Zeitung Heute : Geb. 1915

Der Tagesspiegel

Der Jesuitenpater verehrte die Heiligen. Seinem Glauben verlieh diese Liebe etwas Kindliches.

Waschen, anziehen, beten. Morgens um 5.30 Uhr war die Nacht für Anton Zug vorbei. Seit er 1936 im schlesischen Oppeln in den Jesuitenorden eingetreten war, hatte der innere Alltag feste Strukturen. Nach außen war das Leben des Paters unscheinbar. Schon als Novize lernte er, dass es manchmal zu seinem Beruf gehörte, im Hintergrund zu leben. Während seines Theologie- und Philosophiestudiums in Pullach bei München wurde er zum Militärdienst eingezogen. Wie die meisten Jesuiten hielt man ihn 1942 für „wehrunwürdig“ und stieß ihn aus der Wehrmacht aus. Anton Zug setzte seine Studien – immer wieder von Kriegsereignissen unterbrochen – fort. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs – Augsburg und andere Orte in Bayern waren aber bereits von amerikanischen Truppen besetzt – wurde Anton Zug zum Priester geweiht.

Nach Kriegsende kam Anton Zug nach Rostock. Bis 1966 arbeitete er hier als Studentenseelsorger. In Erfurt kümmerte er sich um die Kandidaten und Novizen des Ordens, er hielt Exerzitien in Hoheneichen und verbrachte etliche Jahre als Regionalsuperintendent der Jesuiten in Leipzig. 1994 wurde er als Hausgeistlicher ins Mutterhaus der Katharinerinnen nach Dahlem versetzt.

Der inzwischen fast 80-jährige Pater soll hier seinen Ruhestand verbringen. Sein Aufgabengebiet ist klein geworden. Allmorgendlich um 7 Uhr feiert er nun mit den Katharinerinnen die heilige Messe. In seinem Zimmer tippt er auf der mitgebrachten Schreibmaschine detaillierte Monatspläne für die Gottesdienste. Die Feiertage, vor allem aber auch die Namenstage der Heiligen spielen darin eine große Rolle. „Er hat die Heiligen sehr verehrt“, sagt Schwester Cäcilia. Diese Liebe verlieh seinem Glauben manchmal etwas Kindliches. Wenn er sich den Gesang aussuchen konnte, wählte er mit Vorliebe den alten – heute im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ nicht mehr abgedruckten – Liedtext von „Maria zu Lieben“. Darin finden sich reichlich Heilige wieder. „Pater Zug hatte auch im Alter noch eine schöne, tiefe Stimme. Er sang gut und mit Freude“, sagt die Schwester. Die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in 40 Jahren DDR haben Anton Zug nicht hart gemacht. Im Gegenteil: Weich, beinahe kindlich sind die Gesichtszüge des 80-Jährigen auf einem Farbfoto, das bei einer kleinen Feier der Katharinerinnen aufgenommen wurde. Dass der Jesuitenpater ausgeglichen, bescheiden und freundlich gewesen sein soll, glaubt man sofort. Mit geröteten Wangen und ein wenig spitzbübisch blickt der Pater in die Kamera. Hin und wieder machte er einen Scherz und versuchte die Schwestern hochzunehmen. Eine von ihnen, die in der Sakristei half, erinnert sich daran, wie er eines Morgens zu ihr sagte: „Heute nehmen wir nicht das lila Gewand.“ Sie habe erschrocken reagiert, erzählt sie, schließlich wäre aus liturgischen Gründen kein anderes in Frage gekommen. Schlitzohrig hätte Pater Zug sie dann angesehen und gesagt. „Heute nehme ich das Violette.“

Pater Zug strahlte etwas Gleichmütiges aus. Leidenschaftliche oder gar extreme Äußerungen waren von ihm nicht zuhören. Über seine Gefühle, sein eigenes Leben, hat er nur gesprochen, wenn er danach gefragt wurde. Auch dann waren seine Antworten verhalten, zögerlich. Ob seine Verschwiegenheit ein Charakterzug war? „Kann sein“, sagt Schwester Cäcilia, „Aber vielleicht hat er sich das Schweigen in den vielen Jahren des Paterseins in der DDR als eine Art von Schutz angewöhnt.“

Bis zu seinem Tod wohnte er im Mutterhaus der Katharinerinnen im Bachstelzenweg. Hier – mit Blick auf die Kapelle und den großen parkähnlichen Garten fühlte er sich wohl. Unter den alten Laub- und Nadelbäumen drehte Anton Zug, solange es seine Gesundheit zuließ, seine Runden. „Er versuchte sich immer noch nützlich zu machen“, sagt Schwester Cäcilia. „Wenn er durch den Garten ging, bückte er sich hin und wieder, sammelte Äste auf oder zupfte Gras aus den Zwischenräumen der Bodenplatten.“

Sein Radius wurde immer enger. Das Herz machte ihm zu schaffen, die Ausflüge in den Garten wurden seltener. Vor knapp einem Jahr stellte man starke Diabetes bei ihm fest. Die Krankheit nahm einen dramatischen Verlauf. Schließlich musste ihm ein Unterschenkel amputiert werden. Mit seinem Tod hat dennoch keiner gerechnet. Er selbst scheint darum gewusst zu haben. Kurz bevor er starb, sagte er einer Ordensschwester, die ihn im Krankenhaus besuchte: „Ich denke nicht an die Zukunft. Ich denke an die Gegenwart.“ Ursula Engel

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar