Zeitung Heute : Gauck: Meine Wahl wäre nicht Merkels Ende

Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen will der Kanzlerin nicht schaden – kritisiert sie aber / Wulff fordert mehr Ehrlichkeit

Stephan Haselberger

Berlin - Der Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen, Joachim Gauck, hat sich bestürzt darüber gezeigt, dass seine Bewerbung um das höchste Staatsamt als Angriff auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wahrgenommen wird. „Das ist für mich schrecklich“, sagte Gauck dem Tagesspiegel am Sonntag. Der Gedanke, dass sein Erfolg in der Bundesversammlung das Ende von Merkels Kanzlerschaft bedeuten könne, habe ihm „zu schaffen gemacht“. Da Merkel aber zu jenen Politikern gehöre, die auch in Krisen neue Möglichkeiten erkennen würden, sei er sicher: „Die Wahl des Bundespräsidenten Joachim Gauck wäre keineswegs automatisch das Ende der Ära Merkel.“

Angesichts vieler Sympathiebekundungen für den parteilosen Gauck insbesondere aus den Reihen der FDP wird in der schwarz-gelben Koalition über Folgen einer Niederlage des eigenen Kandidaten Christian Wulff (CDU) spekuliert. Sollten FDP und Union keine Mehrheit für Wulff aufbieten können, wäre ein Rücktritt Merkels kaum noch zu verhindern, hieß es. Ein Scheitern Wulffs gilt in der Koalition aber nach wie vor als unwahrscheinlich. Gauck versicherte, es sei nicht seine Absicht gewesen, der Bundeskanzlerin zu schaden: „Ich habe ihren Weg an die Spitze der Macht mit hoher Anerkennung und Freude verfolgt.“

Zu den positiven Reaktionen auf seine Kandidatur sagte der frühere Pfarrer, die Menschen sehnten sich nach „unbeschädigten Institutionen“ und wollten ihren Politikern wieder trauen können. „An meiner Person macht sich vieles an Projektionen fest“, meinte Gauck.

Auch Koalitionskandidat Wulff sprach sich für mehr Ehrlichkeit von Politikern aus. Er sei davon überzeugt, dass die Wahrheit den Menschen zumutbar sei. „Sie sehnen sich danach, reinen Wein eingeschenkt zu bekommen. Und sie sehnen sich auch nach Orientierung, danach, dass Politiker ihre Entscheidungen gut begründen und sie dann auch durchsetzen“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident dem Magazin „Focus“. In der Politik seien nicht nur Inhalte wichtig, sondern auch die Form. „Da sehe ich einen bedrohlichen Verlust der politischen Kultur.“

Gauck, der sich selbst einmal einen „linken, liberalen Konservativen“ genannt hatte, nahm auch zur Debatte um das Sparpaket der Bundesregierung Stellung. Er wolle keine „Zensuren“ an die schwarz- gelbe Bundesregierung verteilen, scheue sich aber nicht davor, Stellung zu beziehen. Die Regierung müsse „zwingend darauf achten, dass sie jene nicht aus der Verantwortung entlässt, für die ein Sparbeitrag nur zu einer maßvollen Einschränkung ihres Lebens führen würde“, meinte Gauck. Bürger mit höherem Einkommen seien „überwiegend sogar bereit, Lasten zu schultern“.

In der Bundesversammlung wäre Gauck im dritten Wahlgang auf Stimmen der Linken angewiesen. Auf die Frage, ob er dieser Partei ein Angebot unterbreiten werde, sagte der frühere Leiter der Stasi- Aktenbehörde: „Das Angebot ist Gauck.“ Er stehe unverändert für eine „bürgerrechtliche Haltung“.

FDP-Generalsekretär Christian Lindner bemühte sich unterdessen, die Debatte um Gauck in seiner Partei herunterzuspielen. FDP-Landespolitiker hatten eine Wahl Wulffs von politischen Zugeständnissen Merkels in der Berliner Koalition abhängig gemacht. Dass einzelne FDP-Politiker weiter Sympathie für Gauck zeigten, sei eine demokratische Selbstverständlichkeit, sagte Lindner im Deutschlandradio. In der Bundestagsfraktion und im Präsidium gebe es ein einheitliches Votum für Wulff. Die FDP in Sachsen und Thüringen hat ihren Wahlleuten die Entscheidung in der Bundesversammlung am 30. Juni freigestellt. Der Bremer FDP-Landeschef Oliver Möllenstädt kündigte an, für Gauck zu stimmen.

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