Zeitung Heute : GANZ WIE IM RICHTIGEN LEBEN

AM FÖRDERZENTRUM PESTALOZZI-SCHULE IN STEGLITZ-ZEHLENDORF SAMMELN LERNBEHINDERTE BERUFSERFAHRUNG: IM BEWERBUNGSTRAINING, ALS PRAKTIKANTEN UND IN SCHÜLERFIRMEN

Noch ist es ruhig im Bistro „Happy Snack“, aber das Team ist gut vorbereitet: Schon um Viertel nach acht haben Lisa, Maurice und die vier anderen Mitarbeiter der Schülerfirma losgelegt, haben frische Brötchen geschmiert, Kaffee gekocht, die Tische gedeckt und Hotdogs warm gemacht.

Jetzt, gegen halb zehn, steht Maurice an der Kasse, und die Schlange im Schulbistro wird immer länger, bildet eine Diagonale durch den Raum fast bis zum Eingang. Maurice bleibt ruhig, addiert die Preise von Kaffee, Brötchen und Äpfeln und gibt Geld zurück. „Das ist ganz schön anstrengend für die Jugendlichen“, sagt seine Lehrerin Melanie Zutz, zugleich Geschäftsführerin des „Happy Snack“. Denn die Wechselgeldanzeige ist ausgeschaltet, damit die Schüler selber rechnen müssen. Auch, wenn die Schlangesteher immer hungriger werden.

Es geht ziemlich praktisch zu im Förderzentrum Pestalozzi-Schule in Steglitz-Zehlendorf. Dienstags und mittwochs öffnen dort Schülerfirmen ihre Türen, in denen Neunt- und Zehntklässler mit dem Förderschwerpunkt Lernen arbeiten.

„Um einen Arbeitsplatz in der Schülerfirma müssen sich die Jugendlichen zu Beginn des Schuljahres bewerben“, sagt Schulleiterin Sabine Wedekind. Mit einem handschriftlichen Lebenslauf. Wenn alles gut geht, bekommen sie dann eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Und auch das trainieren sie vorher – etwa, wie man sich zu diesem Anlass kleidet und wie man auftreten sollte.

Bevor sie ihre Arbeit in der Firma aufnehmen, unterschreiben die Schüler einen Arbeitsvertrag. Darin verpflichten sie sich, pünktlich zu sein und ordentlich zu arbeiten, Hygienevorschriften zu beachten und den Arbeitsablauf nicht zu stören. Sonst folgt nach zwei Abmahnungen die Kündigung – wie im echten Leben.

Neben dem Bistro gibt es an der Pestalozzi-Schule noch weitere Schülerfirmen: eine Fahrradwerkstatt, eine Computerfirma, eine Backstube und eine Holzwerkstatt. Dort zieht man an diesem Tag kritisch Bilanz. Denn die ersten Produkte, kleine, bunt bemalte Bilderrahmen, haben sich nicht gut verkauft auf dem Basar. „Die Besucher wollten größere Bilderrahmen haben“, stellt Schülerin Miriam fest. Sie hatte sich hinter dem Verkaufsstand heiser gebrüllt – vergebens. Nun überlegt die Belegschaft, wie der nächste Verkauf besser laufen könnte: „Wir könnten Plakate und Flyer machen“, sagt ein Schüler. „Und uns nicht wieder direkt neben die Bäckerei stellen“, meint ein anderer. Dieses Jahr sollen in der Firma verschiedene Posten verteilt werden. Regina Dreißig, die Lehrerin, überlegt mit den Schülern, welche Positionen geschaffen werden müssten.

„Der Personalchef kann Mitarbeiter einstellen und sie auch hinauswerfen“, erklärt die Lehrerin. „Das könnte ich nicht“, sagt Miriam. Bis zur nächsten Stunde sollen die Schüler entscheiden, wer für welchen Job in der Firma geeignet wäre: fürs Marketing, als Lagerist oder als Finanzchef.

