Zeitung Heute : Gas geben

Flugzeuge, Schiffe oder schnelle Flitzer: Studenten verwirklichen ihre Ideen und kommen aufs Siegertreppchen

Patricia Pätzold

Die letzte Kugel versenkte das stolze Schiff im Augenblick seines Triumphs. Mit 4762 Gramm Blei im Bauch ging die nur 9,8 Gramm leichte „Bleimatratze“ unter. Doch sie bescherte ihrem Konstrukteur, dem Schiffbaustudenten Bodo Walther, den Weltrekord im Papierschiffbau.

Der Tüftler ist an der TU Berlin nicht allein: Auch den jungen Mann, dessen Papierflugzeug länger fliegt als alle anderen Modelle aus deutschen Klassenzimmern und Hörsälen, zählt die Hochschule zu ihren Studenten – genauso wie Konstrukteure von Rennwagen oder findige Programmierer. An der TU Berlin können sich kreative Geister aus unterschiedlichen Bereichen entwickeln und ihre Ideen mit dem Studium unter einen Hut bringen.

„Für unsere Papierschiffe haben wir eine kleine Werft in einem Arbeitssaal eingerichtet“, erzählt Walther. Nach langen Monaten der Konstruktion trat er im Juni in Rostock gegen 79 Konkurrenten aus aller Welt an. Doch es ging nur vordergründig ums Spiel: Fachbegriffe wie „Hauptspantvölligkeit“, „Wasserlinienfläche“ oder „Archimedisches Gesetz“ müssen einem schon geläufig sein, wenn man aufs Siegertreppchen vordringen will. „Für die zukünftigen Bootsbauer und Schiffbauingenieure ist das eine ausgezeichnete Übung“, findet Walthers Professor und Mentor, der Meerestechniker Günther Clauss.

Genau ein Blatt Papier brauchte Kai Wicke für seinen meisterhaften Papierflieger. Mehr war dem Studenten der Luftfahrttechnik nicht erlaubt. Das pfeilförmige Geschoss sauste im Frühjahr bei der Deutschen Meisterschaft im Papierfliegerbau genau 34,82 Meter weit – und deklassierte damit die Konkurrenz. „Die Idee stammt noch aus meiner Kindheit“, lacht der Meister aller Papierflieger. Nur eine Woche nach dem Sieg nahm er an den Weltmeisterschaften in Salzburg teil. Zuvor erprobte der Student sein Flugzeug in der Aerodynamikhalle der TU Berlin.

Auch Kai Wicke erzählt fachmännisch von „Richtungsstabilität“, „Symmetrie“ und „verteiltem Auftrieb“, wenn er die konstruktive Weiterentwicklung seit seinen Schultagen erklärt. Seiner Passion fürs Fliegen – zu Hause im hessischen Hofgeismar fliegt er einsitzige Segelflieger mit 15 Metern Spannweite – kann er also an der TU Berlin nicht nur mit Formeln und Flugzeugtechnik frönen.

Leidenschaft für Schmieröl und Motorenlärm muss man mitbringen, wenn man einen echten Rennwagen baut – wie ein Team aus angehenden Fahrzeugtechnikern, Wirtschaftsingenieuren, Informatikern und Logistikern um den Verkehrswesenstudenten Ole Kröger. „Wir tüfteln seit mehr als einem Jahr daran“, erzählt er. „Professor Volker Schindler, ein Spezialist für Kraftfahrzeuge, hilft uns.“

Die Unternehmung ist allerdings sehr teuer. Bei der Suche nach Sponsoren ergeben sich die Einblicke in das Leben eines Managers quasi von selbst. „Spannend war es, als wir unseren ersten Motor erwarben", erinnert sich Kröger. „Im Internet fieberten wir bei einer nervenaufreibenden Versteigerung mit. Es war ein Supergefühl, als wir für den Vierzylinder endlich den Zuschlag erhielten: drei, zwo, eins – unser!"

Anfang August stand der „FT 2006“ vor der Bewährungsprobe: Auf dem Hockenheimring nahm das 13-köpfige Team am „Formula Student Germany 2006“ teil. Bei diesem Wettbewerb wird der Wagen präsentiert und technisch auf Herz und Nieren geprüft. Das Team der TU wurde auf Anhieb Vierter.

Als nächstes großes Ziel haben die Studenten ein Rennen in London ins Auge gefasst, gegen die internationale Konkurrenz. Der zweite Wagen ist bereits in Arbeit. Und noch etwas ist den Studenten wichtig: „Wir möchten das Team langfristig an unserer Universität etablieren und damit mehr Studenten die Möglichkeit bieten, solche Erfahrungen in der Konstruktion, im Marketing und in der Selbständigkeit zu sammeln.“

Auch Radiomacher finden an der TU Berlin Möglichkeiten zum professionellen Einsatz: ein modernes Studio, das mit der gleichen Software ausgestattet ist wie die öffentlich-rechtlichen Sender und ebenfalls als Projektwerkstatt finanziert wurde. „Dort können wir Musik, Features oder Hörspiele aufnehmen, bearbeiten und den Sendeablauf steuern“, erklärt Andreas Rotter, der an der TU Berlin Kommunikationswissenschaften studiert. Er gehört zu den Gründern des „Campusradio“. Im Redaktionsteam sitzen Studenten aus unterschiedlichen Studiengängen. Mittlerweile hat das „Campusradio“ schon eine stattliche Anzahl von Live-Sendungen ins Internet gestellt.

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