GASTSPIELChristian Thielemann und die Münchner Philharmoniker : Abgrund und Ideal

Carsten Niemann

Wer ist Manfred? Ist der Held des 1816 bis 1817 von Lord Byron verfassten dramatischen Gedichts ein zerrissener Charakter mit faustischen Zügen: dämonisch, neurotisch, leidenschaftlich bis zum Inzest? Oder handelt es sich doch eher um einen innerlich ungebrochenen Helden, wie ihn Friedrich Nietzsche sah? Christian Thielemann und den Münchner Philharmonikern obliegt die herausfordernde Aufgabe, eine glaubhafte Antwort auf diese Frage zu finden, wenn sie mit der Ouvertüre zu Schumanns „Manfred“-Vertonung ihr Gastspiel in der Philharmonie eröffnen. Auch Schumanns 4. Symphonie in D-Moll, aus dem Geist der symphonischen Dichtung geboren, fordert die Balance von Abgründigkeit und Idealismus, von romantischer Hingabe und Ironie.

Thielemann, der eher zur packenden bildhaften Geste und kapellmeisterlicher Deutlichkeit als zu offensiver Hintergründigkeit tendiert, wird die von Schumann als einzig gültig autorisierte, schwerer instrumentierte und in den Tempi gemäßigtere Spätfassung des Werks von 1853 dirigieren. Den beiden Schumann-Werken stellt Thielemann das Violinkonzert von Johannes Brahms entgegen, der im Gegensatz zu Schumann die leichtere Frühfassung der 4. Symphonie seines Mentors bevorzugte. Thielemanns Antwort auf Brahms ist vollkommen offen: Mit dem in Israel aufgewachsenen Solisten Gil Shaham steht ihm kein musikalischer Antipode gegenüber. Dennoch sind die Eleganz, Delikatesse des Tons und kammermusikalische Sensibilität von Shahams’ Spiel musikalische Qualitäten, die einen Charakter wie Thielemann sowohl herausfordern als auch ergänzen könnten. Carsten Niemann

Philharmonie-Ersatzort siehe Tagesspiegel,

Do 22.5., 20 Uhr, 25-80 €

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