Zeitung Heute : Geb. 1926

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Hans-Georg Kirchner Wie wird man Futurologe?Zunächst einmal geht es um die Entscheidung, überhaupt eine Zukunft haben zu wollen. Die traf er am 20. April 1945. Statt in den Kampf führte er seine Leute in die amerikanische Gefangenschaft.

Menschen wie Hans-Georg Kirchner nennt man Futurologen. Futurologen sind bemerkenswerte Mitbürger, weil sie meist mit einer Zeit beschäftigt sind, die sie selbst gar nicht mehr erleben werden. Sie durchbrechen gewissermaßen das Naturprinzip des Egoismus wie der Diskretion, die darin besteht, sich nur für seine eigenen Angelegenheiten zu interessieren. Darum sind so wenig Futurologen unter uns. Darum können Nicht-Futurologen die Futurologen oft nur schwer verstehen.

Aber wann fing das an? Vielleicht, als der Junge Hans-Georg 1932 mit seinen Eltern zur Wahl ging. Dreißig Parteien! – Wie findet man unter dreißig Parteien die heraus, die als Einzige den richtigen Weg weiß?, fragte der Sohn seinen Vater.

Kongeniale Futurologen-Frage. Kein Erwachsener, kein Normal-Gegenwartsmensch würde sowas wissen wollen.

Das ist das erste Merkmal des Zukunftsforschers: diese tiefe Skepsis gegenüber der Welt, wie sie ist.

Und dann plötzlich gab es statt dreißig nur noch eine einzige Partei.

Hans-Georg Kirchner fand das übertrieben. Dass dreißig zu viel waren, hatte ja auch er gesehen, aber eine? Der Schüler erfuhr, dass er im bedeutendsten Land der Welt lebte und dem bedeutendsten Volk der Welt angehörte. Jungen in einem gewissen Alter sind nicht ganz und gar unempfänglich für solche Nachrichten. Er wohnte in der Königstraße, genau gegenüber dem Roten Rathaus. Und wirklich, Menschen aus aller Welt zogen plötzlich unter Hans-Georg Kirchners Fenster vorbei, auch wenn sie nicht zu ihm aufsahen, sondern zum Roten Rathaus. Da war Olympiade in Berlin. Jeden Tag ging der Junge Unter den Linden entlang zur Schule, oft in einem Flaggen- und Fahnenmeer. Ein bemerkenswerter Schulweg, fand Hans-Georg. Nur eins verstand der zukünftige Futurologe nicht. Warum hatte das wichtigste Volk der Erde im wichtigsten Land der Erde, das solche Schulwege anlegt, Angst vor seinem Vater? Denn das meiste, was sein Vater, der Arzt, ihm nun sagte, stellte er unter oberste Geheimhaltungsstufe. Und niemandem durfte er erzählen, dass sie zu Hause den englischen Rundfunk hörten.

Als die Lehrer erklärten, dass sie, die 16- und 17-Jährigen, für das Vaterland nun den Krieg gewinnen müssten, hielt Hans-Georg das für ausgesprochen leichtsinnig vom größten und mächtigsten Land der Erde. Den Sieg den Abiturienten überlassen! Ein Spezialfall der Futurologie ist die Entscheidung dafür, überhaupt eine Zukunft haben zu wollen. Manchmal muss man sie sehr früh im Leben treffen. Am 20. April 1945 befahl der Unterführer Hans-Georg Kirchner seiner Einheit, das Sturmgewehr im Anschlag, alle Waffen einzusammeln und am Stadtrand des kleinen Ortes Wienrode abzulegen. Statt in den Kampf führte ein 19-Jähriger seine Leute am Geburtstag des Führers in amerikanische Gefangenschaft. Manche haben sich später dafür bei ihm bedankt.

Die meisten seiner Schulkameraden starben im Krieg. Viele andere in Kriegsgefangenschaft. Hans-Georg Kirchner erkannte, dass Wirklichkeit zumeist nichts anderes als eine gefährliche Illusion ist. Jetzt würde er vorsichtig sein.

Jetzt würde er erst genau prüfen, auf welches Gesellschaftsmodell er sich einlässt. Waren dreißig Parteien besser als eine? Berlin war ein idealer Ort fü r solche Studien. Zuerst, beschloss Hans-Georg Kirchner, teste ich die Amerikaner! Kirchner schloss sich einem amerikanischen Jugendklub an; Militärs und Zivilisten erklärten ihm den „american way of live“, die Marktwirtschaft, und warum viele Parteien besser sind als eine. Sogar zur Wahl Ernst Reuters zum Oberbürgermeister lud man ihn ein. Die Amerikaner gefielen ihm nicht übel, trotzdem holte er den damaligen Ost-Berliner FDJ-Vorsitzenden an seine Schule nach Steglitz. Dass dieser FDJ-Vorsitzende von der Wehrmacht zu den Russen übergelaufen war, beeindruckte ihn.

Aber wem sollte er nun glauben? Hans-Georg Kirchner begriff: Ohne Vergangenheit keine Zukunft! Erst musste er herausfinden, was alle vergangenen Jahrhunderte gedacht haben, um zu entscheiden, was er selbst nun denken sollte. Er studierte Philosophie Unter den Linden, schon weil er noch den Osten überprüfen musste. Marx und Engels schienen ihm überlegenswert. Und war der Sozialismus nicht das, wonach er suchte? Aber warum mit nur einer einzigen Partei? Schwer zu sagen, wann Hans-Georg Kirchner merkte, dass er sich die Zukunft doch anders vorstellte als die einzige Partei des Sozialismus. Und die Gegenwart erst! Vielleicht war es, als die Abteilung Wissenschaft beim ZK der SED höchstselbst seine Dissertation begutachtete – und ablehnte. Kirchner hatte über eine Konkurrenz-Dialektik zu Marx geschrieben. Mag sein, das ZK mochte keine Konkurrenz- Dialektiken zu Marx. Oder war es, weil er nie an das Grab seiner Mutter in West-Berlin konnte? Manche sagen, Futurologen sind vorwärts gewandte Archivare. Aber vielleicht sind Futurologen auch nur solche, die sich einfach für keine Partei der Gegenwart entscheiden können. Rudolf Bahro und Albert Schweitzer nahm er sich zu Zeugen. Der Futurologe im Wartestand hatte bei einer Zeitschrift seine akademische Nische gefunden. Er las den ganzen Tag, was in der DDR verboten war.

„ Giftschrank“-Literatur! Bücher über den Zusammenbruch des Sozialismus und professionelle Schwarzseher.

Die Wende war ein Glücksfall für Hans-Georg Kirchner. Zwar wurde er nun Rentner, aber er konnte endlich anfangen zu arbeiten. Futurologische Bücher und Traktate schreiben! Sie tragen Titel wie „Wege in die Zukunft. Ganzheitsbewusstsein – Voraussetzung globaler Lösungen“, „Die zehn Gebote des Wir“, „Über die Seele“ oder „Die Kunst des Überlebens im Wandel deutscher Herrschaftsformen und Ideologien". Man konnte plötzlich auch Vereine gründen, etwa ein „Institut für kosmologische Kultur". Und Rudolf Bahro war das 13. Mitglied.

Die Botschaft aber lautet: Die -Ismen kommen und gehen! Doch Albert Schweitzer und Rudolf Bahro sind nicht aufzuhalten! Die Menschen müssen in eine neue Mitte finden, wo sich Wissen und Glauben, Denken und Fühlen nicht mehr gegenü berstehen. Kerstin Decker

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