Zeitung Heute : Gastfeindschaft

Drei Monate vor Olympia verschärft China die Visabestimmungen. Wie offen wird Peking während der Spiele sein?

Harald Maass

Peking Peking ist eine der vibrierendsten und kosmopolitischsten Städte der Erde. Junge Männer und Frauen aus der ganzen Welt kommen hierher, um die Sprache und Kultur zu lernen, sich als Englischlehrer oder angehende Künstler durchzuschlagen. Die Stadt ist ein Ort, der sich rasend schnell entwickelt, und an dem Träume scheinbar über Nacht möglich sind. Tagsüber sieht man die Männer und Frauen in den gemütlichen Cafés in der Nanluoguxiang, einer alten Gasse unweit des Kaiserpalastes, über Laptops sitzen. Abends tanzt man auf den Dächern der Hochhäuser. Es ist diese Energie, die Peking auch für Chinas Jugend so attraktiv macht. Zu Tausenden strömen sie aus den Provinzen in die Hauptstadt – die mutigsten, klügsten und kreativsten eines Milliardenvolkes –, um in der Boomstadt Karriere zu machen. Pekings Universitäten sind die besten des Landes. Wer es hierher schafft, dem stehen alle Wege offen. Im Universitätsviertel Haidian vermischen sich die Kulturen. Da reihen sich koreanische Restaurants, italienische Kaffeehäuser und amerikanische Fastfoodketten aneinander.

Doch während der Olympischen Spiele werden die meisten Geschäfte dort wohl leer sein. Nach Angaben mehrerer Universitäten müssen nicht nur Tausende ausländische Studenten während des Sommers die Stadt verlassen. Auch ein Großteil der einheimischen Studenten darf sich während der Spiele nicht in der Stadt aufhalten. Die Behörden haben extra das Semesterende um einen Monat auf Ende Juni vorverlegt. Wer nicht als Freiwilliger bei Olympia arbeitet, müsse nach Hause in die Provinz, berichten Studenten.

Die chinesische Regierung dementierte zwar am Freitag, dass „alle ausländischen Studenten“ während der Olympischen Spiele das Land verlassen müssten. Die Behörden und Universitäten hätten die Studenten „niemals aufgefordert“, während der Spiele das Land zu verlassen, hieß es. Ein Sprecher der Volksuniversität (Renmin Daxue) in Peking sagte aber der Nachrichtenagentur dpa, dass Visa von Studenten, die nach Ende des Semesters Anfang Juli ausliefen, nicht verlängert werden könnten. Es sei „unmöglich“ für solche Studenten, ihren Aufenthalt auszudehnen. Die Universität habe in diesem Jahr auch alle Sommerkurse gestrichen. Beim Auswärtigen Amt in Berlin hieß es am Freitag, dass China die Vergabe von Visa an Geschäftsleute verschärft habe. Die Vergaberegelungen seien zwar nicht geändert worden, doch die bestehenden Vorschriften würden nach Beobachtung deutscher Diplomaten „etwas strikter“ angewandt. „Wir finden das alles schlecht – und vor allem schlecht kommuniziert“, sagt der Präsident der EU-Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, dazu. „Wieder gibt es keine Transparenz.“ Die neue Visapraxis sei nicht durchschaubar.

Ein Grund für die Visaverschärfungen und die damit verbundene Ausweisung vieler Ausländer ist, dass die Regierung möglichen Unruhen oder gar Protesten vorbeugen möchte. Bilder wie während des Fackellaufs, wo weltweit junge Menschen gegen Chinas Tibet- und Menschenrechtspolitik protestieren, soll es während Olympia nicht geben. Mehr als 230 000 Videokameras überwachen in Peking alle öffentliche Plätze und Straßen.

Doch es gibt auch praktische Gründe für Chinas Vorgehen: Peking ist mit rund 17 Millionen Einwohnern ein Moloch, der sich schon zu normalen Zeiten kaum regeln lässt. 3,2 Millionen Autos sorgen dafür, dass rund um die Uhr auf den Straßen Rushhour herrscht. Sobald es regnet oder schneit, bricht der Verkehr völlig zusammen. An jeder großen Straßenkreuzung sind Aufpasser postiert – meist Rentner – , die mit roten Fahnen die vielen Fußgänger und Fahrradfahrer anhalten, nur bei Grün über die Straße zu gehen. Ohne diese Verkehrslotsen wären die Kreuzungen ständig verstopft.

Während Olympia werden Besucher aber ein ganz anderes Peking erleben. Die Behörden haben ein striktes Verkehrsmanagement angekündigt: Innerhalb der fünften Ringstraße – also fast im ganzen Stadtgebiet – dürfen private Pkw nur noch an jedem zweiten Tag fahren. Autos mit gerader Schlussziffer auf dem Nummernschild an geraden Tagen, die anderen nur an ungeraden. Große Gebiete um die Wettkampfstätten werden völlig für den Privatverkehr gesperrt, dazu werden besondere Olympia-Fahrspuren eingerichtet. Viele werden zudem einem Aufruf der Behörden folgen und ihr Auto freiwillig stehen lassen. Fahrradfahren wird während Olympia zur patriotischen Pflicht.

Vielen Pekingern wird das nicht schwer fallen. Die meisten Staatsunternehmen, Behörden, Banken und größeren Unternehmen werden auf Anweisung der Regierung ihren Angestellten während der Spiele Urlaub geben. Damit die Luft sauberer wird, sollen auch Fabriken schließen. Saubere Luft, fließender Verkehr, das Volk in Urlaubsstimmung – Peking will sich von seiner besten Seite zeigen. Seit Monaten ziehen Heerscharen von Arbeitern durch die Straßen, streichen Hausfassaden und legen Blumenbeete an. Eine solche Kulisse erwarten man in China. Was viele Besucher jedoch überraschen wird, ist die Stimmung der Menschen. Die meisten Chinesen sind trotz der Tibetproteste glücklich über die Spiele im eigenen Land. In den Stadien wird man deshalb keine eingeschüchterten Menschenmassen erleben, die auf Kommando applaudieren. Sondern ausgelassene, selbstbewusste Chinesen. Peking 2008 wird eine merkwürdige Mischung sein – aus echter Lebensfreude, staatlicher Kulisse und unsichtbaren Problemen.

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