Dann gehen die Mitarbeiter in die Produktion, um ihren Produkten den Feinschliff zu geben, kleinen rautenförmigen Teelichthaltern. „Wenn ihr die Augen schließt und sich das Holz ganz weich anfühlt, dann seid ihr fertig“, sagt Regina Dreißig. Miriam und ihre Klassenkameradin bearbeiten ihre Holzrauten mit dem Schleifpapier. Hinter den Mädchen stehen unterschiedliche Sägen, Bohrer und eine Schleifmaschine. Ihre ersten einwöchigen Praktika absolvieren die Jugendlichen bereits in der siebten Klasse, in der achten sind es dann zwei Wochen, in der neunten vier.

Die Zehntklässler verbringen jeden Montag beim Praktikum, zum Beispiel in einer Tischlerwerkstatt oder im Drogeriemarkt. Bereits ab Klasse sieben arbeiten die Jugendlichen außerdem zwei Stunden pro Woche in einer Werkstatt . „So können die Schüler die Bereiche Holz, Metall, Gesundheit, Pflege, Ernährung und Verkauf kennenlernen“, sagt Sabine Wedekind. Um festzustellen, zu welcher Branche sie sich beruflich hingezogen fühlen könnten. Ein gutes Gefühl für die Praxis gibt den Jugendlichen auch Bäckermeister Horst Fiebig. Zusammen mit der Lehrerin Erika Kreil leitet er die Schülerfirma Backstube. Heute allerdings ist der Bäckermeister nicht da. Seine Autorität aber wirkt trotzdem. „Was hat Herr Fiebig gesagt, als du zu spät gekommen bist?“, fragt die Lehrerin einen Schüler. „Dass ich jetzt entlassen worden wäre“, antwortet der 15-Jährige.

Disziplin lernen die Schüler zum Beispiel in der Backstube, und auch, nicht zu trödeln. Erika Kreil treibt die Schüler an. Für eine Rechenaufgabe zwischendurch ist aber trotzdem Zeit. „Wenn ich hier fünf Reihen mit je drei Brötchen habe, wie viel macht das dann?“ „Fünfzehn“, antwortet ein Schüler, der in der zweiten Pause auch mit Frau Kreil die warmen Brötchen verkaufen wird, die jetzt noch als Teigbatzen vor ihm liegen. Die Brötchen für den „Happy Snack“ kommen übrigens auch aus der Backstube. Die Schülerfirmen arbeiten vernetzt. Und vielleicht wird sich die Computerfirma ja auch um neue Werbeplakate für die Holzwerkstatt kümmern.

Neben lernbehinderten Schülern werden in der Pestalozzi-Schule auch Jugendliche mit Schwerpunkt geistige Entwicklung unterrichtet. Sabine Wedekind legt Wert darauf, dass die verschiedenen Schulzweige kooperieren und zum Beispiel auch die Grundschüler ihre Räder in der Fahrradwerkstatt der Oberstufenschüler reparieren lassen. „So erleben die Jüngeren die Älteren in einer verantwortungsvollen Position“, sagt Sabine Wedekind.

Zwischen neun und 13 Schüler stark sind die siebten bis zehnten Klassen an der Pestalozzi-Schule, und sie werden, ebenso wie Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, nach eigenen Rahmenlehrplänen unterrichtet, die auf das Leistungsvermögen der Jugendlichen abgestimmt sind.

Dagegen gelten für Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf in den Bereichen Sehen, Hören, körperliche und motorische Entwicklung, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung sowie für langfristig Erkrankte die Rahmenlehrpläne der allgemeinen Schulen. Diese Schüler können bei entsprechenden Leistungen alle Schulabschlüsse machen, von der Hauptschule bis zum Gymnasium. Aber auch Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen können seit einigen Jahren nach der zehnten Klasse einen dem Hauptschulabschluss gleichwertigen Schulabschluss erreichen.

Für einige Mitarbeiter der Schülerfirmen folgte ein Ausbildungsvertrag: Ein ehemaliger Pestalozzi-Schüler wird nun zum Beispiel zum Tischler ausgebildet, ein anderer zum Bäcker. Die meisten absolvieren allerdings ein freiwilliges elftes Schuljahr: in einem berufsqualifizierenden Lehrgang oder an einer berufsbildenden Schule.

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