Zeitung Heute : Geb. 1932

Der Tagesspiegel

Er war Flugzeugkonstrukteur, doch die DDR durfte keine Flugzeuge bauen. So wurde er Luftfahrtfunktionär im Ministerium. Später zeichnete er nur noch Flugzeuge. Eines seiner Bücher heißt „Fliegende Kisten von Kitty Hawk bis Kiew“.

Auf dem Tisch in der Veranda liegt ein grauer Plastikbaustein. Vorn ist ein schwarzer Propeller dran, dem ein Flügel fehlt. Alle anderen Steine liegen in der Spielkiste des Enkelsohns. Klaus Huhndorfs Leben drehte sich um die Fliegerei. Aber ein richtiger Flieger ist er nie gewesen, das blieb ihm verwehrt. Huhndorfs Vater, Chef einer Flugzeugwerkstatt, kam bei einem Absturz ums Leben. Da war sein Sohn gerade zwei Jahre alt. Und jetzt fehlt dem Propeller des Urenkels ein Flügel.

Klaus Huhndorf, aufgewachsen in Grünau, zog Anfang der siebziger Jahre nach Schönefeld zu den Flugzeugen. Bei der DDR-Fluggesellschaft hatte er mit den Fliegern zu tun, im DDR-Ministerium für zivile Luftfahrt verwaltete er sie, und als technischer Grafiker zeichnete er sie. Nach der Wende war er Kommunalpolitiker in Schönefeld und plante das Leben der kleinen Gemeinde mit der riesigen Fliegerwiese.

Im Schönefelder Amt, das er bis 1997 leitete, hängt eine bunte Karte des Ortes. Oben und unten sind ein paar gelbe und grüne Siedlungen zu erkennen. Mittendrin hat sich ein großes, tiefrotes Gebiet ausgebreitet, der geplante Großflughafen. Ein gieriges, Fläche fressendes Monster. Huhndorf hat versucht, sich mit diesem Monster zu arrangieren: als Bürgermeister, als Abgeordneter im Kreistag, als Amtsdirektor und als Pensionär, der den Schönefelder Bauausschuss leitete. Der Flughafen ist eine Chance für Schönefeld, da war er sich sicher. Zumal es zwecklos sei, sich gegen ihn zu wehren. Man dürfe sich aber nicht unterbuttern lassen. Wichtig sei, dass beim Ausbau für die Landgemeinde etwas herausspringe.

Im Büro des Schönefelder Amtsdirektors stehen graue Ordner. Auf vieren steht „Diepensee“, auf zwei weiteren „Neu-Diepensee“ und auf einem „Umsiedlung“. Huhndorfs Nachfolger zeigt einen Umsiedlungsvertrag, er sei stolz darauf, sagt er, den habe Huhndorf zusammen mit ihm erarbeitet. 350 Menschen ziehen von Diepensee nach Neu-Diepensee, der Vertrag regelt die Details.

Wenn es Streit gab, lud Klaus Huhndorf die Kontrahenten zur Schlichtung ein, auf die Couch in seinem Büro. Wenn die Argumente knapp wurden, holte er Fachleute dazu. Er habe sich nie, so wird gesagt, auf die Seite der Flughafenbefürworter oder der Flughafengegner ziehen lassen. Für ihn ging es um die Details. Während die Flieger von Schönefeld nach Moskau, London und Kairo starteten, fuhr er mit seinem roten Audi 80 nach Kiekebusch, Waltersdorf, Waßmannsdorf und Großziethen und schaute, ob die Gehwege in Ordnung und die Brücken sicher sind.

Auf dem Schönefelder Amtsblatt prangt bis heute eine Grafik, seine Grafik, Huhndorf hat sie gezeichnet: eine Dorfkirche, daneben ein Neubaublock. Dazwischen Bäume, darunter ein Fischteich. Und über allem eine weiße Iljuschin. Klaus Huhndorf wollte in Schönefeld all das zusammenbringen. Aber schon auf seiner Grafik hat man den Eindruck, dass das Kreuz des Kirchturms dem Flugzeug im Wege steht.

