Zeitung Heute : GAU in Japan – Wende in Berlin

Größter anzunehmender Unfall. Um 3 Uhr deutscher Zeit explodierte am Montag der Reaktorblock 3 im japanischen Kernkraftwerk Fukushima. Die Situation ist für die Techniker vor Ort kaum noch steuerbar. Es ist die zweite Explosion in dem Komplex nach dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami vom vergangenen Freitag. Fotos: AFP
Größter anzunehmender Unfall. Um 3 Uhr deutscher Zeit explodierte am Montag der Reaktorblock 3 im japanischen Kernkraftwerk...

Tokio/Berlin - Das Erdbeben und der anschließende Tsunami in Japan vom vergangenen Freitag haben immer größere Auswirkungen. Während in Japan die Zahl der Toten und Verletzten steigt, bahnt sich in Deutschland eine Wende in der Atompolitik an. Als Folge der Reaktorunfälle im japanischen Kernkraftwerk Fukushima I verkündete Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein dreimonatiges Moratorium der im Herbst 2010 beschlossenen Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Atomkraftwerke. Weltweit wächst derweil die Sorge vor den wirtschaftlichen Auswirkungen der Katastrophe in Japan. Vielerorts gaben die Aktienwerte an den Börsenplätzen nach.

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hat am Montag auch die japanische Regierung eine Kernschmelze nicht mehr ausgeschlossen. Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Montag nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo. Die Radioaktivität rund um das Atomkraftwerk sei erhöht. Zuvor hatte es um 3 Uhr (MEZ) eine zweite Wasserstoffexplosion gegeben – diesmal war Reaktorblock 3 betroffen. Sieben Arbeiter wurden verletzt und fünf verstrahlt, wie Kyodo berichtete. Das Reaktorgebäude wurde stark beschädigt; dabei wurde auch die Betonhülle des benachbarten Blocks 2 durchschlagen. Nach Angaben der japanischen Behörden blieben der Reaktordruckbehälter und der ihn umgebende Sicherheitsbehälter intakt. Am Samstag war es zu einer ähnlichen Explosion im Reaktor 1 gekommen.

Am Montag fiel das Kühlsystem für den Reaktorblock 2 aus. Der Wasserspiegel um die Brennelemente sank so stark, dass sie zeitweise komplett frei lagen. Dann wurde Meerwasser in den Reaktor gepumpt. Allerdings ging nach Angaben der Betreiberfirma Tepco zeitweilig der Kraftstoff für die Pumpen aus. Daraufhin sank der Wasserspiegel, bis keine Flüssigkeit mehr nachzuweisen war. Erst am Abend gelang es den Technikern, wieder Meerwasser einzuspeisen. Japan hat die USA um technische Hilfe gebeten.

Auch die direkten Folgen des Bebens und der Flutwelle für die Japaner sind dramatisch. Helfer aus aller Welt versuchen, sich unter schwierigsten Bedingungen um die Millionen Betroffenen zu kümmern. Nach Angaben der Vereinten Nationen hatten mindestens 1,4 Millionen Menschen kein Trinkwasser, 2,6 Millionen keinen Strom, zudem wurden Lebensmittel und Benzin knapp. In der Stadt Sendai standen die Menschen geduldig um Lebensmittel an, die rationiert wurden. Die Zahl der bestätigten Todesopfer stieg nach dem Fund von 2000 Leichen auf mehr als 3600. Zahlreiche Orte waren nur schwer oder gar nicht erreichbar. Auch weitere Nachbeben und Tsunamiwarnungen behinderten die Rettungsarbeiten. Die Kinderrechtsorganisation Save the Children fürchtet, dass durch das Erdbeben und den Tsunami in Japan mindestens 70 000 Kinder obdachlos geworden sind. Ein heftiges Beben der Stärke 6,2 erschütterte am Montag auch Tokio. Der Bahnverkehr kam weitgehend zum Erliegen. Auf der wichtigen Ost-West-Linie durch die Hauptstadt fuhr nur noch jeder zehnte Zug, wie das japanische Fernsehen meldete. Die Verbindungen zum Flughafen Narita wurden ebenfalls eingestellt. Dort wackelte die Abflughalle Augenzeugen zufolge.

