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Der Tagesspiegel

Wie wird ein Mensch zum Kandidaten? Wer wird Politiker? Elitenforscher untersuchen das.

Elite. So wollen die Mächtigen in Deutschland lieber nicht genannt werden. Das klingt ziemlich anmaßend und so gar nicht volksnah. Mit Macht und Privilegien prahlt man in der demokratischen Mediengesellschaft nicht herum. Jedenfalls nicht in der deutschen. Selbst der Kanzler wohnt im Reihenhaus.

Das Wort Elite hatte nach dem dritten Reich in Deutschland einen so schlechten Beigeschmack, dass das Forschungsgebiet von Dietrich Herzog beinahe namenlos geblieben wäre. Dietrich Herzog war seit 1973 Professor für Politische Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität. Ihn beschäftigte die Frage, wie man in unserer Gesellschaft Politiker wird: Bundestagsabgeordneter, Minister, Bundeskanzler. Und warum manche es so viel leichter werden als andere. Männer zum Beispiel leichter als Frauen, Lehrer und Juristen leichter als Handwerker und Computerfachleute. Eine nicht unwichtige Frage. Denn dem Anspruch nach sollte in einer Demokratie doch jeder Bürger Zugang zu den politischen Ämtern haben. Dietrich Herzog war Eliteforscher.

Der kürzlich begonnene Wahlkampf schärft unseren Blick neu für die Frage, was jemand heutzutage mit sich anstellen muss, um im harten politischen Geschäft Fuß zu fassen. Natürlich, da sind die Wähler. Die wollen überzeugt, umworben, beschenkt und unterhalten werden. Dafür stehen die kleinen Politiker mit den Kugelschreibern in der Fußgängerzone, und die großen Politiker springen mit Fallschirmen aus Flugzeugen oder besuchen die schmucksten Betriebe, in denen gerade niemand entlassen wird.

Bevor aber der Politik-Aspirant tatsächlich zum Wähler darf, ist es ein weiter Weg. Manchmal ein sehr weiter. Denn vor den Wähler hat man, zumindest in Deutschland und fast nirgendwo so sehr wie hier, die Partei gesetzt. In der Partei, und zwar in ihren Ortsvereinen, wird entschieden, so steht es in den Büchern von Dietrich Herzog, wer mal Politiker werden darf und wer nicht. Erst in der Partei wird der Mensch zum Kandidat.

Während Max Weber in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ noch raunen konnte, wer Politik mache, der lasse sich „mit den diabolischen Mächten ein, die in jeder Gewaltsamkeit lauern“, wusste Dietrich Herzog nach eingehender Untersuchung der bundesdeutschen Wirklichkeit: Das Leben des aufstrebenden Politikers ist so aufregend nun auch wieder nicht. Es besteht zum großen Teil aus Reden, Warten und schlichtem Dabeisein.

„Die tatsächliche Macht der lokalen Parteieinheiten bedeutet auch, dass Bekanntheit im lokalen Bereich, Fähigkeit zum persönlichen Kontakt, häufige Anwesenheit u. ä. günstigere Voraussetzungen für einen Kandidaturbewerber sind, als etwa spezialisiertes Fachwissen oder dezidiert ideologisch-programmatische Ansichten.“

Da kann jemand noch so gut sein, sagt der Eliteforscher, ohne minimal 500 Sitzungen im Ortsverein stehen die Chancen schlecht, einen Wahlkreis oder Listenplatz zu ergattern: Ohne Ochsentour keine Kandidatur.

Keine Frage, für so ein Leben muss man gemacht sein. Der Brotberuf muss so gewählt sein, dass genügend Freiheit bleibt, um für die Politik zu leben, bevor man irgendwann einmal von der Politik leben kann. Keine Frage, dass solche Politikerleben nach erforschbaren Karrieremustern verlaufen - und dass diese Karrieren die Politikermenschen formen.

Dietrich Herzog hat sich diese Prozesse sehr interessiert angeschaut. Seine Erkenntnisse waren durchaus praxistauglich, seine Beschreibungen der Funktionsweisen der Parteiendemokratie eignen sich als Handbücher für Nachwuchskandidaten. Die können hier schon ganz früh erfahren, worauf sie sich einlassen.

Herzog selbst hatte nie den erkennbaren Wunsch gezeigt, sein theoretisches Wissen auch anzuwenden. Eliten zu studieren, das fand er offenbar weit spannender, als selber Elite zu sein. Kirsten Wenzel

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