Zeitung Heute : Ganz von der Rolle

Einst wohnte Hitler hier – jetzt spielen Bewohner des Obdachlosenheims dort in George Taboris „Mein Kampf“ mit

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Von Paul Kreiner, Wien

Immer wieder fängt Peter Aigner an, seinen Witz zu erzählen, in breitestem Wienerisch und mit schwerer Zunge. „Geht a Hirsch durch’n Woid, kriagt an Durscht…“Immer wieder bleibt er stecken, immer genau bei der Pointe. Peter Aigner, alias „der Zuhälter“, hat einen lindgrünen Anzug an, eine Schirmmütze im Gesicht, samt Kleidung und Schuhe wirft er sich in ein schmales Stahlrohrbett. Spielt er nur seine Rolle? Spielt er sich selbst? So feine Unterscheidungen sind zwecklos in diesem Fall und auch nicht beabsichtigt. Denn George Taboris Hitler-Stück „Mein Kampf“ geht an einem Originalschauplatz über die Bühne, im Aufenthaltsraum des Wohnheims Meldemannstraße, und dessen Bewohner schaffen in den Nebenrollen ein bedrängendes Original-Flair.

„Mir war’s zum Heulen“, sagt Heimleiterin Monika Wintersberger, „wie Leute, die sich sonst nur am Rand herumdrücken, im Rampenlicht aufgeblüht sind.“ 15 Heimbewohner spielen beim Theater mit, 15 von mehr als 300, die in der Meldemannstraße wohnen: Obdachlose, Kranke, Alkoholiker, Drogenabhängige, die sonst nirgendwo unterkommen würden. „Manche ernähren sich nur noch von Alkohol.“ Ein Großteil der Männer, sagt Wintersberger, kennt das Leben draußen gar nicht mehr; mehr als die Hälfte ist älter als 60 Jahre.

Zerlumpt und ausgehungert

Eine gescheiterte Existenz war auch jener knapp 21-Jährige, der am 9. Februar 1910 für drei Jahre in der Meldemannstraße einzog: verkrachter Künstler, von der Polizei verfolgt, weil er sich „akademischer“ Kunstmaler nannte, obgleich ihn die Wiener Akademie überhaupt nicht aufnehmen wollte; zerlumpt, halb erfroren, ausgehungert, ohne Geld. Aber zu diesem Zeitpunkt begann es diesem Adolf Hitler schon wieder besser zu gehen. Ein Schicksalsgefährte ns Reinhold Hanisch hatte ihn gedrängt, Ansichtskarten von Wien zu malen; Hanisch verkaufte diese, vom Erlös lebten sie beide – bis sich Adolf Hitler mit jüdischen Freunden aus dem Wohnheim und mit gleichfalls jüdischen Geschäftspartnern besser stellte. Von ihnen wenigstens fühlte er sich nicht betrogen.

Zu Hitlers Zeit galt das 1905 eröffnete und von Juden wie Nathaniel Rothschild mitfinanzierte Heim als eine der modernsten Sozialeinrichtungen Europas. Es hatte keine Schlafsäle, sondern verschließbare Einzelkabinen; es hatte Duschen, eine selbst von kritischen Sozialreportern gerühmte Küche; es gab Konzerte und Vorträge. Hitler, der auch im Obdachlosenheim nie zum Proletariat gezählt werden wollte, nutzte die Bibliothek und die Zeitungen. „Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass H. in seinem Zimmer über elektrisches Licht verfügte“, schreibt die Historikerin Brigitte Hamann. Hier wohnten Wander- und Hilfsarbeiter, verarmte Adelige, Bankrotteure, Arbeitslose, alle am untersten Einkommensniveau. Sie entstammten den verschiedensten Völkern der Donaumonarchie und boten Hitler reichlich Anschauungs- und Diskussionsmaterial. „In dieser Zeit“, schrieb er später in „Mein Kampf“ unter Auslassung aller Details zu seinem sozialen Absturz, „bildeten sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines Handelns wurden.“

„In dieser Zeit“ spielt auch das von Hubert Kramar und Tina Leich inszenierte Theaterstück, eine groteske, aber menschliche Farce über den jüdischen Händler und Heim-Mitbewohner Schlomo Herzl, der sich des heruntergekommenen Hochstaplers annimmt, ihm seinen Wintermantel umhängt und versucht, Manieren beizubringen: „Wir sind eine unterprivilegierte, aber zivilisierte Gemeinschaft.“ Bei Herzl erfährt der verklemmte Hitler – „Dieser Beischlaf, ist der Tatsache?“ – etwas fürs Leben: „Des Menschen Freude ist Gottes Freude.“ Und bei Herzl darf sich das mutterlose Muttersöhnchen Hitler ausheulen: „Niemand liebt mich.“ – „Doch“, sagt Herzl und drückt ihn an die Brust, „ich liebe dich.“ – „Dann wasch mir die Füße!“, antwortet Hitler und fragt barsch: „Hast du den Boden gekehrt? Das Bett gemacht? Den Kaffee gekocht?“ Bis Schlomo Herzl weinend und allzu spät erkennt: „Es gibt Menschen, die keine Liebe vertragen.“

