Zeitung Heute : Geb. 1920

Der Tagesspiegel

Es gab mal eine Zeit, in der durfte alles aus Fell sein. Auch Pullover und Krawatten. Eine schöne Zeit für Kürschner.

Die Lehnhardts hatten ein Pelzgeschäft in Halensee. Es lag ein wenig abseits, ein paar Fußminuten entfernt vom Kurfürstendamm. Dort warb nur eine goldumrahmte Vitrine für den Kürschnermeister in der Westfälischen Straße Nummer 45. Jeden Abend ging Else Lehnhardt zu dem beleuchteten Ausstellungskasten, nahm den Nerzmantel oder den Persianer heraus, legte ihn sorgfältig über den Arm und brachte ihn zurück ins Geschäft.

Else Lehnhardt kannte sich aus mit Kostbarkeiten. Während des Krieges, als junge, unverheiratete Frau, hatte sie erst Säuglingsschwester, dann Schmuckverkäuferin gelernt. Ja, das konnte man. Die Berliner kauften auch während der Bombardierung ihrer Stadt Goldringe und Smaragd-Colliers.

Und sie kauften Pelze bei Lehnhardt auf dem Kurfürstendamm, dem gut aussehenden Kürschnermeister in den besten Jahren. Bis der Laden 1945 ausgebombt wurde. Hans Lehnhardt musste sich im Nachkriegsberlin ein neues Geschäft suchen – und fand zunächst eine Frau. Sie war 13 Jahre jünger als er und saß im Nachbargarten in Rahnsdorf. „Guck mal, wie hübsch sie lächelt und wie geschickt sie strickt“, sagte die gut meinende Schwester dem viel beschäftigten Lehnhardt. Er schaute hinüber und sah, dass Elses Hände nie still standen. Als jemand, der jeden Tag Felle zuschneidet, sie auf große Platten spannt und mit Wasser geschmeidig macht, gefiel ihm so ein Mädchen. Er führte sie aus zum Kürschnerball, sie trug ein schönes Collier zum schulterfreien Kleid. 1946 eröffneten sie gemeinsam den Laden in der Westfälischen Straße und heirateten, 1947 kam der Sohn zur Welt, 1949 die Tochter.

Mit einem Pelzladen konnte man in der hungrigen Nachkriegszeit nicht auf einen Schlag reich werden. Doch die Kunden kamen. Wer das Geld hatte, trug seinen Nerz ohne schlechtes Gewissen gegenüber denen, die froren. Und Tierschützer mit Spraydosen voll ätzender Farbe gab es noch lange nicht. Dann kamen bald die fetteren Jahre. Für die Lehnhardts bedeutete das im Winter Arbeit bis nachts um zwei, er hinten in der Werkstatt, sie vorn im Laden. Die Kundinnen brachten oft eine Schachtel Pralinen und viel Zeit zum Plaudern mit. Einen neuen Persianer kaufte man auch in den Hochzeiten der Pelzmode nicht zwischendurch. Man machte es sich in den Sesseln bequem, genoss die ruhige Eleganz des Geschäfts mit den historischen Stichen und orientalischen Teppichen an der Wand. Else Lehnhardt flitzte in den großen Keller und holte immer neue Felle nach oben, die die Kundin vor dem großen Standspiegel genussvoll und kritisch an den Körper hielt. Dann wurde angefertigt, nach Maß und Modellschnitt.

Brigitte Mira und Christine Kaufmann gehörten zu ihren Kundinnen. Else Lehnhardt entwarf die Hutkollektion. Eine Zeitlang durfte einfach alles aus Fell sein, sogar Pullover und Krawatten. Nicht zu vergessen der legendäre Muff vor dem Bauch. Gute Zeiten für Kürschner. In den besten hatten die Lehnhardts 13 Angestellte. Natürlich trug auch die Chefin viel Pelz.

Privat lebten sie eher bescheiden: keine Villa im Grunewald – eine Etagenwohnung am Rathenau-Platz. Vorne rauschte der Verkehr, hinten war es ruhig und grün, und durch die Bäume schimmerte der Halensee. In den Ferien fuhren sie mit dem Käfer an die Ostsee, als andere das noch nicht konnten, erinnert sich die Tochter. Bescheidener Wohlstand.

1975, nach fast dreißig Jahren, hatten die Lehnhardts genug Pelze genäht und verkauft. Sie wollten sich einen Traum erfüllen, ein Leben in der Natur, raus aus der Insel West-Berlin. Sie fuhren ein Jahr mit dem Auto herum und entdeckten Jerstedt, einen Ort bei Goslar im Harz. Sie ließen dort ein Haus bauen und verkauften den Pelzladen. Zwei Jahre später starb Hans Lehnhardt.

Else Lehnhardt blieb dennoch im Harz, arbeitete im Garten, beschäftigte sich und ihre Hände, wie sie es ihr Leben lang getan hatte. Die Wohnung der Tochter ist voll mit selbstgenähten Kissen, geknüpften Bildern und weißen Plüschteddys mit krummen Ohren. Else Lehnhardt kümmerte sich um ihre Enkel und später die Urenkel, hatte das Haus immer voller Familienbesuch. Umgekehrt jedoch, nach ein paar Tagen in Berlin, fehlten ihr die Tannen und die Vögel, obwohl sie im Harz 25 Jahre lang eine Zugereiste blieb.

Zu Weihnachten hat ihre Familie sie zum letzten Mal nach Berlin geholt. Nach dem Kaffeetrinken am vierten Advent musste sie ins Krankenhaus. Sie reiste nicht wieder nach Jerstedt zurück. Kirsten Wenzel

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