Zeitung Heute : Ganzjährig allergisch

Die Charité hat den Pollenflugkalender 2008 vorgestellt. Wegen der Klimaveränderungen gibt es praktisch keine pollenflugfreie Jahreszeiten mehr. Was bedeutet das für die betroffenen Allergiker?

Paul Janositz

Schniefnase, Husten, Fieber. Eine Erkältung, was sonst? Dieser Schluss liegt in der kalten Jahreszeit auch bei Menschen nahe, die sonst gerne von Heuschnupfen geplagt werden. Denn die Pollen, die solche allergischen Symptome hervorrufen könnten, fliegen ja nicht im Winter. Das belegt ein Blick auf den Kühlschrank, auf dem der Pollenflugkalender festklebt.

Doch die alte Regel gilt nicht mehr, wie Professor Karl-Christian Bergmann vom Allergie-Zentrum der Charité erklärt. „Die Flugzeiten bestimmter Pollen haben sich verlängert“, sagt Bergmann, der auch Vorstand des Polleninformationsdienstes ist. Die Stiftung in Bad Lippspringe hat die Flugpläne der kleinen Piesacker aktualisiert. „Bestimmte Pollen, etwa von Weizen oder Mais, werden nicht mehr aufgeführt; neue Sorten, etwa die von Ambrosia (Traubenkraut) kommen hinzu“, erklärt der Allergologe.

Das ist wichtig für Menschen, die auf Pollen allergisch sind. Denn die winzigen Körner können das Immunsystem durcheinander bringen. Von Schleimhäuten festgehalten oder in Lungen gesogen, führen sie zu schniefenden Nasen und brennenden, tränenden Augen. In schlimmen Fällen entsteht Atemnot, die sich nach einiger Zeit zu Asthma ausweiten kann.

Den Grund dafür, dass empfindliche Menschen kaum noch unbeschwert Luft holen können, sieht Bergmann im Klimawandel. So fliegen die Pollen von Brennnesseln und Gräsern nicht mehr nur bis in den Oktober sondern bis in den Dezember. Dann wird der Juckreiz auslösende Staffelstab schon an die ersten Haselnuss- und Erlenpollen weitergereicht. Das bestätigt ein Anruf bei der Pollenflugvorhersage für Berlin und Brandenburg. „Hasel schwach und Erlen mäßig“, lautet die Auskunft für den heutigen Mittwoch.

Welche Pollen in der Luft sind, das verraten die 45 Fallen, die bundesweit aufgestellt wurden, zwei davon in Berlin. Zur langfristigen Prognose, die dem Pollenflugkalender zugrunde liegt, werden die Daten über Jahre gemittelt. Der bisherige Kalender berücksichtigte Pollenflüge aus den 90er Jahren. Jetzt werden die Ergebnisse der Jahre 2000 bis 2007 herangezogen. Zudem wird der bisher bundesweit geltende Kalender in vier klimatische Regionen aufgeteilt: Nord-, Süd-, West- sowie Mittel- und Ostdeutschland.

„Wir haben den Kalender auch übersichtlicher gestaltet“, sagt Bergmann. Etwa ein Drittel der bisherigen Pollenarten fiel weg, jetzt sind noch 16 Bäume, Pflanzen und Gräser enthalten. Doch wie können Betroffene wissen, ob ein grippaler Infekt oder eine Allergie die Nase laufen lässt? „Wenn es juckt, ist es allergisch“, erklärt der Allergologe. Die Symptome lassen sich mit Tabletten oder Tropfen bekämpfen. Grundlegenden Schutz bietet die Immuntherapie, eine Art Impfung. Per Spritze oder Tablette wird das Immunsystem behutsam mit den Allergie auslösenden Substanzen konfrontiert. Diese Therapie, die bei etwa zwei Dritteln der Pollenallergiker wirksam ist, sollte am besten in der pollenfreien Zeit erfolgen. Das wird durch die Verlängerung des Pollenfluges erschwert.

Pollenflugvorhersage für Berlin/Brandenburg: Tel: 09001 11548087 (0,62 Cent/min aus dem Festnetz)

Internet: www.dwd.de/de/WundK/Umweltinformationen/index.htm

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