Zeitung Heute : Geb. 1907

Der Tagesspiegel

Stets war er der erste Berliner, dessen Tomaten reif waren. Da sind sich die Jesuiten ganz sicher.

Wer früh am Morgen von Kladow aus in Richtung Pfaueninsel blickte, dem bot sich ein ungewöhnliches Bild. Mit knallroter Bademütze, einen ebenso roten Kinderschwimmreifen hinter sich herziehend, schwamm dort ein Mann. Bernhard Hesse liebte diesen nicht ganz ungefährlichen Frühsport. Auch mit fast 90 Jahren hielten ihn weder Kälte noch die Schiffe davon ab, hier seine Bahnen zu ziehen. „Mich haben sie heute wieder verhupt“, erzählte er seinen Mitbrüdern, den Jesuiten im Peter-Faber-Kolleg, wenn er mal wieder einem Schiff in die Quere gekommen war. Dass er am nächsten Tag wieder in der Fahrrinne schwimmen würde, verstand sich von selbst.

Der 1907 als Sohn des Landwirts und Ortsvorstehers von Altpatschkau in Schlesien geborene Mann, ließ sich selten von etwas abhalten, was er als richtig erkannt hatte. Bernhard Hesse war entschlossen und oft auch mutig genug, Dinge nicht nur zu erträumen, sondern sie zu tun.

Er besuchte die Volks- und die Landwirtschaftsschule, machte mit 22 Jahren den Führerschein – das war damals, als noch kaum jemand ein Auto besaß, sehr früh. 1930 gab er eine Anzeige in der Neißischen Zeitung auf: Er suchte einen jungen Mann, der mit ihm gemeinsam eine längere Radtour machen wollte. Einige meldeten sich, mit einem fuhr Bernhard Hesse am 2. April 1930 los. Über 4000 Kilometer radelten sie über Sachsen und Bayern bis nach Österreich, weiter ging es über die Schweiz und dann wieder nordwärts, an der Westgrenze Deutschlands entlang nach Schleswig-Holstein. Von dort führte der Weg über Berlin zurück nach Schlesien.

Am 20. Juni kam Hesse wieder in Altpatschkau an. Erschöpft, glücklich, aber auch um ein paar weniger angenehme Erfahrungen reicher: Die rechten Gruppierungen, so hatte er erfahren, hatten großen Zulauf. Kurz nach der Rückkehr trat Bernhard Hesse in die katholische Kolpingjugend ein. Damit, so schrieb er es selbst später in seinen Erinnerungen, habe er Position beziehen wollen gegen die radikalen Rechten. Bei einer der Versammlungen der Kolpingjugend stand ein Kaufmannsgeselle neben ihm. Die beiden unterhielten sich, in welche Richtung ihr Leben gehen solle. Als der Geselle ihm erzählte, er werde ins Kloster gehen, habe er kurz innegehalten, schreibt Hesse. Dann habe er geantwortet: Ich auch.

1932 trat Bernhard Hesse in den Jesuitenorden im niederschlesischen Mittelsteine ein. Aber weder Priester noch Seelsorger wollte er werden, obwohl er dazu gewiss geeignet gewesen wäre. Bruder Hesse, wie er von nun an genannt wurde, blieb der Landwirtschaft treu. Man bildete ihn zum Gärtner aus, und er wurde ein Gärtner mit ganz eigenen Prinzipien. Von Englischem Rasen und am Reißbrett entworfenen Gartenanlagen hielt Bernhard Hesse nicht viel. „Bei ihm“, sagt sein Ordensbruder Pater Karl Heinz Fischer, „durfte alles mögliche wachsen, wo es wollte.“

Improvisation und unkonventionelle Methoden waren Bernhard Hesses Stärken. So zögerte er auch nicht, als der Orden ihn Ende der vierziger Jahre damit betraute, das 100 Hektar große jesuitische Gut Mittelsteine zu bewirtschaften.

Als die Russische Armee vorrückte, flohen die Ordensleute, noch 1945 kehrte Bernhard Hesse als erster zurück. Das Gut war geplündert und heruntergekommen, Bruder Hesse fand nur noch ein lahmes Pferd vor und sechs magere Kühe, zuvor gab es hier 80 wohlernährte. Hesse machte sich daran, den Landwirtschaftsbetrieb wieder aufzubauen. Der alte Holzgastraktor wurde wieder instand gesetzt, und auf 10 Hektar wurden Weizen und Roggen eingesät und geerntet. Die Versorgung der Ordensleute war bald gesichert. „Bruder Hesse war es zu verdanken, dass keiner der Novizen in der Region hungern musste“, sagt Pater Fischer.

Am 1. März 1946 schließlich wurden die Jesuiten endgültig vom Gut vertrieben. Per Güterzug ging es nach Westen bis nach Rheine an die holländische Grenze. In den folgenden Jahren wechselte Hesse häufig die Orte. Er arbeitete in Ordenshäusern in Hoheneiche, in Bingen am Rhein und schließlich in Berlin. Seit 1960 betreute er Haus und Garten des Canisius-Kollegs in Tiergarten. Als 1974 das Peter-Faber-Kolleg, Seminar- und Ruhesitz der Jesuiten, in Kladow aufgebaut wurde, versetzte man ihn dorthin. Für die großen Felder, die Obstbäume und das Gewächshaus suchten die Brüder einen Mann mit Sachverstand.

Besonders stolz war Bruder Hesse auf seine Tomaten. „Er war immer der Erste in Berlin, bei dem sie reif waren“, sagt Pater Fischer. „Dazu hatte er sich ein spezielles Bewässerungssystem ausgedacht. Neben jede Tomatenstaude, jedes Paprikapflänzchen grub er ein Loch, in dem sich ein Wasserbehälter befand. Durch einen Baumwollfaden lief das Wasser dann in die Erde.“

Tomaten werden auch in Zukunft in Kladow geerntet. Wer aber am Ufer steht und zur Pfaueninsel hinübersieht, wird vergebens auf das Auftauchen der leuchtend roten Bademütze warten. Ursula Engel

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