Zeitung Heute : Gastlichkeit im Zeichen des Ahorns

Die neue Kanadische Botschaft präsentiert sich weltläufig und offen am Leipziger Platz

Jürgen Tietz

Der Leipziger Platz gehört zwar nicht zu den traditionellen Adressen, an denen sich in Berlin Botschaften ansiedeln. Aber ein traditionelles Bild will Kanada mit seinem ersten eigenen Botschaftsgebäude in Berlin auch nicht zeichnen. Stattdessen präsentiert sich das Land als innovative und offene Wirtschafts- und Kulturnation. Das drückt sich bereits beim Haupteingang der Botschaft am Leipziger Platz aus: Gleich über mehrere Stockwerke durchbrechen dort drei große Fensteröffnungen die ansonsten berlinisch-steinerne Platzfassade und schaffen eine einladende Geste. Hier nimmt auch die „Nord-West-Passage“ ihren Anfang, die das Gebäude für Fußgänger vom Leipziger Platz aus mit der Ebertstraße verbindet.

Komplex ist nicht nur der Grundriss des annähernd fünfeckigen Grundstücks der Botschaft, die neben der Hauptfassade zum Leipziger Platz auch über Fassaden zur Ebertstraße und zur Vossstraße verfügt. Komplex ist auch die Finanzierung des Objekts, mit der Kanada Neuland betreten hat. Die Botschaft wurde in einem „public privat partnership“ errichtet: Der kanadische Staat erwarb das Areal und ließ von einem privaten Investor, der Kanada Haus KG, einer Tochter der Hannover Leasing GmbH, das Gebäude errichten. Teile des „Kanada-Hauses“ an Voss- und Ebertstraße sind nun fremd vermietet.

„Den richtigen Ton anschlagen“, das wollen die Architekten mit ihrem Botschaftsgebäude, sagt Bruce Kuwabara vom Architekturbüro Kuwabara, Payne, McKenna, Blumberg (KPMB). Das Gebäude sollte weder monumental noch „showy“ werden, sondern „ein ganz normales Haus, mit dem Kanada seine Gastlichkeit“ präsentieren kann, so Kuwabara weiter, dessen Büro zu den führenden kanadischen Architekturbüros zählt. Es war für Kuwabara das erste Mal, dass sich ihm die Gelegenheit bot, eine Botschaft zu entwerfen. Und ebenso, wie beim Botschaftsbau die unterschiedlichsten kanadischen Materialien Verwendung fanden, so erweist sich auch der Bau selbst als eine kanadische Gemeinschaftsleistung, an dem neben KPMB aus Toronto auch Gagnon LeTellier Cyr aus Québec City und Smith Carter aus Winnipeg in einem joint venture mit dem Büro Vogel Architect (Toronto) beteiligt waren. An Teilen der Innenarchitektur wirkte zudem die Londoner Architekturfirma HOK mit.

Einen Eindruck von der Vielfalt kanadischer Kultur vermittelt den Botschaftsbesuchern bereits der Marshall McLuhan Salon, der sich im Erdgeschoss dem Eingangsfoyer anschließt. Seinen Namen verdankt er dem kanadischen Literaturwissenschaftler und Philosophen McLuhan (1911-1980), der den Begriff des „global village“ im Medienzeitalter geprägt hat. Damit der Informationsfluss von Kanada ins „alte Europa“ auch funktioniert, können die Besucher hier auf einer runden Bank Platz nehmen und sich über Kopfhörer durch kanadische Themen inspirieren lassen. An touch-screen Bildschirmen ist es möglich, zu Fragen über Land und Leute zu recherchieren.

Der Innenhof verbindet die Bauteile an Ebert- und Vossstraße mit dem Hauptteil am Leipziger Platz. Auf engstem Raum sind im Hof unterschiedliche kubische Formen miteinander verknüpft, so dass eine spannungsreiche Raumwirkung entsteht. Der Wechsel von Innen- und Außenräumen, von geschlossenen und offenen Wandflächen sorgt nicht nur optisch für Abwechslung, die auf den verschiedenen Geschossebenen fortgesetzt wird. Immer wieder können die Besucher dank der integrierten Kunstwerke dabei Motive entdecken, die auf Kanada anspielen.

Der wichtigste Bereich für öffentliche Veranstaltungen befindet sich im ersten Obergeschoss. Verbunden durch ein weitläufiges Foyer, von dem aus der Innenhof überblickt werden kann, fügt er sich aus drei unterschiedlich großen Räumen zusammen. Im Kino- und Vortragssaal verteilen sich die in Rot- und Gelbtönen gehaltenen Sitze wie die fallenden Blätter eines strahlenden Herbsttages über die Schräge des Auditoriums. Der größte Veranstaltungsraum ist der Kanada-Saal. Hohe Lamellen aus hellem Ahornholz aus Québec sorgen dafür, dass er auch nach außen hin abgeschottet werden kann.

Ohnehin das Holz. Es zieht sich als Leitmotiv durch die Gestaltung der Botschaft. Sei es im lichten Foyer der Veranstaltungsräume oder im eigentlichen Herzstück der Botschaft, der Timberhall. Auf rundem Grundriss errichtet, verjüngt sich dieser dritte Veranstaltungsraum wie ein Tipi nach oben, um in einer transparenten Öffnung zu enden. Es ist ein Raum von einer fast sakral anmutenden Konzentration. Und das, obwohl eine große Fensteröffnung den Blick auf den Innenhof der Botschaft ermöglicht. Die Wände der Timberhall sind mit Paneelen aus dunkler Douglasie aus British Columbia verkleidet und verleihen ihr ihre besondere Atmosphäre. Weniger für die Öffentlichkeit gedacht ist der große Dining-Room der Botschaft im zehnten Obergeschoss. Nach zwei Seiten hin verglast, ist von dort ein ungestörter Blick auf den Leipziger Platz und den Tiergarten möglich. Aber auch die besondere Gestaltung des Daches auf dem niedrigeren Bauteil zur Ebertstraße, in dem sich die vermieteten Büros befinden, ist bemerkenswert. In sanften Schwüngen zeichnet sich auf dem Dach eine stilisierte Darstellung des weiten Deltas des Mackenzie Rivers ab. In Berlin bildet das Flussbild die „fünfte“ Fassade der Botschaft, die Dachgestaltung. Entworfen wurde sie von der Landschaftsarchitektin Cornelia Hahn-Oberländer.

„Der Geist der Offenheit“, den Bruce Kuwabara zum Leitmotiv der Botschaft erklärt, betrifft nicht nur jene Bereiche des Hauses, die Gästen und Besuchern offen stehen, sondern auch jene, in denen die tägliche Arbeit stattfindet. So zeichnen sich die Büros durch tief herab gezogene Glasfronten aus, die den Blick auf die Umgebung frei geben. Der Weg zu den einzelnen Geschossen wird dabei zu einer Entdeckungsreise, denn immer wieder finden sich auf den Wandflächen aus hellem Kalkstein beeindruckende Einschlüsse von Schnecken oder Fischen. Sie gehören genauso wie die High-Tech-Ausstattung des Marshall McLuhan Salons zu jenem reichen Kapital Kanadas, mit dem sich das Land durch seine Botschaft ebenso weltoffen wie traditionsbewusst in Berlin vorstellt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben