Zeitung Heute : Gastwirt im Namen des Herrn

Vor zwei Monaten eröffnete der Franziskanermönch Bruder Thaddaeus ein Restaurant in der Wilmersdorfer Straße Zehn Langzeitarbeitslose fanden hier einen Arbeitsplatz – ihre Küche ist gutbürgerlich

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Von Simone Leinkauf Kesselfrisches Eisbein mit Sauerkraut, Hühnerfrikassee und Heringsfilet – und natürlich frischer Spargel mit Salzkartoffeln und Sauce Hollandaise stehen auf der Speisekarte. Sie kommt gutbürgerlich daher und scheint so gar nicht in das vermeintlich mondäne Viertel direkt am Kurfürstendamm zu passen. Wie das Essen, so die Einrichtung: freundliche, helle Holzmöbel, ein langer Holztresen und Fachwerkbalken an den Wänden, dazwischen Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus und aus dessen Heimatstadt Assisi, gemalt von Andreas Uckert, einem Schüler und Mitarbeiter des Kunstfälschers Konrad Kujau. Dazu passt ein Wirt wie aus dem Bilderbuch: eine lange weiße Mähne, ein weißer Rauschebart und Lachfältchen um die freundlich dreinblickenden Augen. Bruder Thaddaeus scheint alle Klischees des gütigen Ordensbruders zu erfüllen. Doch er kann durchaus aus der Haut fahren. Und laut werden, wenn die Dinge nicht so laufen, wie er sich das vorstellt.

Der 65-Jährige gehört dem Franziskanerorden an, seit 39 Jahren. Vor seiner Ordenszeit leitete er einen Supermarkt. Nach Berlin kam er 1990 und eröffnete in Pankow eine Suppenküche. Schon bald wurde ihm klar, dass dies eigentlich nicht das Richtige sei. „Für keinen Menschen ist es gut, wenn er sein Essen jeden Tag geschenkt bekommt. Das ist demütigend.“ Da die Weihnachtszeit vor der Tür stand, begann Bruder Thaddaeus mit Obdachlosen Adventsgestecke zu basteln und zu verkaufen. Bald darauf sah er sich nach einem größeren Objekt um und kaufte einen Hof in der Nähe des brandenburgischen Zehdenick. Dort leben und arbeiten inzwischen 25 vormals Obdachlose. Der durch Fernsehauftritte weit über Brandenburg hinaus bekannte Ordensbruder hat den idyllisch 70 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Franziskushof gemeinsam mit Bruder Lukas zum Erfolg geführt. Und weil die dort hergestellten Produkte – vom Trockenblumenstrauß über Marmeladen und Gelees bis hin zu verschiedenen Fleischprodukten – auch an den Kunden gebracht werden mussten, eröffneten die Franziskanerbrüder sowohl in der Paradiesstraße in Bohnsdorf als auch in der Mommsenstraße einen „Franziskushofladen“.

„Und dann hatte ich die Idee, nicht nur etwas für Obdachlose, sondern einmal etwas für Langzeitarbeitslose zu tun", erinnert sich Bruder Thaddaeus. Ein Lokal, in dem die hofeigenen Produkte verarbeitet werden, das schwebte ihm vor. Gesucht hat Bruder Thaddaeus die Räumlichkeiten nicht – er verlässt sich lieber auf die Führung des Herrn. Ein Kunde aus dem Franziskushofladen in der Mommsenstraße wies auf ein leerstehendes Restaurant in der Nähe hin. Am 25. Januar schaute sich Bruder Thaddaeus die Räumlichkeiten in der Wilmersdorfer Straße 95 an, am 28. Januar unterschrieb er den Mietvertrag und am 28. Februar wurden die Franziskushofstuben eröffnet. Gemeinsam mit Astrid Schöttler, die seit 1999 auf dem Franziskushof in Zehdenick angestellt ist, leitet er das Restaurant. Für 100 Personen ist in den Franziskushofstuben Platz, draußen können bei gutem Wetter dann noch einmal etwa 30 Gäste sitzen. Die Räume eignen sich auch für Veranstaltungen und Feiern. Auch wenn die Zahl der Gäste das Projekt noch nicht vollständig trägt, bleibt Bruder Thaddaeus optimistisch: „Ich bin erstaunt, wie viele jetzt schon kommen. Und ich bin sicher, dass wir das alles schaffen werden."

Bruder Thaddaeus und Astrid Schöttler arbeiten ausschließlich mit HartzIV-Empfängern, mit Langzeitarbeitslosen. Zehn Menschen stehen bei ihnen in Lohn und Brot, Küchenpersonal und Servicekräfte. Die Probleme kommen bei diesem Projekt aus einer ungewohnten Richtung, sagt Bruder Thaddaeus: „Es ist unglaublich schwer, zuverlässige Mitarbeiter zu finden – da sind wir noch längst nicht zufrieden." Immer wieder fiel in den letzten Wochen Personal aus. „Wir haben schon tolle Mitarbeiter“, relativiert Astrid Schöttler, „aber leider auch einige, die nicht so zuverlässig sind, wie das in einem solchen Betrieb notwendig ist.“ Das muss sich ändern, das wird sich ändern – ganz bestimmt.

Und was käme dann als nächstes? Bruder Thaddaeus zuckt lachend mit den Schultern: „Ich lasse mich vom lieben Gott führen, der bringt mich dahin, wo ich sein soll.“

Franziskushofstuben, Wilmersdorfer Straße 95, geöffnet täglich von 11 bis 23 Uhr.

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