Zeitung Heute : Geb. 1935

Der Tagesspiegel

Sie brauchte keinen Märchenprinzen. Trotzdem hat sie später zu ihrem Mann gesagt: Du hast mich wachgeküsst.

Sie war fünfzehn Jahre alt, als er sie zum ersten Mal sah. Rotkariertes Kleid, die langen blonden Zöpfe über die Schultern geworfen, eine Gitarre in der Hand. Das war Chrille. Sie konnte singen und war hübsch anzuschauen, damals am Lagerfeuer bei den Pfadfindern. Und dann: „Chrille" – den Berliner Spitznamen für Christl und Christian konnte man über die Felder rufen, der klang einfach gut.

Aber was war das bloß, was er für sie empfand? Neugier, Zuneigung, Liebe? Er hatte noch keine Worte dafür, und es fehlte der Mut, nach ihnen zu suchen. Klar war die Ansage der Eltern: Bloß nicht früh binden, erst musst du eine Ausbildung haben, du bist doch noch ein Kind. Als es dann so weit war, da hatte die Chrille längst einen anderen geheiratet. Und er heiratete dann auch eine andere. So war das damals in Deutschland, in den fünfziger Jahren.

Im Jahr 1982 traf er sie wieder. In einem Predigerseminar, als Betreuer junger Vikare und Religionslehrer. Er war evangelischer Pfarrer geworden, sein Haar war grau, seine Ehe seit Langem in der Krise. Chrille hatte sich die Zöpfe abgeschnitten, aber sie sang immer noch zur Gitarre, jetzt als Religionslehrerin. Nach dem Seminar trat er neben sie und fragte: Bist du es? Und sie sagte: Ja.

Als er ihr ein paar Wochen später zum Geburtstag gratulieren wollte, war sie verreist. Aber im Sommer traf er sie, da saß sie auf der Terrasse und strickte. Er setzte sich zu ihr und fand endlich die Worte, die er vor 30 Jahren gesucht hatte. Sie strickte weiter – und errötete. Sie hatte viel hinter sich, ein ganzes Leben. Erst als Hausfrau und Mutter zwei Kinder großgezogen, dann die Trennung vom Mann, die Suche nach dem eigenen Weg, Reisen nach Südafrika und Israel, Studium, Beruf. Christl Villiers war eine schöne, blonde Frau, politisch engagiert, voller Energie, mit sonnengebräuntem Teint. Eine Lehrerin, die die Schüler liebten. Sie brauchte keinen Märchenprinzen. Trotzdem hat sie später zu ihm gesagt: Du hast mich wachgeküsst.

Seine große Liebe war ihm zum zweiten Mal begegnet, das war nicht der Auslöser, aber es stellte ihn vor die Entscheidung, sich nun scheiden zu lassen. Man ist nicht nur Vorbild, sagte der Pfarrer, man ist auch Mensch. Er erklärte seine Entscheidung dem Bischof und fuhr mit der Liebe an die See, nach Travemünde. Dort kauften sie himbeerroten Nagellack, nannten die Farbe Travemünde-Rot und waren glücklich.

Es schien so, als könnten sie von vorn anfangen. Alles aufholen. Er mochte es, wenn sie sich die Nägel lackierte, wenn sie sportlich-elegante Kleider und gewagte Hüte trug. Er entwarf Schmuckstücke für sie und versprach ihr ein Haus in Schweden. Sie luden Gäste ein und reisten viel. Fünf unbeschwerte Jahre sind es gewesen.

1988 stellten die Ärzte bei einer Routineuntersuchung fest, dass Christl an einer Blutkrankheit mit dem Namen Plasmozytom litt, unheilbare Zellwucherungen, die das Blut zerstören. 1990 heirateten sie. Ein Jahr darauf begannen ihre Knochen zu brechen wie Glas.

1991 wurde ein schlimmes Jahr, obwohl es damit begann, dass ihr Mann das Haus im schwedischen Björkered bauen ließ. Im Herbst kam der Zusammenbruch. Jeder Atemzug tat Christl weh, der Professor gab ihr noch sechs Wochen zu leben. Sie lag im Sterben, hatte kaum noch rote Blutkörperchen, als ihr Mann seine Frau aus der Klinik holte. Er brachte sie zu einem anderen Arzt und das Wunder geschah: Sie begann wieder zu leben. Langsame Besserung. Beide wussten, es würde nicht auf Dauer sein. Doch wie viel Zeit bedeutet das genau? Drei Jahre maximal, sagten die Ärzte. 1992 lernte Christl wieder laufen. Die Chemotherapie alle sechs Wochen gehörte jetzt zum Leben.

Es folgten die geschenkten Jahre. Jahre im Ferienhaus in Björkered, von dem Christl geglaubt hatte, sie würde es nie mehr sehen. Dort nach langer Fahrt ankommen, der Geruch von frisch geschlagenem Holz, der große Eisenofen, die Butterblumen vor dem Haus, Aal essen, Krabben pulen, die schwedischen Freunde. Glück, das noch köstlicher schmeckt, wenn jede Reise die letzte sein kann. Christl klagt nicht. Sie strahlt. Sie genießt. Sie wird zweimal Oma und freut sich. Sie lädt die Freundin ihrer Tochter nach Björkered ein, die für die schwedischen Freunde auf der Veranda Flamenco tanzt. Wir haben gelebt, als ob es die Krankheit nicht gäbe, sagt ihr Mann. Die Krücken standen neben der Tür.

Im Jahr 2000 wurden Christls Blutwerte schlechter. Sie brach sich den Fersenknochen beim Spazierengehen und musste wieder auf Stützen gehen. Ihr Mann baute mit drei Handgriffen den Citroën um und kutschierte sie durchs Umland, in die Uckermark und an die Ostsee. Am Strand von Rügen fing sie die Sonnenstrahlen mit der Nase, während er sich in die Wellen schlug. Die Tendenz war klar. Bei jeder Untersuchung fanden sich weniger rote Blutkörperchen. Im Herbst 2001 machten sie noch eine Reise, tranken Wein in der Pfalz, genossen die Oktoberwärme. Für ein paar Wochen blühte das Leben zum letzten Mal. Am 20. Oktober brach sie nachts in seinen Armen zusammen. Ihre letzten Worte am Abend davor: Morgen, wenn es hell wird.

Nach ihrem Tod ist er umgezogen, in eine Wohnung mit Blick über Friedenau. An den Wänden: Fotos von Christl in Björkered, auf Samos, im Schloss Gripsholm. An der Badtür hängt ihr Morgenmantel neben seinem. Einen kleinen Fingernagel hat er rot lackiert. Travemünde-Rot. Kirsten Wenzel

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