Zeitung Heute : Geb. 1935

Der Tagesspiegel

Wenn er sang, trug der 1,96 Meter große, kräftige Mann einen schwarzen Talar mit weißem kurzen Spitzenkleid darüber.

Ende der siebziger Jahre, als in den katholischen Kirchen immer seltener Latein gesprochen wurde und Klatschlieder mit Gitarrenbegleitung ihren Siegeszug durch die Gottesdienste begannen, gründete Hans-Joachim Hoppe gemeinsam mit einem weiteren Gemeindemitglied und dem Organisten der St.-Judas-Thaddäus-Gemeinde in Tempelhof die Choralschola. Da trafen sich nun wöchentlich zehn bis zwanzig Männer, um lateinische Choräle zu singen.

„Seit seiner Kindheit war Hans in der Kirchengemeinde aktiv gewesen, aber im Chor hatte er früher nie gesungen“, sagt seine Frau. Auch zu Hause war er keiner, der ständig ein Liedchen auf den Lippen gehabt hätte. Er mochte klassische Musik. Die hörte der gelernte Bürokaufmann daheim in moderater Lautstärke, wenn er am Schreibtisch saß und mit großer Sorgfalt die Familienbürokratie erledigte oder die Jahrespläne für den Laiendienst in der Kirche erstellte.

Wie Hans-Joachim Hoppe waren die meisten Sänger der Choralscola blutige Anfänger, sowohl im Singen als auch im Latein. „Mein Mann konnte nicht einmal Noten lesen“, sagt Hoppes Ehefrau. Die alten Lieder einzustudieren, war mühsam. Denn die Jahrhunderte alten Tonfolgen entsprechen festen, komplizierten Regeln. Hans-Joachim Hoppe übte auch zu Hause – und wenn er mal nicht den richtigen Ton fand, half ihm der Sohn mit seinem Keyboard.

Weil es in ganz Berlin nur zwei Chöre dieser Art gibt, interessierten sich bald auch die Nachbargemeinden für den Gesang der Tempelhofer Choralscola. Mit den Jahren hatte die immer mehr Auftritte zu absolvieren. Bei besonderen Anlässen wie der Priesterweihe forderte der Berliner Erzbischof die singenden Männer an. Bald traten sie in Westdeutschland auf, und private Kontakte verhalfen den Tempelhofern auch zu einigen Auftritten im Ausland.

Bei ihren Auftritten trugen die Sänger lange schwarze Talare mit einem weißen kurzen Spitzenkleid, dem Rochette, darüber. Am imposantesten von allen aber war Hans-Joachim Hoppe. Mit seiner Größe von 1,96 Meter überragte der Bartträger mit dem kräftigen Körperbau alle anderen Sänger. Der Gemeindepfarrer war es, der sich den Spitznamen „Hoher Priester“ ausdachte. „Er hatte etwas ganz Besonderes in seinem Wesen", sagt der Pfarrer, „man konnte spüren wie er in sich und dem Glauben ruhte.“

Bei allem Erfolg kam es in der Scola immer mal zu Verstimmungen. Zwischen Chor und Pfarrer gab es sie zum Beispiel, wenn es darum ging, wann die Männer singen durften. „Natürlich will die Schola am liebsten an jedem hohen Feiertag, also Weihnachten oder Ostern eine lateinische Messe singen“, sagt der Pfarrer. „Aber das geht nicht. Gerade an diesen Tagen kommen viele Familien mit Kindern. Die wollen Lieder, die sie mitsingen können.“ Mit Hans-Joachim Hoppe konnte man solche Probleme rasch lösen.

Gravierender für den Zusammenhalt des Chores waren persönliche Misstöne unter den Sängern. Da ging es um Unzuverlässigkeiten, um Alkoholprobleme oder darum, dass jemand falsch sang, weil er immer schlechter hörte. Probleme dieser Art verdarben immer wieder die Stimmung im Chor. Hans-Joachim Hoppe führte die Konfliktgespräche mit Feingefühl und hielt die Choralschola so über 25 Jahre zusammen.

Die sichere Ruhe und der Glauben verließen Hans-Joachim Hoppe auch nicht, als er krank wurde. Krebs war die Diagnose, und schon bald gab es keine Hoffnung mehr auf Heilung. Immer schmaler wurde der Hüne, seinen Willen und die innere Kraft jedoch konnte die Krankheit nicht zerstören. Noch bis kurz vor seinem Tod nahm er, wann immer es ging, an den wöchentlichen Proben seiner Choralschola teil. Nicht immer hielt er bis zum Schluss durch. Noch im vergangenen Jahr sang er – wie all die Jahre zuvor – die Rolle des Pilatus in der Leidensgeschichte Jesu. An diesem Osterfest wird ein anderer der verbliebenen zwölf Sänger die Rolle übernehmen.

Sein abgegriffenes, in schwarzes Leder gebundenes Choralgesangbuch haben die Chorbrüder jetzt seiner Frau geschenkt. Ursula Engel

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