Zeitung Heute : Geb. 1954

Der Tagesspiegel

Im Atelier zog er den weißen Vorhang zu, um ungestört zu sein. Im letzten Jahr sah ihn sein Künstlerkollege daher nur noch selten.

Sie trafen sich 1995 in einer Kneipe, im Rabu, einem Künstlertreff in Friedrichshagen. Der eine kam aus dem Westen, der andere hatte immer in Ost-Berlin gelebt. Der Wessi hatte ein gut gehendes Atelier in Siegen, der Ossi wagte noch nicht, „Künstler“ zu sagen, wenn er nach dem Beruf gefragt wurde. Der aus dem Westen kannte niemanden in Friedrichshagen, der aus dem Osten kannte jeden. 1996 zogen sie zusammen und wurden ein Künstlerpaar. Wolfgang Eigendorf und Lutz Dransfeld. Man darf sich darunter ein eheähnliches Verhältnis vorstellen. „Wir steckten im verflixten siebten Jahr“, sagt der, der übrig geblieben ist.

Ihre Werkstatt nannten sie „atelierkunstraum“, die Kunst in der Mitte kursiv. Hier arbeiteten sie nicht nur gemeinsam, hier luden sie auch zweimal im Jahr andere Künstler zu Ausstellungen ein. Dann mussten die weißen Räume leer geräumt, die Leinwände, Farbpasten, Kunststoffrollen in den Garten gebracht werden. Halbe Umzüge waren das. Dransfeld wohnte über dem Atelier, Eigendorf schräg daneben. Sie trafen sich morgens zum Frühstück, legten den Garten mit meterlangen Bildflächen aus, malten und zeichneten bis zur Dämmerung. Abends kamen die Gäste zum Feiern, manchmal waren es 300. Dann wurde auf einem großen gusseisernen Rost gegrillt, viel getrunken und zur Musik der Band Phunk M.O.B. getanzt. Die Nachbarn in Friedrichshagen staunten.

Das war ein erfolgreiches Paar. Dransfeld hatte gute Kontakte in den Westen und konnte verkaufen, Eigendorf im Eiltempo kreativ sein. Ihre Aufträge waren lukrativ: Raumgestaltungen und Lichtinstallationen für den WDR, Banken, Kliniken und Kinos. Sie hatten alles: Kreativität von morgens bis abends, Ausschweifung nachts, genug Geld, einen großen Freundeskreis, Erfolg bei den Frauen. Der Traum vom Künstlerleben im echten Leben, Party ohne Ende.

Ja, sie waren unterschiedlich. Schon das Aussehen: Dransfeld blond, mit Sommersprossen und heller Hornbrille, Eigendorf fast wie ein Indianer, mit langem schwarzen Haar und dunklen Augen, die er hinter Sonnenbrillen verbarg. Und dann ihr Wesen, ihre Art zu leben, ihre Kunst! Wenn Dransfeld von Eigendorf erzählen soll, beginnen seine Sätze in der Regel so: „Im Gegensatz zu mir, war Wolfgang …“ Introvertiert, zum Beispiel, verschlossen, hintergründig. Oft eine Qual für den redseligen Siegerländer, der sich über Kunst und Innenleben austauschen wollte. Der diskutieren wollte, während der andere nur in sich hineinschwieg und machte.

Einmal hat das Fernsehen einen Film über sie gemacht, über das Leben eines Künstlerpaares. Dransfeld hat die ganze Zeit gesprochen, Eigendorf saß daneben und schwieg, versunken in seine Welt.

Sie konnten über alles verschiedener Meinung sein – Politik sowieso, Kunst, Alltagsfragen. Über offene und geschlossene Fenster und das Licht nachts im Flur. Eigendorf mochte die Fenster geschlossen, und das Licht machte er immer gleich aus. Auch über die verzierten Terrakottatöpfe im Garten konnte er sich ereifern. „Ich kann diese Wülste nicht leiden“, rief er dann, „diese komischen Pickel sind ekelhaft“. Die Kübel blieben trotzdem stehen.

In seiner Kunst drückte Eigendorf sich aus, hier wurde er gesprächig: die Bilder überschwelgend, hochenergetische farbige Krakulaturen, dynamische Farbschichten, die auseinander springen. Dransfeld dagegen ordnete sich mit seiner Kunst: Sie ist logisch, klar, rational, fügt sich perfekt in moderne Arbeitsräume ein. Im „P 1“ am Potsdamer Platz kann man ihre letzte gemeinsame Ausstellung anschauen. Die grafisch aufgebauten blau-weißen Glaskästen sind von Dransfeld, die Zeichnungen mit Titel wie „Nestaufregung“ und der drei Meter große bunte Vogel über der Theke natürlich von Eigendorf. „Wir haben uns ergänzt, gebraucht, uns aneinander gerieben“, sagt Dransfeld.

Wenn sie sich nicht sehen wollten, zogen sie den weißen Vorhang zu, der ihr neues Atelier mit Glasdach in zwei Räume teilte. Dann musste man dem anderen nur dabei zuhören, wie er die Leinwand mit Farbe bestrich. Im letzten Jahr war der Vorhang fast immer geschlossen. Dransfeld und Eigendorf gingen sich aus dem Weg. Nach den intensiven Jahren brauchte jetzt jeder seine eigene Welt, sein eigenes Leben, ertrug die kritischen Kommentare des anderen nicht mehr.

Eigendorf hatte ein neues Atelier gefunden, gerade mal 100 Meter durch die Gärten entfernt. Dorthin wollte er in diesem Frühling ziehen, die Wandfarbe hatte er schon gekauft. Eine neue Ausstellung war in Vorbereitung.

Eine Woche vor seinem Tod setzten sie sich wieder zusammen und planten ein neues Projekt. Sie stellten fest, dass es irgendwie doch weitergehen soll, wenn auch anders als bisher. Wolfgang Eigendorf starb allein, ein plötzlicher Herzinfarkt. Das Fenster stand offen, Schnee fiel herein, das Licht brannte die ganze Nacht.

Die Party war vorbei, endgültig. Kirsten Wenzel

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