurden 2002 noch 250 000 Geräte abgesetzt, waren es im letzten Jahr schon 540 000.

Die größte Herausforderung für die Mini-PCs ist das Platzproblem, schließlich sollen die Geräte am Ende das Gleiche leisten wie ausgewachsene Big-Tower-Monster. Möglich wird dies durch eine deutlich kleinere Hauptplatine, auf der ein Großteil der benötigten Komponenten wie Soundkarte und Grafikchip „on Board“ untergebracht wird. Zudem werden nur jeweils eine Festplatte und ein optisches Laufwerk eingebaut. Wer einen DVD-Brenner hat, braucht schließlich kein zweites Laufwerk zum Abspielen von DVDs und CDs. Auf ein Diskettenlaufwerk wird komplett verzichtet, und das Netzteil muss draußen bleiben. Wie bei Notebooks erhalten auch die Barebones ihren Saft aus externen Stromversorgern. Ganz auf Erweiterungen muss man dennoch nicht verzichten. Platz für eine bessere Grafikkarte oder eine Fernsehkarte ist immer noch vorhanden. Zudem lassen sich über die diversen USB- und Firewire-Anschlüsse die gleichen Peripherie-Geräte anschließen wie an jeden anderen Computer auch.

Die Platzbeschränkungen im Inneren stellen allerdings große Ansprüche an das Kühlungssystem. Shuttle setzt auf eine Kühlung mittels so genannter Heatpipes, die die Wärme zu einem zentralen, leise arbeitenden Lüfter ableiten. Georg Schnurer von der Computerzeitschrift „c’t“ empfiehlt dennoch, immer nur so viel Leistung einzusetzen, wie man gerade benötigt. Mehr als ein 2,5-Gigahertz-Prozessor sei in einem Wohnzimmergerät fehl am Platz, denn „jedes Megahertz mehr macht auch erheblich mehr Krach“, so sein Urteil.

In Berlin hat sich unter anderem JE-Computer auf die XPCs spezialisiert. Der Computerhändler baut nach Kundenwunsch den optimalen Barebone-Rechner zusammen. Ein aktuelles Windows-XP-Komplettsystem mit Shuttle- Gehäuse, AMD-2600er-Prozessor, DVD- Brenner und Funktastatur/maus würde mitsamt Einbaukosten bei rund 850 Euro liegen, sagt Mitgründer Jens Enders. Da jedes Gerät individuell konfiguriert wird, muss man allerdings etwas Geduld haben. „Zwei bis drei Tage braucht es schon, bis man das neue Computerfeeling im Wohnzimmer erleben kann“, so Enders.

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