Zeitung Heute : Ganz verrückt nach Shu Ma He

Schanghai im Fieber: Die Formel 1 kommt, nach China, die Autobranche boomt, und Geld spielt keine Rolle

Harald Maass[Schanghai]

„Schumacher“ schmeckt etwas fade. Dafür sind die „Rennstrecken Pommes“ schön knusprig. Im Grand-Prix-Café, einem neu eröffneten Restaurant in Schanghai, ist man auf das große Ereignis vorbereitet. Die Burger und Sandwiches tragen die Namen berühmter Rennfahrer – der „Shu Ma He Da Han Bao“ (Große Schumacher-Burger) ist mit 38 Yuan der teuerste. Die Wände des Restaurants leuchten in Ferrari-Rot.

Schanghai ist im Formel-1-Fieber. Von Plakaten lächeln die Gesichter der Rennfahrer. In den Luxuskaufhäusern der Nanjing-Straße stehen Rennwagen, auf denen sich leicht bekleidete Models räkeln. Im Stadtmuseum läuft eine Formel-1-Ausstellung. Selbst für das von Erfolgen verwöhnte Schanghai, wo jede Woche ein neues Hochhaus eingeweiht wird, ist dieses Wochenende von besonderer Bedeutung. Erstmals wird die Formel 1 auf dem „Shanghai Circuit“ zu Gast sein, der vermutlich teuersten Rennstrecke der Welt. Obwohl Michael Schumacher schon als Weltmeister für diese Saison feststeht, sind die 160000 Tickets ausverkauft.

„Vor 18 Monaten war das hier noch ein Sumpf“, sagt Sophia Claughton vom „Shanghai Circuit“, der Betreiberfirma der Rennstrecke, und deutet auf die Tribünen- und Boxengebäude, über denen wie fliegende Untertassen kreisrunde Sonnendächer schweben. Eineinhalb Jahre wurde hier Tag und Nacht gebaut, bis zu 8000 Arbeiter waren zeitweise im Einsatz. Entstanden ist die anspruchsvollste Rennstrecke der Welt: ein Gewirr aus engen Kurven und langen Geraden – eine perfekte Bühne für die Formel 1. „Von der Haupttribüne kann man 80 Prozent der Strecke einsehen“, sagt Claughton.

Architekt der Anlage ist der Deutsche Hermann Tilke, der in den vergangenen Jahren fast alle Formel-1-Strecken auf der Welt plante oder umbaute. Für Chinas Formel-1-Debüt ließ sich der Mann aus Aachen etwas Besonderes einfallen: Die 5,4 Kilometer lange Strecke entspricht in der Form dem ersten Zeichen des Städtenamens Schanghai – „Schang“ –, was so viel wie „hoch“ und „oben drauf“ bedeutet. Die Stadtväter sind begeistert. „Sie haben versucht, die Rennstrecke als das größte Schriftzeichen der Erde im Guinness-Buch der Rekorde eintragen zu lassen“, sagt Claughton. Bisher jedoch ohne Erfolg.

Der 250 Millionen Euro teuren Rennstrecke mangelt es auch so nicht an Superlativen. Um den weichen Moorboden zu stabilisieren, mussten die Konstrukteure 40000 Betonpfähle in die Erde rammen. Das Ganze wurde dann mit 330000 Kubikmeter Styropor abgedichtet. Auch bei den Gebäuden und den bis zu 200000 Zuschauer fassenden Tribünen wurde an nichts gespart: In den Räumen und Gängen hängen große Flachbildschirme, auf denen die Rennen in Nahaufnahme übertragen werden. Vom Café im neunten Stock des Rennturms können Fans in Zukunft mit einem Glas Champagner in der Hand von hoch oben das Geschehen auf der Strecke beobachten – vorausgesetzt, man hat ein entsprechend teures Ticket. Für die zehn Rennteams der Formel 1 wurden außerdem Glaspavillons errichtet, umgeben von einem chinesischen Wassergarten. „Bei anderen Rennstrecken sind die Teams in Wohnwagen untergebracht“, sagt Claughton. Geld spielte bei Chinas erstem Formel-1-Auftritt offenbar keine Rolle.

Schanghai ist die Boomstadt des chinesischen Wirtschaftsaufschwungs. Mit Milliardeninvestitionen bauen die lokalen Parteikader die ehemalige Kolonialstadt zur Trendmetropole Asiens um. Nachts erleuchtet ein Gebirge aus neu gebauten Wolkenkratzern den Himmel. Vom neuen Flughafen schweben Gäste mit dem ersten kommerziellen Transrapid der Erde in die Stadt. Spitzengeschwindigkeit: 430 Stundenkilometer. Das Hyatt im Hochhausviertel Pudong ist das höchste Luxushotel der Welt – zum Einchecken muss man mit dem Lift in den 52. Stock.

Hinter der Formel-1-Begeisterung stehen vor allem wirtschaftliche Interessen. China ist der am schnellsten wachsende Automarkt der Erde. Die großen internationalen Autokonzerne, die in China mit riesigen Investitionen Fabriken und Händlernetze aufbauen, wollen bei diesem Milliardengeschäft mitverdienen. Die Formel 1 ist für sie die ideale Werbebühne. „China ist für uns der größte Wachstumsmarkt“, sagt BMW-Motorsportchef Mario Theissen, dessen Konzern seit einem Jahr eine Fabrik in Nordchina betreibt.

Mit der Massenmotorisierung wächst auch die Begeisterung für schnelle Autos. „Das Potenzial für den Motorsport ist in China enorm“, sagt Winfried Matter. Der Deutsche kam vor einem Jahr durch Vermittlung des Architekten Tilke nach China, um das Management der neuen Rennstrecke aufzubauen. Jetzt betreibt er eine Beratungsfirma für Motorsport in Schanghai. Zu den drei asiatischen Fahrern, die er betreut, gehört auch der bekannte Schriftsteller Han Han – das Jugendidol Chinas. Matter ist begeistert von Schanghai. „Hier pulsiert das Leben“, sagt er. Seitdem er vor einem Jahr seine Firma gründete, kann sich Matter vor Aufträgen kaum retten. Im Vergleich zu China sei Deutschland ein „Zeitlupenland“.

Doch Matter sieht auch eine Menge Probleme. „Man überschätzt den Wert der Rennstrecke“, sagt er. „Die sind hier von der Formel 1 so begeistert, dass sie vergessen, dass das Jahr 52 Wochenenden hat.“ Die meiste Zeit des Jahres werde der Rundkurs leer stehen. „Die Strecke wird die Kosten nie rausholen“, glaubt Matter. Für schlimmer hält er jedoch das staatliche Management der neuen Rennstrecke: „Für jede Kleinigkeit muss man einen schriftlichen Antrag stellen.“ Für den Formel-1-Zirkus, der eine perfekt geölte Organisationsmaschinerie gewohnt ist, wird der Umgang mit der chinesischen Bürokratie nicht einfach werden. Weil die Stadtregierung den Einsatz von Privathubschraubern verboten hat, müssen die Formel-1-Stars am Wochenende auf der einzigen bestehenden Autobahn zur Rennstrecke fahren – zusammen mit Zehntausenden Fans. Ein Formel-1-Mitarbeiter hat schon jetzt Albträume: „Das Schlimmste wäre, wenn Schumacher vor dem Rennen im Stau steht.“

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