Zeitung Heute : Gas geben

Wer eine Lehrstelle will, muss sich beeilen. Einige große Berliner Unternehmen suchen aber noch Azubis

Stefan Kaiser

Mehr als 30 000 Berliner Jugendliche werden in den nächsten Monaten die Schule verlassen und stehen vor der Frage „was nun?“ Mindestens 1300 von ihnen müssen sich keine Sorgen mehr machen: Sie haben bereits einen Ausbildungsvertrag in der Tasche, meldet die Industrie- und Handelskammer (IHK). Doch auch wer jetzt noch nichts gefunden hat ist nicht chancenlos. Vor allem in kleineren Betrieben lohnen sich Bewerbungen noch. „Die Jugendlichen sollten nicht aufhören zu suchen“, sagt der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Ulrich Wiegand. „In den nächsten Monaten werden noch einige Lehrstellenangebote kommen.“ Wiegand rät zu Initiativbewerbungen. „Man kann zum Beispiel einfach mal zum Betrieb nebenan gehen und nachfragen“, sagt Wiegand. Allerdings sollte es nicht nur der Nachbarbetrieb sein, Mobilität sei nötig.

Auch bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist man optimistisch. „Im vergangenen Jahr haben wir die Zahl der Ausbildungsverträge um acht Prozent auf 9300 gesteigert“, sagt IHK-Ausbildungsleiter Rainer Schöne. Damals wurde die Zahl als Erfolg des bundesweiten Ausbildungspaktes gefeiert. In diesem Jahr wolle man die Zahl noch übertreffen, sagt Schöne. „Wir sind zuversichtlich.“ Die bisher von den Firmen angezeigten 1300 Verträge seien erst der Anfang. „Die Hauptwelle der Verträge kommt erst zwischen Mai und Oktober“, erklärt Schöne. „Viele Betriebe wissen heute noch gar nicht, dass sie im Herbst ausbilden werden.“

Viele große Berliner Arbeitgeber haben ihre Ausbildungsplätze für dieses Jahr allerdings bereits besetzt: BVG und Bankgesellschaft Berlin stellen jeweils 100, Schering etwa 90, die AOK 60 und Daimler-Chrysler 50 neue Azubis ein. Bei einigen Großen gibt es aber noch freie Plätze. Die Deutsche Bahn AG, die im September in Berlin 161 Auszubildende einstellen will, hat noch nicht alle Stellen vergeben. Sie sucht noch Fachwirte für den Bahnbetrieb und Fachkräfte für Schutz und Sicherheit.

Bei Siemens kann man sich ebenfalls noch bewerben. Der Konzern sucht etwa 300 Mechaniker, Kaufleute und Industrietechnologen. „Wir haben allerdings auch hohe Anforderungen“, sagt Sprecherin Ilona Thede. Bei der Berliner Volksbank sind noch elf von 90 Plätzen frei. „Wir haben sehr viele Bewerbungen bekommen, etwa 2500“, sagt Ausbildungsleiterin Stefanie Siebert. „Aber im Test und im Vorstellungsgespräch trennt sich dann meist die Spreu vom Weizen.“ Die Qualität vieler Bewerbungen sei schlechter geworden, sagt Siebert. Der Bankberuf sei vielleicht nicht mehr so attraktiv wie früher, weil immer wieder Meldungen vom Arbeitsplatzabbau durch die Presse gingen.

IHK-Ausbildungsexperte Schöne sieht auch andere kaufmännischen Berufe in der Krise. Bei Speditions- Großhandels- oder Versicherungskaufmann gebe es oft mehr Stellen als Bewerber. Noch schwieriger zu besetzen sind laut Schöne die Metallberufe, wie Anlagenmechaniker oder Stahlbetonbauer. „Da bleiben am Ende des Jahres meist Plätze frei.“ Sehr gefragt seien dagegen Stellen als Kaufmann oder Kauffrau der Bürokommunikation. „Die können Sie in jeder Branche einsetzen.“

Bei den Handwerksberufen liege dagegen der Frisör ganz vorne, sagt Ulrich Wiegand, gefolgt vom Maler und Lackierer. Die Sorgenkinder bleiben weiter Bäcker, Fleischer und Konditoren. „Die suchen oft bis zum Jahresende.“

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