Zeitung Heute : Geb. 1931

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Eberhard Engelmann Er war ein Fahrtensegler, immer von A nach B und dann nach C, weiter nach D, nie im Dreieck wie auf der Regatta.

Es wurde nicht viel diskutiert, sagt der ältere Sohn. Der jüngere nickt. Der Vater leitete die Firma wie die Familie. Nicht autokratisch, sondern mit Umsicht und Verstand - so, dass niemand Anlass hatte, Widerspruch einzulegen. Wenn du den Führerschein hast, Junge, kannst du das Auto benutzen. Und wenn du den Segelschein hast, die Yacht. Klare Ansagen, an die man sich halten kann. Gerade heraus, so war Eberhard Engelmann. Ein Ziel setzen, es erreichen, und das nächste Ziel setzen. Engelmann war ein Fahrtensegler, immer von A nach B und dann nach C, weiter nach D, nie im Dreieck wie auf der Regatta. Die Astronavigation war sein seglerisches Spezialgebiet. Mit dem Sextanten konnte er jederzeit bestimmen, ob er noch auf Kurs lag. Engelmann wusste immer, wo er war. Nur zuletzt verlor er die Orientierung, und alle, die ihn kannten, waren schockiert.

Die Söhne sicherlich auch, aber über so was sprechen sie nicht gerne. Es sind gestandene Männer, Ingenieure wie der Vater, Segler wie der Vater. Sie erinnern sich an Jahreszahlen, an Orte, an Ereignisse. An Gefühle erinnern sie sich nicht. War der Vater liebevoll oder streng, zugewandt oder distanziert? Die Brüder schweigen. Dann sagt der ältere, mit diesen Begriffen ließe sich das Verhältnis nicht beschreiben. Der Vater sei selten dagewesen. Der jüngere nickt. Dass sie ihn oft vermisst hätten, sagen die Brüder nicht.

Eberhard Engelmanns Lebensweg verlief aufwärts. Langsam, immer einen Schritt vor den anderen, nie eine Stufe überspringend. Sein Aufstieg lässt sich in Bootsklassen ausdrücken: Erst wurde ein Paddelboot aus Holz angeschafft, dann ein Faltboot, danach ein kleines Segelboot, dann ein größeres Segelboot, zuletzt, 1974 der „Königskreuzer“, 10 Meter lang, fünf Schlafplätze plus Hundekoje, ein Dickschiff für die hohe See. Da war er schon vom Maurerlehrling zum leitenden Ingenieur der Baufirma Wayss & Freytag aufgestiegen, für die er Zeit seines Arbeitslebens unterwegs war. Engelmann war Gründungsexperte. Gebaut hat er vor allem U-Bahnen, Straßenbrücken und Klärwerke. Ein besonderer Coup gelang ihm Mitte der achtziger Jahre in Moskau. Seine Firma erhielt den Zuschlag für die Innenverkleidung des Kreml-Palastes.

Das Wochenende verbrachte Engelmann oft auf Baustellen. Die Söhne kamen mit und wurden beim Polier untergestellt. Im Urlaub ging die Familie segeln, eine Woche mit Vater, dann wieder eine Woche ohne ihn. Schweden und Dänemark waren beliebte Ziele, allerdings nicht ganz ungefährlich. Im Skagerrak stürmte es oft, und an der schwedischen Ostküste trieben sich die russischen U-Boote und Kampfflugzeuge herum. Einmal wäre eine MIG im Tiefflug fast in Engelmanns Boot gestürzt.

Früher, also vor der Wende, war es für die Berliner Segler ja schon schwierig, überhaupt zur Ostsee zu kommen. Entweder wurde ein Lkw gechartert und das Schiff über Land transportiert oder man hängte sich an einen DDR-Schleppkahn und ließ sich über Havel und Elbe bis nach Lauenburg ziehen. Ende der achtziger Jahre verhandelte Engelmann mit den DDR-Stellen, um die schnellere Route über die Oder.

Im Seglerverband, im Elternrat, in der Baukammer – Engelmann war gewohnt, bis zur Spitzenposition vorzustoßen. 1993 wurde er auch Vorsitzender des Berliner Seglerverbandes. Gerne hätte er noch die nächste Stufe genommen, wäre Präsident des Deutschen Seglerverbandes geworden, aber dies blieb ihm verwehrt. Als Berliner Segler sei man gegenüber den Kameraden von der Kü ste einfach Außenseiter, sagt der jüngere Sohn. Da gehe es um Proporz und Kungelei.

Dann kam der 13. August 2001, ein Montag. Eberhard Engelmann wollte sich morgens mit einem Segelkameraden treffen, um mit ihm zu einem 14-tägigen Segeltörn an die Ostsee aufzubrechen. Engelmann kam nicht, rief aber an. Er stehe am Funkturm und wisse nun nicht mehr weiter. Gerade Engelmann, der immer sicher durchs Leben navigiert war, der die Berliner Straßen kannte wie kein anderer. Der Segler irrte weiter durch Berlin, einen Tag und eine Nacht, bis ihn die Polizei nach mehreren Unfällen an seinem völlig lädierten Auto aufgriff.

Engelmann war krank, schon lange, Probleme mit der Leber. Er musste ständig Medikamente schlucken. Nur hatte er nie davon erzählt. Die Krankheit griff zuletzt auch das Gehirn an. Die Ärzte hätten ihm das Autofahren verbieten müssen, sagen die Brüder.

Engelmann war von nun an ein schwer kranker Mensch. Seine Ämter machte man zu Ehrenämtern, der Deutsche Seglerverband verlieh ihm eine goldene Ehrennadel. Ein goldener Sextant für die letzte Überfahrt wäre sinnvoller gewesen. Thomas Loy

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