Berüchtigtes Touristenziel

Im „Foyer“, dem verrauchten einstigen Speisesaal des Heims, das die Bewohner selbst nur „Hitler-Villa“ nennen, drängen sich die Leute. Am Kassentisch stehen, unsicher, die einen, die fein gekleideten Theatergäste, die Eindringlinge. Und an Resopaltischen sitzen die, die jeden Tag hier sitzen, in abgetragenen Kleidern von der Caritas, die Bierdosen in der Hand, den Einkaufswagen aus dem Supermarkt als Mülleimer in Wurfweite. Zu Begegnungen zwischen den zwei Welten kommt es kaum. Bei den Besuchern bettelt nur jener 80-Jährige herum, der immer in Waffenrock, mit rot-weiß-roter Schärpe und Dutzenden klimpernder Orden durch Wien schlurft wie Schwejk zu k.u.k.-Kriegszeiten. Sie nennen ihn den „General“. Er hat weiße Handschuhe an.

Noch einer steht in der falschen Hälfte, und der politisiert auf die Besucher so ein, wie das schon Adolf Hitler tagelang vor seinen Mitbewohnern getan hat. Allerdings hatte der Antialkoholiker Hitler sicher keinen Becher Roten in der Hand. Dafür redet der 40-jährige frühere Schweißer Johann H. heute ähnlich eindringlich wie sein Vorbild, er warnt vor „Banden aus dem Untergrundgeflecht Osteuropas“, die bei der EU-Erweiterung einen „totalen Krieg“ gegen den Westen entfesseln und gegen die „jede sizilianische Mafia ein Klosterschwesterreigen“ ist. „Wenn jemand zu mir sagt, ich bin ein Ausländerhasser, dann hör’ ich mir das zwei Mal an, beim dritten Mal hat er ein blaues Auge.“ Und wenn er nicht in die Aufführung müsste – Johann H. arbeitet in der Technik mit –, würde er wohl weiter politisieren.

Wie Hitler damals, so hat jeder der 120 Bewohner des Heims heute nur ein Abteil von drei Quadratmetern Größe zur Verfügung; der Standard ist nicht viel höher als vor 90 Jahren. „Irgendwann ist die Entwicklung stehen geblieben“, sagt die Heimleiterin. Die Stahlrohrbetten sind 70 Zentimeter schmal wie einst. Die Trennwände zwischen jeweils zwei Kabinen bestehen aus Holz, sind weder lärm- noch geruchsdicht, und weil unten am Boden ein Spalt offen bleibt, „kann alles hin- und herrinnen, was an Körperflüssigkeit entsteht im Lauf eines Tages“. Jeweils 40 Männer teilen sich zwei Duschen; Vorhänge, also eine Intimsphäre, gibt es erst, seit Wintersberger vor zwei Jahren die Leitung übernommen hat. Sie versucht seither, möglichst viele der Männer wieder fähig zu machen für ein normales Leben. „Zuvor war das Heim eine Aufbewahrungsstelle. Die Betreuer hießen Aufseher.“ Anders als zu Hitlers Zeiten sind Bibliothek und Zeitungen verschwunden. Nun das Theaterprojekt: „Viele haben gesagt, was interessiert mich das?“ Doch einer, der mitspielt in „Mein Kampf“, sagt, er sei froh über die Abwechslung, das Stück findet er „klasse“.

Demnächst verliert Wien seine prominent-berüchtigte Adresse, die – so vermutet Wintersberger – „in einem asiatischen Reiseführer verzeichnet sein muss, weil aus dieser Region immer wieder Touristen kommen“. „Die Meldemannstraße“ wird geschlossen, weil eine Renovierung zu teuer wäre; viele Bewohner ziehen in ein neues Heim am Stadtrand. „Das wird im Vergleich zu jetzt Luxus“, sagt Wintersberger. Sie befürchtet gar, der Standard könne für die ganz Abgestürzten zu hoch sein – sie würden sich in ein „so schönes“ Haus nicht trauen. „Aber da werden wir Zwischenstufen entwickeln.“

In Taboris Theaterstück erklärt Hitler Schlomo Herzl, dass er alle Menschen „auf die Größe eines Ping-Pong-Balles schrumpfen“ will. „Dann blas’ ich sie, pfft, pfft, von der Erde runter.“ Doch als Frau Tod im Männerwohnheim vorbeischaut, da hält Herzl sie so lange hin, bis sich Hitler aus dem Raum geschlichen hat. „Schlomo“, fragt Frau Tod den Juden erstaunt, „jetzt haben Sie Hitlers Leben verlängert. Wollten Sie das?“ Herzl: „Ja.“ Doch auch die Sensenfrau möchte Hitler nicht als Leiche, sondern als „Würgeengel“ mitnehmen. „Ich werde Sie nicht enttäuschen“, verspricht er ihr. Hand in Hand treten sie ab, und Peter Aigner, seiner Statistenpflichten ledig, darf den Zuschauern endlich seinen Witz zu Ende erzählen: „…da beugt sich der Hirsch zum Bach hinab, um zu saufen, sieht sein prächtiges Spiegelbild im Wasser und sagt: Ha, ich bin der König der Wälder! Kommt ein riesiger Bär von hinten, haut ihm auf die Schulter und fragt drohend: Was hast g’sagt? Aah, ääh, hm, stottert der Hirsch: Was man halt so redet beim Saufen.“

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