Zeitung Heute : Geb. 1910

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Ruth Klein Im „Alcazar“ tanzten die Mädchen nackt. Nur sie nicht. Sie hatte das nicht nötig, sie tanzte Spitze.

Die Kommunisten und die Nazis haben das Motto der Weltausstellung 1937 missverstanden, „Die Künste und die Technik im modernen Leben" hieß es. Sie stellten gigantische Steinkolosse auf das Pariser Gelände. Auf dem russischen Pavillon schwangen zwei Werktätige Hammer und Sichel, auf dem deutschen hockte ein Adler starr auf dem Hakenkreuz.

Ruth Klein interessierte sich nicht für die politischen Signale. Sie war Tänzerin, ihr Problem war der Platz. Auf einem Flecken von zwei mal zwei Metern musste sie das Ausstellungsthema betanzen, so wie es die Franzosen verstanden. Die hatten einen Glaspavillon aufgebaut, in dem stand eine Kamera, vor dieser Kamera trippelte Ruth Klein auf Zehenspitzen, und draußen konnten die Besucher sich das zwei Mal angucken: ein Mal bunt durchs Glas und ein Mal schwarz-weiß auf dem Bildschirm. Auf dem Boden unter Ruth Kleins Füßen waren die Grenzen mit Nägeln markiert. Sie war eine disziplinierte Tä nzerin und blieb stets im Quadrat. Sie bewegte, sich so expressiv es eben ging - und doch nie aus dem Blickwinkel der Kameras hinaus.

Ruth Klein ist in Berlin aufgewachsen, das Tanzen hat sie bei einer strengen Russin gelernt, ganz in der Nä he vom Nollendorfplatz. Unten im Haus war eine wilde Bar, darüber, im Hochparterre standen die Mädchen an der Ballettstange und befolgten die Rufe der Lehrerin: Bauch einziehen! Gesäß anspannen! Auswärts, die Beine!

Ruth Klein konnte gehorchen, und sie war talentiert. Außerdem war sie schön und blond und schlank. So hatte sie Erfolg, als sie bei der Konkurrenz anfragte, ob sie hier weitertanzen könne. Das war das Gsovsky-Ensemble, eine Balletttruppe, die durch die Welt zog, in großen Sälen auftrat und in guten Hotels wohnte. An Nizza zum Beispiel erinnerte sich Ruth Klein später gerne, ans Hotel Rhule, in dem auch der ägyptische König Faruk wohnte. Zu Mittag saßen die Tänzerinnen im großen Speisesaal, ließen sich von einer Unzahl Kellnern bedienen und guckten durch die geöffneten Flügeltüren aufs Meer hinaus. Nachmittags, zum Tee tanzten sie, und am Abend lauschten sie dem Pianisten oder der Band, ganz wie die anderen Gäste, die reichen und wichtigen.

Männer? Der Manager passte auf, dass seine schönen Tänzerinnen nirgends ein Verhältnis begannen - er hätte das als Verrat betrachtet, und, da war sich Ruth Klein sicher, er hätte jede verliebte Verräterin sofort gefeuert. Ihr machte das aber nichts aus, sie interessierte sich nicht so sehr für die Liebelei. Jedenfalls hat sie das später so erzählt.

1934 übernahm Tatjana Gsovsky das Tänzerinnen-Ensemble. Das war die Ehefrau des Gründers Victor Gsovsky. Der war schwul, sie eifersüchtig, sie denunzierte ihn bei den Nazis, er blieb im Ausland. Ruth Klein kam nicht gut aus mit der neuen Chefin - und verließ die Gruppe in Paris. Von nun an war sie Solo-Tänzerin und tingelte allein durch die mondänen bürgerlichen Orte Westeuropas. Sie trat auch im Pariser „Alcazar“ auf, in dem die Mädchen nackt tanzten – außer ihr. Sie tanzte Spitze, und hielt den Rock so hoch, dass man die Beine sehen konnte, mehr nicht. Das ging ein Vierteljahr lang gut, dann kam der Varieté-Chef hinter die Bühne, riss ihr die Sachen vom Leib und brüllte:„So will ich Sie zum Schluss haben!“

Ruth Klein hatte das nicht nötig, sie bekam auch anderswo ihre Engagements, zum Beispiel auf der Weltausstellung. Sie wusste, was sie konnte:Wenn sie auf der Bühne erschien und den Kopf nur ein ganz klein wenig bewegte, dann mussten die Leute klatschen. Taten sie’s nicht, dachte Ruth Klein:Heute läuft’s nicht, egal, morgen wieder. Und sie beachtete immer die goldene Regel des Gsovsky-Managers:Bloß nicht zu lang die Tänze! Die Leute müssen hinterher sagen:Schade, dass es zu Ende ist. Dann klatschen sie gut.

Marseille 1939. Endlich, ein Mann. André sieht gut aus, er macht ihr den Hof, er ist Architekt und sagt:„Du bekommst jedes Jahr eine neue Wohnung. “ Das Glück ist kurz, der Krieg bricht aus. Nach sechs Monaten wird Ruth, die Deutsche, verhaftet. Internierungslager, Ausweisung, an der Grenze die Frage eines deutschen Beamten, warum sie nicht freiwillig in ihre Heimat gekommen sei. „ Ich wollte heiraten.“ Da brüllt sie der Sachse an, was ihr denn einfalle, als deutsche Frau einen Franzosen.

Von nun an erfüllt Ruth Klein ihre deutsche Pflicht, tanzt vor Frontsoldaten und näht Babywäsche. 1946 fragt ein Verehrer sie zum dritten Mal, ob sie ihn heirate, da sagt sie Ja. Nach zehn Jahren wirft sie ihn hinaus, lebt sechs Jahre allein, gibt eine Annonce auf, findet endlich den Richtigen. „Eines wünsche ich“, sagt der eines Tages, „wenn ich nach Hause komme, bist du auch hier.“ Sie sieht das ein und ist glücklich mit ihm.

Und Ruth Klein führt auch eine Ballettschule. Streng ist sie, denn sie weiß, dass Tänzer diszipliniert sein müssen. „ Herrschaften, also bitte Ruhe jetzt, wir müssen lernen. Glaubt ihr, ich stehe hier nur zum Spaß?“ David Ensikat

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