Der Schönefelder Norden: Huhndorf hatte einen Investor aus Westdeutschland überzeugt, auf dem Acker nördlich der Bahnlinie eine Wohnanlage zu bauen. Daneben steht jetzt ein Hotel und ein Verteilzentrum der Post. Allen hatte er versprochen, dass bald die zweite Brücke über die Bahn kommt, die den Weg zur Fernstraße verkürzt. Das Geld war beantragt, Kostenvoranschläge eingeholt, dann erließ das Land den Baustopp: So lange die Sache mit dem Flughafen nicht klar ist, geschieht erst mal gar nichts.

Und die Autobahnverlängerung in Richtung Rudow, von den Flughafenplanern in einem Schall dämmenden Tal angekündigt und daraufhin von der Gemeinde genehmigt, soll nun als hässlicher Wurm auf graue Betonstelzen gesetzt werden. Das würde den ohnehin schon von der Bahn in zwei Hälften geteilten Ort zu einer Vier-Viertel-Gemeinde machen.

Auch in der alten Zeit wurde Klaus Huhndorf in seiner Flugzeugbegeisterung enttäuscht: Nach dem Absturz eines Testflugzeugs verboten die Russen den DDR-Flugzeugbau. Huhndorf war damals Flugzeugkonstrukteur. Er bekam einen Job bei der Fluggesellschaft, die damals in der DDR auch noch Lufthansa hieß und studierte dann noch einmal Luftfahrt. Aber die große Karriere blieb ihm verwehrt: Da er seine Meinung zu selten verheimlichte, bekam er die weniger wichtigen Posten. Beim Luftfahrtministerium war er Beauftragter für „wissenschaftliche Arbeitsorganisation“, ein Rationalisierer, der auch mit dem Umweltschutz zu tun hatte – für den es nur ganz selten Geld gab.

Als seine Schwester in den Westen ging, durfte der begeisterte Segelflieger nicht mehr in den Himmel des kleinen Landes starten. Er wäre bestimmt nicht abgehauen mit dem Flugzeug, aber für die freiwillige Zusatzrente zahlte er auch kein Geld ein: Als Pensionär wollte Huhndorf auch in den Westen.

Anfang der Achtziger gab er seinen Verwaltungsjob auf. Fortan saß er in seiner Veranda, auf dem Kopf eine Grafikerbrille mit eingebauter Lupe, zwischen den Bügeln am Hinterkopf ein kleines Schild: „Bitte nicht stören!“ Klaus Huhndorf zeichnete Flugzeuge. Die Bücher mit den Zeichnungen erschienen im DDR-Verlag fürs Verkehrswesen. Sie heißen „Junkers und seine Flugzeuge“ oder „Fliegende Kisten von Kitty Hawk bis Kiew“. Seine Grafiken im Kinderbuch „Das Flugzeug“ erklären zum Beispiel, was eine Schubumkehr ist: Da gibt es Klappen hinter dem Düsentriebwerk, die den Luftstrom in die Gegenrichtung lenken.

Für die Grafik der Junkers 52/3m, schraffierte er zunächst mühsam ein großes Blatt Zeichenkarton mit dem Wellenmuster der Blech-Außenhaut. Daraus schnitt er das Flugzeug aus und verfeinerte die Farben, bis es aussah, als ob sich im Aluminium die Sonne spiegelte. Mit der Lupe zeichnete er dann Antennen, Windmesser und Nieten darauf.

Einmal, so scheint es, hat er einen Fehler gemacht: Von der Seite betrachtet, ist ein Propellerblatt unten kürzer als das obere. Es ist ein Propeller mit drei Flügeln. Der obere steht parallel zur Zeichenebene, die beiden unteren nicht; daher erscheinen sie kürzer. Der Fehler liegt nicht beim Zeichner, sondern beim Betrachter, der Propeller ist völlig in Ordnung. Christian Domnitz

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