Kanzlerin Merkel hat die Abschaltung alter Atomkraftwerke angekündigt, die nur infolge der Laufzeitverlängerung am Netz geblieben sind. „Das wäre die Konsequenz, sonst wäre es ja kein Moratorium“, sagte Merkel auf die Frage, was mit jenen Kraftwerken passiere, deren Reststrommengen bis zur seit 2011 geltenden Laufzeitverlängerung eigentlich verbraucht waren. Wenig später kündigte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) an, dass das Atomkraftwerk Neckarwestheim 1 stillgelegt werden soll. Vom Moratorium betroffen wäre zudem das Kraftwerk Biblis A in Hessen. Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) kündigte an, auch das Atomkraftwerk Isar 1stilllegen zu wollen. Vize-Kanzler Guido Westerwelle (FDP) bekräftigte die Wende: „Das Moratorium ist keine Vertagung. Das Moratorium ändert die Dinge“, sagte er. Auf jeden Fall müsse der Ausstieg aus der Atomenergie in Richtung erneuerbarer Energien beschleunigt werden. Die Kanzlerin ergänzte später, auf eine Rückkehr zum rot-grünen Atomausstieg werde dies nicht hinauslaufen, dieses Konzept sei „nicht ehrlich“. Es werde aber auf der Suche nach einem neuen Konzept „absolut keine Tabus“ geben.

Am Montagabend demonstrierten Tausende Menschen in Deutschland mit Mahnwachen gegen die Atomenergie. Die Organisation „ausgestrahlt“ sprach von rund 110 000 Teilnehmern. Noch nie hätten so kurzfristige Aktionen gegen Atomkraft so viele Teilnehmer gehabt, erklärte ihr Sprecher Jochen Stay. Die SPD fordert eine Rückkehr zum rot-grünen Ausstiegsgesetz. Das Moratorium sei ein Trick, der „leicht zu durchschauen“ sei, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Damit wolle Schwarz- Gelb sich über die anstehenden Landtagswahlen retten. Die SPD werde das alte Ausstiegsgesetz im Bundestag erneut zur Abstimmung stellen.

Das Land Nordrhein-Westfalen will am Freitag einen Entschließungsantrag in den Bundesrat einbringen, der zur Rücknahme der Laufzeitverlängerung und zur Abschaltung von alten Meilern führen soll. Ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Umweltministerium sagte, die Lage der japanischen Atomkraftwerke nach dem Erdbeben zeige, dass die Technologie weder beherrschbar noch im Krisenfall kontrollierbar sei. Damit sei ein Hauptargument der Atomwirtschaft widerlegt.

Die EU-Kommission will die Sicherheitslage der europäischen Kernkraftwerke schnell auf höchster Ebene klären. Für Dienstag lud Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) dazu die Energieminister der Mitgliedstaaten zu einem Treffen ein. Bereits zuvor war bekannt, dass Vertreter der nationalen Aufsichtsbehörden und aus der Energiebranche nach Brüssel kommen sollten.

Die japanische Zentralbank pumpt derweil Milliardensummen in das heimische Bankensystem, um die Folgen der Katstrophe zu mildern. Um den hohen Bedarf an flüssigen Mitteln zu decken, griff die Notenbank mit der Rekordsumme von 15 Billionen Yen ein. Umgerechnet sind das rund 130 Milliarden Euro. Nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo stellten die Währungshüter damit so viel kurzfristige Mittel bereit wie noch nie an einem Tag.

Eine Panik an den wichtigsten europäischen Börsen sowie einigen Schlüsselmärkten in Asien blieb am Montag aus. Zwischenzeitlich schafften einige europäische Indizes sogar den Sprung ins Plus, rutschten dann aber wieder moderat ins Minus. Der Nikkei-225-Index erlebte in Tokio zwar den größten Kursrutsch seit Oktober 2008, die Börsen in China, Hongkong und Südkorea legten derweil aber zu.  In Europa verbuchte der deutsche Aktienindex Dax unter den führenden Indizes die größten Verluste. An der Börse in Tokio verloren die Aktien zusammen mehr als 200 Milliarden Euro an Wert. Auch in der Industrie sind die Folgen immens: Der weltgrößte Autobauer Toyota stoppte die Bänder vorübergehend, auch beim Elektronikriesen Sony geht nichts mehr. Wichtige Häfen der Exportnation Japan wurden von dem Tsunami zerstört, ihr Wiederaufbau dürfte Monate dauern. mit rtr/dpa/AFP

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