Zeitung Heute : Gebärde oder Lautsprache

Hörgeschädigten-Pädagogen der Humboldt-Uni streiten über die Integrationsmethode für Kinder

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Schwerhörige Kinder sollten nach Ansicht von Eltern und Pädagogen künftig stärker über die Lautsprache und nicht allein über das Gebärden in die Gesellschaft integriert werden. „Lautsprache ist nicht für jeden Hörgeschädigten geeignet, aber ich glaube, man muss jede Chance nutzen, um Menschen zum Hören zurückzuführen“, sagte der Fachpädagoge KlausDietrich Große von der Berliner Humboldt- Universität.

Hintergrund ist die geplante Zusammenlegung zweier Lehrstühle an der Humboldt-Universität, bei der die Gehörlosen- und Schwerhörigen-Pädagogik der Gebärdensprachforschung zugeschlagen werden soll. Berlin ist eine von fünf Ausbildungsstätten bundesweit. Die Bundesgemeinschaft der Eltern hörgeschädigter Kinder und auch die Bundesdirektorenkonferenz der Spezialschulen fürchten durch die Zusammenlegung der Lehrstühle eine einseitige Förderstrategie, bei der die Gebärdensprache dominiert.

„Eine Erhebung an diesen Schulen hat jedoch gezeigt, dass mindestens 75 bis 80 Prozent der dortigen Schüler schwerhörig und nicht gehörlos sind“, sagte Große. Hier könne Lautsprache in unterschiedlicher Stärke zurückerlangt werden. In der Hörgeschädigten-Pädagogik sind Lehrerschaft und Fachleute seit langem gespalten. Die starke Lobby der zahlenmäßig geringeren Gehörlosen, die von Geburt an nicht hören, macht sich für den frühen Zugang zur Gebärde als Ausdruck einer eigenen Sprachkultur stark. Die andere Seite votiert für den Erwerb der Lautsprache, die seit rund 20 Jahren auch durch so genannte Cochlear-Implantate gefördert werden kann.

„Die Zahl der Kinder, die diese Implantate erhalten, steigt rapide – auch wegen der stetigen Verbesserung der Geräte“, sagte Klaus-Dietrich Große. Dennoch sei eine solche Operation keine Erfolgsgarantie. Das Hören müsse danach relativ mühsam erlernt werden und dies funktioniere nicht immer gleich gut. Einen einfachen Königsweg gebe es somit nicht. „Auch künftig wird es immer Kinder für Gebärdensprachdominanz geben“, betonte Große. Dies dürfe die anderen Hörgeschädigten jedoch nicht in die Sprachlosigkeit führen. In Deutschland gibt es insgesamt rund 14 Millionen Menschen mit Hörproblemen. dpa

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